Die Auslage des kleinen Geschäftes in der Kirchengasse im siebten Wiener Gemeindebezirk vereint den Gegensatz zwischen schlicht und üppig auf die allerschönste Weise: Die Schmuckstücke – Ringe, Ohrringe, Armreifen und Ketten – sind geradlinig und ohne Schnickschnack. Das heißt allerdings nicht, dass sie simpel oder gar langweilig sind, im Gegenteil – der zweite Blick enthüllt faszinierende Details. Der Gegenpart ist das opulente Dekoobjekt aus Pampasgras und getrockneten Blumen, das wie ein riesiger Vogel über den ausgestellten Stücken schwebt. Julia Fronik, Schmuckdesignerin und Schöpferin besagter goldener und silberner Schmuckstücke, steht mit dem "Flederwisch" allerdings etwas auf Kriegsfuß, "denn, wenn man einmal anstößt oder draufbläst, rieseln und fliegen feinste Kleinteile in und durch die Auslage. Das ist dann weniger dekorativ", meint sie mit leicht gerunzelter Stirn im Gespräch mit dem "Wiener Journal".

Doch gleich kehrt die gute Laune wieder zurück, diese unbändige Energie, die Julia Fronik ständig ausstrahlt – sie brennt geradezu für ihren Beruf. Dabei war Schmuckdesignerin nicht ihre erste Berufswahl: "Ich war zwar schon als Teenager an handwerklichen kreativen Dingen interessiert, aber als Fünfzehnjährige wusste ich noch nichts von einer Lehre im Schmuckbereich. Schließlich habe ich zu studieren begonnen, aber schon bald erkannt, dass eine akademische Laufbahn nicht mein Ding ist. Ich habe dann ein Kolleg an der Grafischen gemacht und als Setzerin in einem Verlag begonnen." Später wechselte die quirlige Wienerin in die Immobilienbranche, aber das war auch nicht ihre Vorstellung von kreativ. Und weil sie der Gedanke an Schmuckdesign nie losgelassen hatte, beschloss sie, eine zweijährige Ausbildung zur Goldschmiedin zu machen: "Im Jänner 2023 habe ich Meisterprüfung und bin schon intensiv mit meiner Meisterarbeit beschäftigt – es soll ein Vitaminring werden, in der Art wie die berühmten Giftringe bestimmter Mitglieder der Borgia-Familie, aber eben mit einem gesunden und nicht mit einem tödlichen Inhalt", erklärt sie mit einem spitzbübischen Lächeln. "Und ich bin sehr stolz, dass mich Wolfgang Hufnagl, der Bundesinnungsmeister der Goldschmiede, ausbildet und begleitet."

Wellen, Schnecken und – Wut

Ihr Geschäft "Henry Wright Jewelry" hat Julia Fronik im Jahr 2019 eröffnet. Der Name ergab sich aus ihrer Begeisterung für die Fliegerei: "Ich wollte einmal Pilotin werden und habe die Wright-Brüder immer schon bewundert. Ihr Pioniergeist und ihre Begeisterung und Hartnäckigkeit beeindrucken und beflügeln mich. Und der Name Henry gefällt mir ganz einfach."

Im Laden stellt sie jedoch nicht nur ihre Schmuckstücke aus, sondern fertigt sie auch – der hintere Bereich des Geschäfts ist ihre Werkstatt. Die Arbeitsfläche ist übersät mit Werkzeugen, darunter Feilen, verschiedene Hämmer, Sägen, Dreikantschaber und Stichel, und verschiedenen Maschinen. Manches erinnert an die Utensilien in Zahnarztpraxen und tatsächlich stammen einige Materialien wie Folien oder Knetmasse aus der Zahntechnik. Diese braucht sie unter anderem für die Fassungen ihrer Schmuckstücke aus der "Abalone"-Kollektion. "Ich habe die Abalone-Schalen vor vielen Jahren in Nordkalifornien am Strand gesammelt, dann lagen sie in einer Schublade. Doch heuer wusste ich, wie ich sie verarbeiten wollte und so ist eben die Abalone-Kollektion entstanden mit Ohrringen, Ringen und Anhängern."

Edle Ohrgehänge aus der Abalone-Kollektion. 
- © Christoph Liebentritt

Edle Ohrgehänge aus der Abalone-Kollektion.

- © Christoph Liebentritt

Weil die Schalen dieser Schneckenart, die auch See- oder Meerohren genannt werden und besonders wegen ihrer reichen Perlmuttschicht begehrt sind, zwei Seiten haben, sind auch die von Julia Fronik daraus gefertigten Schmuckstücke beidseitig zu tragen, sogar die Ringe: "Sie haben seitlich einen besonderen Mechanismus, der es möglich macht, die gefasste Schale umzudrehen; so kann man je nach Lust und Laune entweder die Schaleninnen- oder -außenseite herzeigen. Und macht man sie nass, zeigt sie einen besonders schönen Glanz", sagt die Designerin.

"Abalone" ist ihre jüngste Kollektion, sie hat sie im Sommer 2022 präsentiert. Ihre erste war "The Simple", aber so simpel ist die gar nicht: "Den ersten Lockdown fand ich, ehrlich gesagt, super. Alles war in ‚Pausenstellung‘, ich habe Flyer und ähnliches gemacht – da kam mir meine Ausbildung an der Grafischen zugute – und meinen Onlineshop gestaltet. Der ist allerdings nur dazu da, um einen ersten Eindruck zu gewinnen, denn ich mache ja Einzelstücke und die meisten davon entstehen auf Wunsch des und in Zusammenarbeit mit dem Kunden. Aber irgendwann hatte ich genug von der Ruhe und der Leere in den Straßen. Also habe ich meinem Ärger und Frust mit dem Hammer Ausdruck verliehen." Das Ergebnis ist eben "The Simple", eine Kollektion von Armreifen und Ohrringen, deren Oberflächen durch die Bearbeitung mit verschiedenen Hämmern und Punzen individuelle Dellen, Beulen und Kanten haben. "Ich nenne diese Kreationen auch ‚Wutschmuck‘ und sie verkaufen sich hervorragend; die Schmuckstücke sind bis heute extrem beliebt", erzählt Fronik. So verwandelt man negative Energie in etwas Schönes…

Die Ideen für ihre Schmuckstücke holt sich die Künstlerin im Freien; Natur und Architektur bieten ein reiches Feld: "Ich lasse mich gerne im Cabrio von meinem Partner durch die Stadt fahren – er schaut auf die Straße und ich in die Luft, genauer gesagt auf die Häuserfassaden, und zwar auf die oberen Bereiche. So sind etwa Ohrringe entstanden, die sich an von Otto Wagner entworfenen Ornamenten orientieren." "The Waves", zarte, lange Ohrgehänge, bestehen aus einem glatten und einem gewellten Teil, wie der Name schon sagt. Die Idee dazu stammt, wie unschwer zu erraten, von den Wellen eines Sees oder des Meeres. In der bereits erwähnten "Abalone"-Kollektion kommt die Natur direkt zu Ehren, indem Fronik Teile der Schalen verarbeitet.

Es darf auch bunt sein

Gerne arbeitet sie auch mit Edelsteinen, am liebsten mit Saphiren, Turmalinen und Diamant-Slices. Letztere sind kleine, eher flache, unregelmäßig geformte und oft nicht fehlerfreie Diamanten, die meist aus alten Schmuckstücken stammen. Sie werden besonders gerne für Verlobungsringe verwendet: "Wenn jemand einen solchen Ring möchte, sollte er sich Zeit nehmen, denn den richtigen Stein und die richtige Ringform zu finden, kann oft bis zu zwei Monate dauern. Der Antrag sollte also genau getimt werden", schmunzelt die Schmuckdesignerin.

Verlobungsringe mit Slices für den perfekten Antrag. 
- © Christoph Liebentritt

Verlobungsringe mit Slices für den perfekten Antrag.

- © Christoph Liebentritt

Bisher ist sich aber jeder Kundenauftrag ausgegangen: "Es ist schon ein bestimmter Typ Mensch, der in mein Geschäft kommt. Diese Leute sind sehr individuell, wollen keine Massenware und sind bereit, Geld in die Hand zu nehmen, um dafür etwas Besonderes zu bekommen. Daher ist nicht Zeit der entscheidende Faktor, sondern das Ergebnis. Und soweit ich weiß, hat bisher jede der Frauen, für die ich einen Verlobungsring gemacht habe, den Heiratsantrag angenommen." Den passenden Ehering für sie und ihn fertigt die Designerin selbstverständlich auch…

Wenn Julia Froniks kreatives Gehirn einmal eine Pause braucht, fädelt sie kleine runde und eckige dünne Turmaline zu bunten Armbändern, denen sie den Namen "Rise&Shine" gegeben hat: "Es macht tatsächlich Spaß, sich einmal nicht mit Formen und Fassungen beschäftigen zu müssen, sondern sich rein auf farbliche Anordnungen konzentrieren zu können. Und das Fädeln ist gar nicht ohne – wenn die Turmaline nicht sauber durchgebohrt sind, bleibt der hauchdünne Draht auch gelegentlich hängen oder er reißt – und dann muss ich von vorne anfangen."

Die bunten Turmalin-Armbänder haben die rastlose Künstlerin auch dazu angeregt, für ihre nächsten Entwürfe mehr Steine in Ringe einzusetzen – dass die Ringe nicht immer rund sind, ist nicht ungewöhnlich. "Ich habe tatsächlich viereckige Ringe, ich muss aber zugeben, dass der Tragekomfort nicht ideal ist. Ich habe daher auch sogenannte D-Ringe, bei denen nur der obere Teil gerade ist, im Portfolio. Die sind problemlos im Alltag zu tragen."

Nachhaltigkeit ist wichtig

Rund 90 Prozent ihrer Arbeit sind Einzelanfertigungen, zehn Prozent sind Umarbeitungen alter oder aus der Mode gekommener Schmuckstücke. Fronik arbeitet nach dem Motto "Reduce – Reuse – Recycle" und bezieht Gold und Silber von der Ögussa (Österreichische Gold- und Silber-Scheideanstalt). Das österreichische Metallscheideunternehmen ist hierzulande Marktführer im Bereich Edelmetallverarbeitung und Recycling. "Edelmetalle wie zum Beispiel Gold werden seit jeher wiederverwertet – daraus gefertigte Teile werden gesammelt, eingeschmolzen und neu geschmiedet. Das nenne ich Nachhaltigkeit", sagt Fronik. Die von ihr verarbeiteten Edelsteine sind laborgeprüft, sie kauft sie von Händlern mit langjähriger Erfahrung und fundierter gemmologischer Ausbildung. Fronik sammelt auch sämtliche "Abfälle", die beim Arbeiten anfallen – selbst kleinste Gold- oder Silberspäne werden sorgfältig zusammengekehrt und zur Ögussa gebracht, um dort wieder geschieden, geschmolzen und geschmiedet zu werden.

Auch das Umarbeiten von Schmuckstücken sieht sie unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit: "Viele Menschen haben Ringe oder Armbänder, die sie nicht mehr tragen, weil sie ihnen nicht mehr gefallen, trennen wollen sie sich aber auch nicht von ihnen. Also warum nicht etwas Neues daraus machen, etwas, mit dem man sich wieder gerne schmückt? Ein neuer Kreislauf hat begonnen, denn irgendwann wird vielleicht jemand anderer denselben Gedanken haben und es wird wieder ein neues Schmuckstück daraus."

Apropos trennen: Julia Fronik ist sich natürlich bewusst, dass sie ihre Kreationen verkaufen muss, denn schließlich müssen Rechnungen bezahlt und das Leben finanziert werden. Doch manchmal gibt es Teile, von denen sie sich nur ungern trennen will: "Ich habe einmal einen Ring gemacht und ihn in die Auslage gelegt, ihn aber schon bald wieder herausgenommen. Dieses Spiel hat sich ein paar Mal wiederholt. Bis eines Tages eine Frau ins Geschäft kam und sagte, dass sie schon seit einigen Wochen immer wieder vorbeikommt und jedes Mal, wenn dieser Ring nicht in der Auslage war, befürchtet hatte, dass er verkauft sei. Und bevor dieser Fall tatsächlich eintreten konnte, habe sie sich entschlossen, diesen Ring endlich zu kaufen. Und er sah großartig an ihr aus! Wie wenn ich ihn genau für sie gemacht hätte! Das machte es mir leichter, ihn zu verkaufen", erzählt Fronik.

Julia Fronik mit ihrem Terrier Uno. 
- © Christoph Liebentritt

Julia Fronik mit ihrem Terrier Uno.

- © Christoph Liebentritt

Mittlerweile hat ganz still und leise ein weiteres Schmuckstück den Weg in die Auslage gefunden – Julia Froniks Terrier Uno, der bisher geduldig im Geschäft ausgeharrt hat, hat es sich hinter der großen Glasscheibe gemütlich gemacht und beobachtet die Welt da draußen. Im Gegensatz zu den Armreifen, Ringen und Ohrringen ist er allerdings unverkäuflich …