"Für mich? Wirklich?" Ihre Augen glänzen. – "Schön, was?" – "Und wie! Hast Du das auch Deinen anderen Frauen geschenkt?" – "Schon. Aber Deine sind unvergleichlich." – "Was ist das für ein Material?" – "Säbelzahntigerzähne mit Feuerstein."
Aha. Alles klar: Steinzeit. Aber es dreht sich eindeutig um Schmuck. Ja: schon damals. Und seit damals bis heute. Was, allen Ernstes, eine Frage aufkeimen lässt: Gehört es zum Grundbedürfnis des Menschen, sich zu schmücken? Weshalb eigentlich?
Spontane Antwort einer Freundin, die selbst keinen Schmuck trägt: Weil man sich schöner machen will.
Klingt im ersten Moment bestechend. Aber stimmt das wirklich? Es wird doch niemand im Ernst annehmen, dass frau schöner ist, wenn sie eine Perlenkette trägt, oder dass mann besser aussieht, wenn an seinem Ringfinger ein häuserblockgroßes Unding aus Gold steckt, sodass er mit der Hand fast nicht mehr greifen kann.

Dementsprechend hat der englische Humanist und Lordkanzler Sir Thomas More (auch Thomas Morus) vom Schmuck wenig gehalten. In seiner philosophischen Erzählung über das Land Utopia schreibt er: "Die Utopier verstehen es nämlich nicht, wie ein Mensch, der die Möglichkeit hat, einen Stern oder auch die Sonne selbst anzusehen, an dem stumpfen Schimmer eines kleinen Edelsteins Gefallen finden mag."

Na, wie schon? "Diamonds Are a Girl’s Best Friend" hat Marilyn Monroe 1953 in Howard Hawks Musical-Verfilmung "Gentlemen Prefer Blondes" ("Blondinen bevorzugt") gehaucht.
Das freilich ist aber der reine Quatsch, der nur jemandem einfällt, der selbst sehr blond zu Frauen steht und noch nie einen schmuckbehängten Mann gesehen hat. Fette Goldkette, dicker Ring, Sportwagen – es sind keineswegs nur Drogendealer, die so auftreten.
Aber Athene, der Göttin der Weisheit, sei’s geklagt, auch der Olympier dachte so: "Wir Mädchen sind doch eine wunderliche Nation. Kaum heben wir den Kopf nur ein wenig wieder, so ist gleich Putz und Band, was uns beschäftigt", lässt Johann Wolfgang von Goethe in "Clavigo" die Marie sagen. "Clavigo" also – ja, eh. Das Stück, das weder "Götz" noch "Iphigenie" noch "Tasso" ist und schon gar kein "Faust".

Dann wäre Schmuck also primär ein Statussymbol, was immerhin die Schmuckbesessenheit von Kaisern, Königen, Fürsten erklären würde – und obendrein die von, ja: auch Päpsten und Bischöfen, denn mit dem Glauben hat das wenig zu tun. Jesus Christus, der jüdische Wanderprediger, mit goldener Krone, dass einen Pilatus der Neid fressen würde? – Undenkbar. Aber die Künstler sehen den König des Himmels so, und wer ist ein Papst als Stellvertreter Christi, dass er den Künstlern widerspräche?
Andererseits: Ist an der Verschönerung durch Schmuck wirklich nichts dran?
Natürlich hält es die Vernunft mit Thomas Morus – aber es gibt ein Aber. Kommt nämlich drauf an, welchen Schmuck wer trägt. Ein Collier kann durchaus geeignet sein, unschöne oder gealterte Hautstellen zu verdecken oder den eventuell prüfenden Blick des Gegenübers abzulenken. Auf die Augenfarbe abgestimmter Ohrschmuck betont das Leuchten der Augen. Ein exquisiter Ring lenkt den Blick auf die Schönheit der Hände. Es ist nun einmal so, dass der Gesamteindruck zählt – und den kann Schmuck durchaus heben.

Ein guter Juwelier weiß das. Er wird Frauen und gegebenenfalls auch Männer in der Auswahl der Schmuckstücke beraten, indem er das gesamte Erscheinungsbild der Person, ihr Auftreten ebenso wie ihr Aussehen, im Blick hat. Wenn die Beratung nur darauf abzielt, die teuersten Stücke zu verkaufen (das merkt man gleich), sollte man den Laden schleunigst verlassen.

Apropos Preis: Das ist auch so eine Sache. Bei Schmuck nämlich gilt es fein zu unterscheiden zwischen Preis und Wert. Der Wert ist es, der den Preis mitunter in astronomische Höhen katapultiert. Und wie bei Kunstwerken: Der Wert ist, was bezahlt wird. Wie sonst sollte man einen Leonardo taxieren? Nach Materialwert? Einmal gerechnet: Das Pappelholz bekommt man für drei Euro, Ölfarben gibt’s zu 11,15 Euro pro Tube. Mit rund 150 Euro müsste man hinkommen – na schön: Der Arbeitsaufwand will gerechnet sein, großzügig eine Null angehängt und im Louvre nachgefragt, ob man die "Mona Lisa" für 2.000 Euro, schließlich will man nicht knickern und knausern, haben kann.

Allerdings hat schon im Jahr 1518 der französische König Franz I. Leonardo 6.250 Golddukaten für die Mona Lisa bezahlt. Umgerechnet wären das etliche Millionen Euro. Heute taxieren Experten das Bild auf über 870 Millionen Euro – wobei das von Versicherungssummen abgeleitet wird. Der tatsächliche Wert ist längst nicht mehr zu ermitteln.
Der kleine Exkurs in die Bizarrerien der Kunstwelt war notwendig, weil es sich beim Schmuck ganz ähnlich verhält: Wert und Materialwert differieren oft empfindlich.

Der Materialwert mag dabei durchaus beträchtlich sein, etwa, wenn für das Schmuckstück hochkarätiges Gold mit hochkarätigen Edelsteinen kombiniert wurde. Allerdings ist ein Haken dabei: Es kommt – und da sind wir jetzt wieder bei der Kunst – auch auf die Verarbeitung an. Wenn das Schmuckstück aus einer Serie stammt und nach einem schablonenhaften Grundentwurf angefertigt ist, helfen alle Karat beim Gold und den Edelsteinen nicht: Man bezahlt dem Händler mehr, als das gute Stück wert ist.

Beim eventuellen Verkauf folgen dann mitunter die langen Gesichter, wenn nur der Materialwert zählt. Vor allem bei neuen Schmuckstücken ist das fast die Regel. Alter Schmuck hat eine ganz andere Wertigkeit.
Umgekehrt kann eine künstlerische Idee das Schmuckstück gehörig verteuern. Eine Art-déco-Halskette aus einem Dutzendmaterial wie Bernstein klettert dann an die 1.000-Euro-Grenze heran und auch schon einmal darüber hinaus. Eine Halskette aus Bakelit, angeboten um 1.200 Euro – Bakelit ist einer der frühen Kunststoffe. Und dafür dieser Preis? Ja, denn den Wert macht der Designer aus, in diesem Fall Jakob Bengel.

Wenn nun zum wertvollen Material der außerordentliche Entwurf dazukommt, kann der Wert ins nahezu Unermessliche steigen. Eine diamantbesetzte Brosche in Blumenform aus dem Biedermeier um 14.000 Euro ist da nur ein Vorgeschmack. Für ein Diadem mit Perlen und Diamanten in Gold und Silber gefasst aus der Zeit um 1895 muss man schon das Doppelte hinblättern und kommt damit noch recht gut weg. Nach oben ist sowieso alles offen.
Die Crux an der Sache: Ohne Ausbildung oder zumindest langjähriges Interesse ist nichts zu wollen. Ob man als Laie kauft oder verkauft: Glück kann man haben und Pech ebenso. Als Verkäufer muss man wissen, was man hat, als Käufer, worauf man aus ist. Es ist besser, sich die eigene Unkenntnis einzugestehen, als weit unter Wert zu verkaufen oder ein Schmuckstück zu überzahlen. Auch bei "Bares für Rares" sind die außerordentlichen Objekte, für die es außerordentliche Summen gibt, eher der Ausnahmefall als die Regel.

Dazu kommt, dass man unbedingt wissen muss, was man von einem Schmuckstück erwartet: Soll es eine reine Wertanlage sein? Dann wird man auf hochwertige Materialien achten. Oder soll es einen dekorativen Zweck erfüllen? Da kommt dann eventuell der preisgünstigere Modeschmuck des Jugendstils in Betracht, der oft mit unedlen Materialien arbeitet, sie aber durch schöne Formen und ausgefallene Ideen aufwertet.

Man kann nie genug Schmuck haben. Oder? 
- © Jonathan Kitchen / Getty

Man kann nie genug Schmuck haben. Oder?

- © Jonathan Kitchen / Getty

Dass Schmuck tatsächlich als Wertanlage gedacht sein kann, weiß man (je nach eigenem Alter) von der Generation der Großeltern und Urgroßeltern. Da wechselte schon einmal ein Ring als Gegenwert für Suppe, Erdäpfel und Fleisch den Besitzer. Und Schmuck hat auch, sollte man fürchten, fliehen zu müssen, die angenehme Eigenschaft, dass er am Körper getragen werden kann. Zumindest in der Theorie funktioniert das. In der Praxis wird man sich, sollten solche Katastrophenszenarien eintreten, der Leibesvisitation mit anschließendem Diebstahl der Schmuckstücke nicht entziehen können.

Doch Schmuck ist mehr als verarbeitete mehr oder minder edle Materialien. Schmuck ist mit Mythen und Geschichten verbunden: Auf der ganzen Welt existieren Sagen und Märchen über Ringe mit magischen Kräften. Richard Wagner brauchte sich für seine Opern-Tetralogie "Der Ring des Nibelungen" und J. R. R. Tolkien für seine Roman-Trilogie "Der Herr der Ringe" nur zu bedienen.

Ehe die Kunst der Décadence geradezu in Schmuckstücken wühlt, etwa, wenn in Oscar Wildes "Salome" der lüsterne Herodes seiner Tochter die Schmuckstücke beschreibt, die er ihr geben will für den Fall, dass sie auf den Kopf des Jochanaan verzichtet, verfällt in Georg Büchners "Woyzeck" Marie dem Tambourmajor, als er ihr Ohrringe schenkt.
Natürlich gewinnt Schmuck bei Franz Schreker, dem Großmeister der Dekadenz-Oper der Zwischenkriegszeit, eine besondere Bedeutung: In "Der Schatzgräber" verfällt eine Frau dem gestohlenen königlichen Schmuck dermaßen, dass sie Morde begehen lässt, um ihn in ihren Besitz zu bringen. Am Höhepunkt zeigt sie sich ihrem Geliebten nackt, nur mit dem Schmuck bekleidet. Der Orgasmus des mitlechzenden Orchesters ist unbeschreiblich.

Hinter all diesen Exzessen um Geschmeide steht natürlich der geniale erste Serienkiller-Roman der Geschichte: E. T. A. Hoffmanns Novelle "Das Fräulein von Scuderi", in welcher der Pariser Goldschmied Cardillac erst seine Arbeiten verkauft, die Käufer dann aber ermordet, weil er sich von seinen Werken nicht trennen kann.

So hat jedes Schmuckstück, scheint es, seine Geschichte – und das keineswegs nur bei Hoffmann und Schreker. Schmuckstücke können auch für innerfamiliäre Geschichten stehen und sowohl von Freude wie von Leid berichten. "Perlen bedeuten Tränen", sagt Emilia Galotti in Gotthold Ephraim Lessings Drama.

Der Schmuck der deutschsprachigen Siebenbürgener wiederum ist fest verwurzelt in deren Tradition und spricht für eine ganze Ethnie. Wer ihm gerecht werden will, muss ihn dadurch ehren, seine Bedeutung kennenzulernen, denn Schmuckstück war nicht gleich Schmuckstück: Wer was zu welchem Anlass tragen durfte, war genau geregelt. Zumindest wissen sollte man das, wenn man eines der stark ornamentierten Stücke trägt.
Und alles nur wegen der Säbelzahntigerzahnkette? – Es muss Magie im Schmuck stecken. Oder es ist einfach die Freude an der Schönheit. Vielleicht kommt das ja sogar auf dasselbe hinaus.