Es ist ein bisschen wie eine Zeitreise in die Neunzigerjahre, als die ersten PCs Einzug in die Kinderzimmer hielten und Rollenspiele wie "Indiana Jones", die von einer Diskette geladen wurden, als Innovation galten. Und das Erstaunliche ist: Auch wenn das App-basierte Brettspiel "Kids Chronicles - Die Suche nach den Mondsteinen" bestenfalls die technische Ausstattung dieses frühen Klassikers hat, zieht es auch heutige Kinder, die an der Konsole eine Grafik gewohnt sind, von der ihre Eltern als Jugendliche nicht einmal zu träumen gewagt hätten, in seinen Bann.

App installieren, QR-Codes scannen, los geht’s. - © Kosmos
App installieren, QR-Codes scannen, los geht’s. - © Kosmos

Der Kosmos Verlag hat hier einen auf ganzer Linie überzeugenden Mix aus zwei verschiedenen Spielgenres geschaffen. Ort der Handlung ist ein etwa 50 mal 50 Zentimeter großes, beidseitig bedrucktes Spielbrett aus Karton, das in den insgesamt sechs Kapiteln mehrmals gewendet wird. Gespielt wird darauf mit Charakter- und Gegenstandskarten - und mit dem Smartphone. Man muss sich nämlich die (kostenfreie) App zum Spiel herunterladen und dann mit dem Handy die jeweils passenden QR-Codes auf Spielplan und Karten scannen.

Und hier sind wir schon mittendrin im Rollenspiel, das so schlicht wie faszinierend ist. Es gilt nämlich, zunächst einmal ein bisschen zaubern zu lernen, verschiedene Aufgaben zu lösen und am Ende einen magiebegabten Gegenspieler zu besiegen. Durch das - selbstverständlich kooperative - Spiel begleiten uns zwei Mentoren: Der eine ist niemand Geringerer als Merlin, der mutmaßlich größte Zauberer aller Zeiten. Der andere ist eine Mondkatze namens Nils, die allerlei gute Tipps parat hat. Diese will aber erst einmal gefunden werden. Womit wir bereits im ersten Kapitel wären.

Vier Mondsteine suchen und einen Endgegner besiegen

Mit Hilfe von Nils müssen wir dann in den vier weiteren Kapitel ebensoviele magische Mondsteine finden, die dann in Kapitel sechs gegen den Endgegner zum Einsatz kommen. Da gibt es dann auch einen echten (zugegeben eher kurzen) Kampf, der natürlich gewonnen werden muss, um das Sommer- und das Winterkönigreich, in denen unsere Geschichte spielt, zu retten. Auch davor schon gilt es mehrere Gefahren abzuwenden oder auch Personen vor Schaden zu bewahren.

Dazu begeben wir uns zu Merlins Turm, zum Vulkan, ins (Sommer- oder Winter-)Schloss (je nach Königreich, das gerade dran ist), auf den Dorfplatz, in den Wald, in die Sümpfe, an den See, zum Hafen, zur Windmühle, in die Schneeberge oder zu den Ruinen - wen wir dort dann treffen, variiert von Runde zu Runde und auch zwischendurch. Denn die Handlung entwickelt sich ja laufend weiter. Da versteckt sich zum Beispiel ein Prinz im Wald oder eine Prinzessin in einem Fass, eine riesige, gefährliche Eule treibt ihr Unwesen und fliegt hin und her, wir müssen einen Frosch vom See in die Sümpfe verfolgen . . . Halt, mehr wird an dieser Stelle nicht über die Handlung verraten! Nur so viel: Sie ist abwechslungsreich und so konzipiert, dass man eigentlich nicht viel falsch machen kann.

Schon der Einstieg ist im Grunde kinderleicht. Die App führt so deppensicher durchs Spiel, dass man im Grunde genommen tatsächlich auch schon die auf der Packung als Altersgrenze angegebenen Siebenjährigen mit dem Spiel alleine lassen kann (natürlich unter der Voraussetzung, dass sie sonst keinen Blödsinn mit dem Handy anstellen). Das Scannen der QR-Codes via App ist jedenfalls keine Herausforderung, und die Aufgaben sind dergestalt, dass selbst träge Geister früher oder später dahinterkommen, wie sie zu lösen sind. Im Zweifel dreht man eine Extrarunde und schaut, wo vielleicht noch ein Charakter oder Gegenstand versteckt sein könnte, der behilflich sein könnte. Oder man fragt Nils, der hat auch immer wieder die eine oder andere gute Idee. Und selbst der Endgegner erweist sich im Grunde als gar nicht so schwer zu überwältigen, wenn man einmal alle vier Mondsteine beisammen hat und sie richtig einsetzt.

Nur manchmal wird es ein wenig mühsam, wenn man zwar ganz genau weiß, dass man auf der richtigen Fährte ist und die Antwort eigentlich schon kennt - bloß hat man gerade keine Ahnung, wie die richtige Frage dazu lauten soll, sprich: Welchen Charakter auf dem Spielfeld konfrontiert man jetzt am besten mit welchem anderen Charakter oder Gegenstand, damit es entsprechend weitergeht?

Sechs Kapitel, die jeweils eine Dreiviertelstunde dauern

Dass das Ganze grafisch auf einem Niveau wie in den Neunzigern daherkommt - beim Erkunden der einzelnen Gebiete wird ein gezeichnetes 360-Grad-Standbild angezeigt, und die Figuren, auf die man trifft, kommunizieren rein durch Textfelder -, stört dabei überhaupt nicht, sondern wirkt sogar stimmig. Schließlich spielen wir hier eben kein PC-Rollenspiel, sondern letztendlich doch ein Brettspiel, nur halt mit dem Smartphone. Im Grunde genommen hätte man das Spielkonzept auch mit nummerierten Kärtchen umsetzen können - bloß wären das wahrscheinlich unübersichtlich viele geworden, da ist eine App schon praktikabler.

Optisch ist das Spiel, das Lucky Duck Games für Kosmos entwickelt hat, jedenfalls ansprechend. Die Illustratoren Chanon Tonrcharoensri, Whihoon Lee und Maryna Nesterova haben das Konzept von Autor David Cicurel und Storyteller Benjamin Bouchard mit witzigen Comicfiguren umgesetzt, und das Ganze kommt recht edel daher, auch wenn es im Grunde nur aus dem Spielplan und 61 Karten besteht. Einzig die App zickt auf manchen älteren Android-Handys hin und wieder ein bisschen herum. Aber der Autospeicher sorgt dafür, dass man auch nach einem Absturz wieder da weitermachen kann, wo man rausgeschmissen wurde.

Überhaupt lässt sich das Spiel, das immerhin auf sechs mal gut eine Dreiviertelstunde angelegt ist, jederzeit unterbrechen. Wer mittendrin aufhört, macht am besten auch gleich mit dem Smartphone ein Foto von den gerade aufgelegten Karten. Die sechs Kapitel, die nach und nach freigeschalten werden, können einzeln geladen werden, sodass "Die Suche nach den Mondsteinen" auch mehr als einen Nachmittag füllen kann. Einziger Nachteil wie bei jedem Spiel dieser Machart: Hat man es einmal durch, ist eine Wiederholung relativ sinnbefreit. Man weiß ja jetzt, wie die Lösungen aussehen. Aber wer gut darauf aufpasst, kann das Spiel ja an Freunde weiterschenken.