Der als Ausläufer des Manhartsbergs im Kamptal aufragende Heiligenstein gilt als einer der bemerkenswertesten Weinberge Österreichs. Schon vor Zeiten wurden die vom Südhang des Heiligensteines stammenden Weine als "Hochgewächse seltener Art" bezeichnet.

Lange Zeit vermarkteten die Weingüter aus den Orten rund um diesen Berg ihre prominentesten Weine als "Riesling Heiligenstein". Im Zuge einer kürzlich vorgenommenen Rückbesinnung auf eine alte Einteilung des Weinbergs wurden im Jahr 2020 zwei Subrieden des Heiligensteines definiert. Im Westen ist das "Heiligenstein-Steinwand" (für den großen mittleren Teil bleibt die Bezeichnung "Heiligenstein") und im Osten handelt es sich um "Heiligenstein-Rotfels". Es sind dies allesamt großartige Toplagen, wobei sich die Weine infolge des in diesen Bereichen unterschiedlichen Kleinklimas und der verschiedenartigen Gesteinsformationen gustatorisch deutlich voneinander abheben.

Sandra und Johannes Hirsch: Für ihren 2021er Riesling Ried Heiligenstein-Rotfels erhielten sie von Falstaff 100 Punkte. 
- © Studio Pilens

Sandra und Johannes Hirsch: Für ihren 2021er Riesling Ried Heiligenstein-Rotfels erhielten sie von Falstaff 100 Punkte.

- © Studio Pilens

Bemerkenswerterweise konnte das Weingut Hirsch mit seinem erstmals separat aus der Lage "Heiligenstein-Rotfels" ausgebauten Riesling vom 2021er-Jahrgang auf Anhieb einen sensationellen Erfolg einfahren: Hirsch kam damit beim Kamptal DAC Riedencup nicht nur aufs Siegerpodest, sondern wurde noch dazu von Falstaff mit dem extrem selten vergebenen Bewertungsmaximum von 100 Punkten ausgezeichnet.

In einem weiteren Schritt sollen aus den nunmehrigen Subrieden auch noch definierte Einzellagen hervorgehen. Weingutleiter Johannes Hirsch ist derzeit gemeinsam mit seiner Mannschaft drauf und dran, in Handarbeit die alten Steinterrassen vom Rotfels in ursprünglicher Schönheit wieder herzustellen. Es steht dort übrigens eine der letzten Steinhütten des Heiligensteins, die noch im originalen Zustand vorhanden sind.

Gewachsen ist der Riesling Ried Heiligenstein-Rotfels (bezeichnenderweise) auf einem Untergrund mit rotbraunen Sandsteinen und groben Konglomeraten, auch Reste versteinerter Pflanzen und Gerölle vulkanischer Quarzporphyre sind vorhanden. Der Wein weist im 2021er-Jahrgang eine extrafeine Säure auf, verfügt über reichlich Finesse und hat einen – beinahe widersprüchlich erscheinenden – komplex-filigranen Charakter (69 Euro). Mit beachtlichen 97 Punkten auf Platz 3 rangiert beim genannten Falstaff-Cup der 2021er Riesling Ried Heiligenstein – er betört durch seine klare Rieslingfrucht und seine feierlich-leichtfüßige Noblesse (35 Euro). Auf Platz 5 unter den Kamptaler Rieslingen landete Hirschs 2021er Riesling Ried Gaisberg. "Mein Herz gehört den einsamen Wölfen, ich liebe ihn", so Johannes Hirsch über den Gaisberg. Die Leute kämen in erster Linie wegen der Weine vom Heiligensteinen. Für den Gaisberg müsse man sich entsprechend Zeit nehmen. Tatsächlich offenbart dieser im Bouquet anfangs vornehm-zurückhaltende Wein nach entsprechender Belüftung Schicht für Schicht seine Stärken und gibt immer wieder neue filigrane Nuancen preis. Mit seinem Preis von 35 Euro erscheint der 2021er Riesling Ried Gaisberg im internationalen Vergleich geradezu günstig. Wie Johannes Hirsch erzählt, werde dieser Wein im gereiften Zustand bei "gedeckten" Verkostungen (ohne sichtbares Etikett) nicht selten für einen deutschen Riesling gehalten.

Um seinen Kunden unter optimalen Verhältnissen gereifte Weine anbieten zu können, hat Hirsch seit geraumer Zeit einen Raritätenbestand angelegt. Zumindest sieben Jahre zurück können Topweine mit moderatem Aufschlag direkt ab Hof bezogen werden. So sind derzeit etwa noch die 2015er Rieslinge vom Gaisberg und vom Heiligenstein erhältlich (je 40 Euro). Da Hirsch bei seinen Gewächsen keine Kompromisse eingeht, sind übliche Jahrgangseinschätzungen bei seinen Weinen oft nicht zutreffend. Die beiden 2015er-Gewächse strotzen vor Lebendigkeit und lassen die Hitze des 2015er-Jahrgangs in keiner Weise verspüren. Bloß 55 Prozent Saftausbeute waren dafür mitverantwortlich, verrät der Winzer einen Aspekt seines Erfolgsrezeptes. Zum Vergleich: Im sehr guten 2021er Jahrgang wurden 65 Prozent des Saftes ausgepresst. Anzumerken ist an dieser Stelle, dass die von Hirsch favorisierte Ganztraubenpressung standardmäßig eine vergleichsweise geringe Ausbeute erbringt.

Landeten beim aktuellen Kamptal DAC Riedencup von Falstaff drei Hirsch-Weine in der Gruppe Riesling unter den ersten zehn Plätzen, so konnte sich Hirsch in der Gruppe Grüner Veltliner gleich mit vier Gewächsen unter den zehn bestplatzierten Weinen behaupten. Es sind dies die 2021er Grünen Veltliner aus den Rieden Renner (96 Punkte) und Gaisberg, Grub sowie Lamm (je 95 Punkte). Das Weingut Hirsch hat damit die mit Abstand beeindruckendste Leistung aller Kamptaler Betriebe geboten. Die allesamt spontan vergorenen Topweine weisen moderate (und somit trinkvergnügliche) Alkoholwerte auf, charakterisiert sind sie durch reichlich Vitalität, Komplexität und Finesse.

Anzumerken ist, dass es bei Hirsch über die erwähnten Spitzenformate hinaus auch etliche herrliche und sehr empfehlenswerte Gewächse im geldbörselschonenden Preissegment gibt. Zu ihnen zählen der Kammern Grüne Veltliner (14 Euro), der Zöbing Riesling (15 Euro) und der süffige Grüne Veltliner Hirschvergnügen, der Anfang kommenden Jahres wieder vorrätig sein wird.

Aus dem Sortiment:

2021 Ried Zöbinger Heiligenstein-Rotfels 1ÖTW Riesling
Zartfruchtig-elegantes Bouquet nach Pfirsich, Ringlotte und reifem Apfel, fein kräuterwürzig, sehr interessante Anmutung, am Gaumen Weingartenpfirsich, Marille und ein zarter Honigton, saftig, stoffig-dicht, dabei komplex-filigran, feiner Schmelz, einiger Druck, optimal balanciert und animierend, gediegener Abgang.

2021 Ried Zöbinger Heiligenstein 1ÖTW Riesling
Beginnt dezent mit Marille und zarten rotbeerigen Reflexen, feinwürzig und animierend, hochelegant-kühlfruchtig, nobel-filigran, salzig-mineralisch geprägt, viel Grip am Gaumen, vielschichtig, feinziseliert, komplex und engmaschig, ausgeprägt mineralischer und erfrischender Abgang.

2021 Ried Zöbinger Gaisberg 1ÖTW Riesling
Feine Nase nach Apfel, Zitronengras und Weingartenpfirsich, öffnet sich nach und nach, sprüht geradezu vor Vitalität, gediegen-geradliniger Charakter, engmaschig und saftig, perfekte Balance, zeigt in allen Phasen reichliche Finesse, herrliche Gaumenfülle, raffinierter Abgang, großartiges Potenzial.

INFO
Weingut Hirsch
T. 02735/2460, www.weingut-hirsch.at

Print-Artikel erschienen am 9. Dezember 2022
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 22–23