"Du, hast a Ahnung, wo da Lucius steckt?" – "Da Lucius is mit da Marcia an Red Bull holen."
Posca sollten sie trinken, der Lucius und die Marcia, dieses erfrischende Getränk aus Weinessig und Wasser, eventuell verfeinert mit Traubensaft oder einem Tropfen Honig und besser als alles, was Coca Cola und Red Bull zu bieten haben.
Männer in Togen und Tuniken und bestickten Hosen, Frauen in intensiv gefärbten Kleidern, die auf raffinierte Weise die Figur verhüllen und betonen. Kein heutiger Couturier kann es aufnehmen mit der römischen Antike. Ein Musiker spielt auf einem Aulos. Hinten sitzen zwei Legionäre beim Würfelspiel. Carnuntum, wie es wieder einmal lebendig geworden ist.

Nur die Sprache ist und bleibt eine crux. "Lucius" mit "z" gesprochen – ja, passt. Schließlich spielen die Reenactors in der teilweise wiederaufgebauten Römerstadt in Petronell (oder soll man Vindobona sagen?) die römische Spätantike nach. Da war das "c" schon gesprochenes "z" vor e und i. Zu Caesars Zeit wäre es "k" gewesen, der Caesar ergo ein Ka-esar und der Lucius ein Lukius und die Marcia eine Markia.

Eine Rede, gehalten in barbarischer deutscher Sprache: Beim Latein sind viele Reenactments mit ihrem Latein am Ende. 
- © Atelier Olschinsky

Eine Rede, gehalten in barbarischer deutscher Sprache: Beim Latein sind viele Reenactments mit ihrem Latein am Ende.

- © Atelier Olschinsky

Doch das sind ja nur Details. Viel befremdlicher ist, dass sich der edle Aedil mit dem tapferen Tribun in Germanisch verständigt, der Barbarensprache. Griechisch – ja. Latein – gewiss. Aber das Kauderwelsch der pannonischen Stämme?
Andererseits: Man ist in Barbarenland, und Rom ist groß. Wer weiß, wo die beiden her sind? Am Ende aus Iuvavum (Salzburg) oder aus Aelium Cetium (St. Pölten). Halt, nein: Der Zungenschlag ist weit ungelenker, der klingt nach diesem stinkenden Militärlager donauaufwärts, nach diesem kloakenreichen Vindobona.

Römische Geschichte fasziniert

Geschichte nachspielen – das hat in Carnuntum mittlerweile Tradition: Römerfest und Spätantikefest waren erst säuberlich getrennt in den familienfreundlichen Teil (Römerfest) und den eher wissenschaftlichen (Spätantike). Mittlerweile sind beide Spektakel für das breite Publikum. Nur die Gladiatorenkämpfe sind dem Römerfest vorbehalten. In der immer christlicheren Spätantike waren sie schließlich zunehmend selten. Und selbstverständlich verlaufen die Carnuntiner Spiele unblutig. Das ist keine Verweichlichung, sondern ganz und gar passend, denn der Kaiser, auf den sich Carnuntum beruft, nämlich Marcus Aurelius (lassen wir ihm, bitte, seine römischen Endungen und verstümmeln ihn nicht zu einem Marc Aurel), hat den Einsatz scharfer Waffen verboten.

Gladiatoren – in Carnuntum ist das Spektakel unblutig. Auch im antiken Rom wurde nur ausnahmsweise bis zum Tod gekämpft. 
- © Atelier Olschinsky

Gladiatoren – in Carnuntum ist das Spektakel unblutig. Auch im antiken Rom wurde nur ausnahmsweise bis zum Tod gekämpft.

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Wer ein Reenactor mit Leib und Seele ist, spielt die Epochen der römischen Geschichte mit allen Details nach. Genau achtet er auf das Gewand, beginnend beim Stoff, für den selbstverständlich nur Materialien, im Idealfall auch ausschließlich Webtechniken der jeweiligen Zeit Verwendung finden. Alles muss passen: das Schuhwerk wie der Gürtel, die Waffen, der Schmuck, die Teller und Trinkgefäße.

Serviert wird in der Regel auch römisches Essen. Die Rezepte des Apicius lassen sich mühelos nachkochen. Wer einwendet, dass dort zwar die Gewürze verzeichnet sind, nicht aber deren Menge und Verhältnis zueinander, der übersieht, dass auch die gute Köchin oder der gute Koch von heute die Gewürzmengen selbst abstimmt. Und wie umgehen mit der Fischlake? Die ist doch ekelhaft, oder? – Nun ja, manch ein ostasiatisches Gericht wird mit Fisch- oder Austernsoße zubereitet. Das entspricht ziemlich genau dem altrömischen Garum. Einfach ausprobieren, die antike römische Küche: Man glaubt’s nicht, wenn man die Rezepte nur liest, aber sie mundet hervorragend.

Freilich mag es keiner dem Lucius verargen, dass er seinen Puls (Eintopf – eine Delikatesse) und die Globuli (keine Pseudomedizin, sondern beglückende Topfenbällchen mit Honig und Mohn) mit Red Bull hinunterspült. Zumal Marcia gerade mit ihrer Freundin in Wien am Handy telefoniert. Man muss es, bitte, nicht gar so eng sehen mit dem Nachspielen, und kann sich schon einmal eine kleine Pause von Rom gönnen. Aber in der Nacht, wenn es angesichts des fortgeschrittenen Jahres empfindlich kalt wird in diesen Gefilden der Barbaren, da heizt man mit der römischen Fußbodenheizung, und alle fühlen sich wohl.

"Die spinnen, die Römer", pflegte schon Obelix zu konstatieren – wie müssen erst die spinnen, die Römer spielen!
So scheint es. Und ist doch ganz anders.
"Reenactment" heißt die Sache mit dem – fast möchte man sagen: naturgemäß – englischen Fachbegriff, auf Deutsch "Wiederaufführung", "Nachstellung". Und um gleich alle Unkenrufe über die heutige Zeit und all ihren Unfug in die Schranken zu weisen: Es ist eine uralte Angelegenheit. Schon die, ja, genau: die Römer ergötzten sich am Nachstellen historischer Ereignisse. Sie ließen sogar Amphitheater fluten, um Seeschlachten nachzuspielen.

Nachfühlen durch nachspielen

In die neue Zeit gebracht hat diese Idee der englische Historiker und Philosoph Robin George Collingwood (1889-1943). Er vertrat eine These, die an Konstantin Stanislawskis Theorie des Schauspiels erinnert. Collingwoods Methode bestand darin, einzelne historische Ereignisse bis in die kleinsten Einzelheiten genau nachzuspielen, dadurch dem Denken und Fühlen der beteiligten Personen nahezukommen und daraus die Intentionen der ursprünglichen Akteure zu erklären.

Am Anfang aller Reenactments standen die historischen Experimente von Robin George Collingwood (1889–1943). 
- © Image / United Archives

Am Anfang aller Reenactments standen die historischen Experimente von Robin George Collingwood (1889–1943).

- © Image / United Archives

Vielfach dreht es sich dabei um martialische Auseinandersetzungen. In den USA werden vorzugsweise Schlachten aus dem Bürgerkrieg nachgespielt, in Großbritannien diverse Kämpfe zwischen Schottland und England und die Scharmützel der Rosenkriege. In Ungarn, Tschechien und der Slowakei dreht sich das meiste um die Kämpfe zwischen der deutschen Wehrmacht und der Roten Armee. Man zeigt auf den Uniformen die Embleme ohne Scheu vor SS-Rune und Hakenkreuz – einige, weil die Uniformen, die Abzeichen, die Orden auf deutscher Seite eben so ausgesehen haben, einige aber auch, weil sie ihre Einstellung unter dem Deckmantel des Reenactments ausleben können. Das ist die üble Kehrseite des lebendigen Geschichtsunterrichts.

Unverfänglicher geht es zu in Polen mit einer Zeitreise viel weiter zurück in die Geschichte: Mit einem großen Reenactment wird (beinahe) alljährlich auch der Schlacht von Tannenberg (heute: Stębark) gedacht. Deren Original trug sich 1410 zwischen dem Heer des Deutschen Ordens gegen eine gemeinsame Streitmacht des Königreichs Polen und des Großfürstentums Litauen zu. Der deutsche Orden verlor. 1998 fragte ein polnisches Magazin ironisch, ob man beim nächsten Reenactment nicht einmal den Ritterorden siegen lassen könnte – der Abwechslung zuliebe.

Selbstverständlich hat sich auch die britische Spötter-Truppe Monty Python des Schlachten-Reenactments angenommen und zeigt den Angriff auf Pearl Harbour mit freilich nur begrenzter Detailgenauigkeit, nachgespielt von der Batley Townswomens‘ Guild.

Eintauchen in alte Welten

Doch so sehr man diese Reenactments auch belächeln mag: Begreift man sie als eine Facette der experimentellen Archäologie, sieht die Sache anders aus.
Die experimentelle Archäologie behandelt archäologische Fragestellungen mithilfe von Experimenten, die unter wissenschaftlichen Bedingungen durchgeführt und protokolliert werden. In der Regel geht es um Probleme aus dem Bereich der Technik: Wie durchschlagskräftig waren Pfeile, die von Langbögen aus abgeschossen wurden? Wie konnten die Steine von Stonehenge bewegt werden? Wie die Moais der Osterinseln?

Am Beginn standen gegen Ende des 19. Jahrhunderts Experimente zur Herstellung steinzeitlicher Geräte. Dass die experimentelle Archäologie auch schief angeschaut wurde und wird, hängt einerseits damit zusammen, dass ihr wahrer Vater ein Amateur war, nämlich der dänische Grundbesitzer Frederik Sehested, der 1879 in Soholm mit steinzeitlichen Werkzeugen ein Blockhaus errichtete und damit die Ansichten über das Wohnen in vorgeschichtlicher Zeit durcheinanderbrachte.

Andererseits trifft die experimentelle Archäologie der Vorwurf bisweilen zurecht, dass nicht alles, was sie scheinbar beweisen kann, auch den historischen Tatsachen entspricht. Manches davon sieht ja wahrhaftig mehr nach einem Abenteuer à la Jules Verne aus als nach Wissenschaft. Dass es beispielsweise dem Norweger Thor Heyerdahl gelang, sein Schilfboot "Ra II" von Afrika nach Amerika zu segeln, bedeutet noch lange nicht, dass die Ägypter der Antike das wirklich unternahmen.

Manchmal freilich gebar die Not die experimentalarchäologische Tugend: Die 1992 nach einem Brandanschlag abgebrannte Stabkirche von Fantoft (nahe Bergen in Norwegen) wurde unter Verwendung ausschließlich der mittelalterlichen Materialien und Werkzeuge wieder aufgebaut. Dabei wurden neue Erkenntnisse gewonnen, nicht zuletzt über die erstaunlichen Möglichkeiten, die mittelalterliche Werkzeuge bei der Holzbearbeitung boten.

Der Reenactor wäre einen Schritt weiter gegangen. Er hätte sich auch mittelalterlich gekleidet und mittelalterliche Kost gegessen. Man könnte ihm vorwerfen, er mache ein Spektakel aus dem Wiederaufbau – oder ihn fragen, ob ihm die mittelalterliche Küche ausreichend Kraft gäbe für die Arbeit und ob die mittelalterliche Gewandung vorteilhaft sei.

Reenactments gehen längst über die gesamte Bandbreite der Geschichte: Zu Griechen und Römern haben sich Kelten und Germanen gesellt, man spielt Steinzeit nach und Renaissance, Barock ebenso wie 19. Jahrhundert. In Skandinavien haben natürlich die Wikinger die Nase vorn, in Frankreich Römer, Gallier und Napoleon.

Nicht nur der Adel ist interessant

Wer indessen meint, alle Reenactors wären scharf auf Adelige und Potentaten, auf Prinzen, Ritter, Grafen und Prinzessinnen, der irrt. Michael zum Beispiel hat sich die Rolle eines griechischen Sklaven in einem römischen Haushalt zurechtgelegt. Sein Adelphos ist gebildet, er unterrichtet die Kinder seines Herrn und rezitiert am Abend aus den Epen Homers.
David wiederum ist in Carnuntum der Melokrates, der Musiker. David ist Spezialist für frühe Musik, auch eine andere Rolle als mittelalterlicher fahrender Musicus hat er sich zurechtgelegt. Aber wenn er den römischen Aulos spielt, eine Doppeloboe von frühlingsfrischer Herbheit, weiß man freilich, dass er ein echter cives romanus ist.

Hagen aus Büdingen in Deutschland ist Musiker, ausgebildet als klassischer Trompeter. Seine Liebe gehört dem römischen Cornu. Sein Instrument ist ein minutiöser Nachbau eines in Pompeji gefundenen Cornu. Hagen bläst darauf die Nemesis-Hymne, improvisiert Rufe und Fanfaren, und die Zuhörer stellen mit Verwunderung fest, wie wendig und facettenreich dieses einen Meter zwanzig große Bronze-Ungetüm klingt.

Römische Mode, perfekt nachgestaltet:

farbenfroh, elegant – und sehr italienisch. 
- © Andreas Hofmarcher

Römische Mode, perfekt nachgestaltet:
farbenfroh, elegant – und sehr italienisch.

- © Andreas Hofmarcher

Michaela wiederum interessiert sich für Design und Mode. Sie begeistert sich für den Schnitt der altrömischen Kleider ("die machen eine gute Figur, egal, welche Figur man hat"). Und wie fühlt sie sich in ihrer weitestgehend rechtlosen Rolle als Livia, in der sie schön sein und sich um den Haushalt kümmern muss? – Modern sei das freilich nicht, aber wenn man sich das einmal zurechtgelegt hat, weiß man die bunte Gesellschaftsunordnung der Gegenwart umso mehr zu schätzen.

Wobei das Wort "Rolle" in allen Fällen nur in Ermangelung eines besseren Ausdrucks gewählt ist. Ein Reenactor spielt nicht wie ein Schauspieler einen Abend lang die von einem Autor geschriebene Rolle, sondern er entwickelt eine Persönlichkeit entlang einer bestimmten Epoche und ihren Überlieferungen. Oft tage-, wenn nicht gar wochenlang schlüpft er in diese andere Persönlichkeit, kleidet sich wie sie, isst wie sie, denkt wie sie.

Penible Recherche

Das hat sich der Reenactor minutiös erarbeitet. Mit einer akribischen Recherche über die Zeit, die er sich ausgesucht hat, hat er begonnen. Er hat studiert, was es an Quellen gibt, hat sich anhand derer seine Rolle ausgesucht, die ihm passt wie ein maßgeschneidertes Kleidungsstück; dann hat er die Quellen ein weiteres Mal studiert, jetzt in Hinblick auf die Person, die er gestalten will, und alle mit ihr zusammenhängenden anderen Rollen. Der Reenactor anverwandelt sich gleichsam der von ihm ersonnen Geschichte.

Spielt er oder sie eine reale Figur nach, also etwa Caesar, Napoleon oder Maria Theresia, nimmt deren Biografie den zentralen Platz ein. Caesar hat nicht geraucht, Napoleon war nicht auf Kuba und Maria Theresia war keine Kaiserin des Heiligen Römischen Reichs, sondern eine Erzherzogin von Österreich und eine üble Antisemitin obendrein. Das gehört dazu. Eine Reenactorin, die das nicht mitspielt, gäbe nur ein zuckriges Marzipanfigürchen der Herrscherin ab.
Frage des naiven Betrachters: Darf Caesar beim Billa eine Flasche Mineralwasser kaufen? Wäre Römerquelle ein erlaubter Kompromiss? Oder darf man an einem heißen Tag auch einmal aus der Rolle heraustreten? Das entscheidet jeder Reenactor nach seinem Gewissen. Und, ja: Es gibt welche, die wirklich lieber zum Essigwasser greifen.

An dieser Frage der Authentizität scheiden sich die Geister: Ist nur das authentisch, was wissenschaftlich nachgewiesen ist? Oder ist auch das authentisch, was auf der Basis des Kenntnisstandes sein hätte können? So wird ein mittelalterlicher Minnesänger gewiss keinen Leich vom Urlaub auf den Malediven singen. Aber dass es Länder mit fliegenden Menschen gibt, passt in die mittelalterliche Vorstellungswelt. Etwas Derartiges könnte ein Minnesänger schon erzählen.
Je individueller und je authentischer, desto besser: Ein starker Bauer ist mehr wert als ein schwacher König.
Und dann, nur dann, wird aus einem Rollenspiel ein echtes Reenactment, dann wird, auf einmal, aus dem Freizeitvergnügen ganz ernsthafte lebendige Geschichte, deren wertvollstes Prädikat ist: So, genau so, hätte es sein können.
Nur die Sprache, ja: Die Sprache, die bleibt ein Hund. Latein und Altgriechisch haben die Römer gesprochen. Gewiss, man grüßt einander "ave" (gegenüber höhergestellten Personen), "salve" (gegenüber gleichgestellten), "chaire" (wenn man’s Griechisch mag). Danach freilich geht’s ganz unlateinisch weiter.

Da drückt sich gerade ein Sklave um eine Ecke in Carnuntum, schaut gehetzt um sich und gibt Fersengeld. "Haltet’s den Dieb!", schreit der bestohlene Patrizier. Das Ohr des lateinkundigen spectators verwandelt es in "tenete furem!"
Hoffentlich verschluckt sich Marcia bei all der Aufregung nicht an ihrem Red Bull.