"Funny Girl" ist in Tanzlaune. Auf der Fahrt vom nordfriesischen Büsum zur Hochseeinsel Helgoland rockt das Motorschiff die aufgewühlte Nordsee. An Deck halten Passagiere Papiertüten bereit, andere versuchen mit einem beherzten Sprung der spritzenden Gischt zu entkommen. Nach zweieinhalb Stunden gibt der Klabautermann Ruhe. Helgoland in Sicht!

Endlich schaukelt "Funny Girl" im ruhigen Gewässer, da nähern sich vom Hafenkai auch schon offene Boote. Begleitet von Hunderten kreischenden Möwen schippern Börteboote seit fast 200 Jahren Touristen zur Landungsbrücke.
Wenn das große Linienschiff nicht im Inselhafen ankern darf, werden Besucher "ausbootet", das heißt, zum Festland gebracht. Kräftige Seemänner packen Touristen links und rechts unter den Armen und hieven dann ihr Gepäck in den hochseetauglichen Transporter aus massivem Eichenholz. Ihren Namen erhielten die Börteboote, weil die Lotsenfahrten früher ausgelost wurden, berichtet ein Helgoländer. Man nannte diese Reihenfolge "Börte". Wenn jemand feststellte, er sei nun an der Reihe, rief er auf friesisch: "Ik been nun`e beer."

Auf der Landungsbrücke wartet Gästeführerin Iris Schneider. "Riecht Ihr was?" Nur Meer und Salz. Kein Motorenlärm auf der autofreien Insel. Ein salziges, staubfreies Lüftchen weht auf dem 4,2 Quadratkilometer kleinen abgelegenen Nordseeflecken in der Deutschen Bucht. Und beim Durchfluten der Lunge mit reiner Seeluft bietet das weitläufige Inselchen auch reichlich Platz, Abstand, wo gewünscht, zu halten. Das vom Golfstrom begünstigte Hochseeklima gestatte selten mehr als 24 Grad und im Winter kaum weniger als sechs Grad, erklärt Schneider.

Der Fußmarsch vom "Unterland" in die zweite Inseletage auf das "Oberland" führt über einen (kostenpflichtigen) Fahrstuhl – oder eine zickzackförmige Treppe. Als es Lift und Elektrokarren noch nicht gab, mussten die Bewohner sämtliche Lasten mit Muskelkraft ins Oberland schleppen. Auf Absätzen auf den 184 kurzen Stufen konnten sie durchschnaufen. Wer heute "unbelastet" zur Aussichtspromenade hinaufsteigt, blickt über eine Wasserstraße auf ein abgetrenntes Düneneiland. Eine Sturmflut riss Helgoland 1720 in zwei Teile. Pläne eines Unternehmers, die Insel wieder zu vereinen und Platz für Kreuzfahrtschiffe und neue Hotels zu schaffen, fanden bei den Insulanern wenig Gegenliebe und fielen ins Wasser.

Die Narben der Vergangenheit

Strategische Überlegungen, an das Nordseeidyll planerisch Hand anzulegen, entwickelten in den 1930er Jahren bereits die Nationalsozialisten. Das Projekt "Hummerschere" scheiterte zwar, zog am Ende des Zweiten Weltkriegs aber die totale Zerstörung Helgolands nach sich. Im April 1945 bombardierten fast 1.000 Flugzeuge der britischen Luftwaffe nicht nur militärische Anlagen und legten die Insel mit der Operation "Big Bang" in Schutt und Asche. 285 Soldaten starben, die meisten Einheimischen retteten sich in tief gelegene Luftschutzbunker. Nach der Evakuierung der Insel nutzten die Briten Helgoland als Übungsziel für Bombenabwürfe. Erst 1952 gaben sie die verwüstete Insel frei, die Insulaner durften zurückkehren. Bunker und gewaltige Krater lassen Besucher 77 Jahre nach Kriegsende immer noch in einen finsteren Abgrund schauen.

Ilse Töpfer ist eigentlich Requisiteurin, hat sich aber entschieden, Touristen die Reize ihrer Wahlheimat zu zeigen. Mag sein, dass die ensemblegeschützte Inselarchitektur der 1950er bis 1960er Jahre mit eng geduckten Häusern zweckmäßig und sturmerprobt ist, als Hingucker taugt der spröde schmucklose Baustil nicht. Dafür punktet Helgoland als Kulisse für bühnenreife Naturschauspiele. Hier, ganz oben im Norden, 70 Kilometer von der Küstenlinie entfernt, sieht man nur Meer, Himmel und Horizont.
Rund 1.250 Menschen, zahlreiche Robben und mehr als 400 Vogelarten teilen sich die Insel.

Vogelparadies

Eissturmvogel, die Trottellumme oder Basstölpel, alle haben in den sturmumtosten Wänden der Felseninsel ihr Brutquartier. Vogelbeobachtern bietet sich insbesondere im Frühjahr und Herbst aus nächster Nähe eine Open-Air-Show mit Meerblick. Der Rundgang auf dem Klippenrandweg im flachen grünen Oberland ist der direkte Weg in ein Naturparadies mitten im Wasser. "Ein Paradies mit von Menschen verursachten Schönheitsfehlern", relativiert Ilse Töpfer an der Nordwestspitze vor der "Lange Anna". Tausende schnatternde Vögel tummeln sich auf dem 47 Meter aus dem Meer ragenden Naturdenkmal der deutschen Nordsee und auf dem nahen schroffen Lummenfelsen. Gar nicht tölpelhaft stoßen Basstölpel von den rostroten Felswänden hinab ins Meer. Auf ihrer Jagd nach Hering und Makrele erreichen die Luftakrobaten bis zu 100 km/h. Auch die Trottellumme führt ihren Namen ad absurdum, wenn sie auf dem Wasser pfeilschnell nach kleinen Fischen taucht. Und was leuchtet da rot, gelb und blau in den Felsspalten? Nester mit Plastik! Ihre Kinderstuben bauen die Basstölpel auch mit Müll und Kunststoffen, die sie in der See finden. Oft verschlucken sich die Eltern an dem Unrat, sterben elendig und können ihre Küken nicht mehr ernähren, weiß Iris Töpfer.

Bitte nicht knuddeln!

Zwischen November und Jänner werden Robbenbabys auf den weißen Dünenstränden geboren. 
- © Helgoland Tourismus

Zwischen November und Jänner werden Robbenbabys auf den weißen Dünenstränden geboren.

- © Helgoland Tourismus

Ein letzter Blick zu flatternden Austernfischern, Dreizehenmöwen, zu grasenden Heidschnucken und über das scheinbar endlos weite, silbrig schimmernde Wasser, dann geht es vom Unterland mit der Dünenfähre nach "Robbenland". Vom feinsandigen breiten Badestrand der Nebeninsel "Düne" windet sich durch Gebüsch aus Sanddorn und Heckenrosen ein Weg zur Robbenkolonie am Nord-ende. Himmlische Stille. Nur manchmal ist vom benachbarten Flugplatz das Brummen des Küstenfliegers zu hören. Am Wasser ruhen massige Flossenfüßer gemächlich in der Sonne. Als Ausguck dient ein Holzbohlenweg. Hier gilt: Abstand halten. Mindestens 30 Meter, mahnt eine Rangerin. Kegelrobben könnten nicht nur kräftig zubeißen, sie hätten auch eine infektiöse Maulflora. "Trubelig" werde es, wenn ab November die Babyrobben zur Welt kommen. Leider würden dann uneinsichtige Besucher den Wurfplatz mit einem Streichelzoo verwechseln oder dem Nachwuchs mit Kameras auf den weißen Pelz rücken, bedauert die Tierschützerin. Die sensible Phase der Jungtiere werde so erheblich gestört.

Delikatesse aus dem Meer

Einem anderen Meeresbewohner dürfen Inselgäste indes ohne Einschränkung näherkommen. Während sich um den vom Aussterben bedrohten Hummer eine Aufzuchtstation bemüht, ist der Knieper ("Kneifer") als delikate Insel-Spezialität in aller Munde. Meistens kommt der unverwüstliche Taschenkrebs aus dem nährstoffreichen Seewasser mit Baguette oder Toast, Cocktailsaucen und einem kühlen Weißwein auf den Tisch. Wem das Brechen der Schalen mit Zange und Messer zu "knibbelig" ist, dem bieten Helgolands Kombüsen alternative eiweißreiche Hochgenüsse. Zum Beispiel gebeizten Lachs mit Senf-Honig und einem Hauch Curry oder ein Fischbrötchen aus der Hummerbude.

Die in den 1950er Jahren gebauten, bunt gestrichenen Holzhäuschen reihen sich wie Farbwürfel in einem Malkasten die Hafenstraße entlang. In den Schuppen lagerten Fischer früher Hummerkörbe, Aalstecher und Stellnetze. Heute sind auf der Touristenmeile Bistros, Cafés, Galerien sowie das James-Krüss-Museum untergebracht. In seinem Kinderbuch "Mein Urgroßvater und ich" hat Helgolands Schriftsteller 1959 dem Leben auf dem Felssockel und den Hummerbuden ein Denkmal gesetzt. Warum der Poet in seiner Erzählung die Schuppen jedoch vom Hafen ins Oberland verlegt hat, bleibt sein Geheimnis.