Der Tag neigt sich dem Ende zu, die Dämmerung kündet den Einbruch der Nacht an, und langsam schaltet das Leben einen Gang zurück. Es ist Zeit, sich auszuruhen, um Kraft für den nächsten Tag zu tanken – sollte man meinen. Denn in der Dunkelheit herrscht tatsächlich reges Leben – menschliche Nachtschwärmer wollen wir in dieser Betrachtung allerdings außen vor lassen.

Das Erwachen der Räuber

In ländlichen Gegenden beginnt die Zeit der nachtaktiven Tiere bereits in der Dämmerung: Fuchs, Marder, Dachs, Igel, Eule, Fledermaus oder Nachtfalter, um nur einige zu nennen, machen sich auf die Suche nach Nahrung. Damit sie ihre Beute auch finden, hat jedes dieser Tiere eine "Sonderausstattung": besonders feine oder große Ohren, die jedes Geräusch wahrnehmen, Augen, deren Netzhaut reich mit Stäbchen versehen ist, und die eine reflektierende Schicht, das Tapetum lucidum, hinter oder inmitten der Netzhaut haben, Schnurrhaare, Tastborsten, langgekämmte Antennen,

Trotz aller Weisheit hat die Eule ein eher schlechtes Image als Unglücksbote.   
- © Acto Nugrohu

Trotz aller Weisheit hat die Eule ein eher schlechtes Image als Unglücksbote.  

- © Acto Nugrohu

Flügel, mit denen geräuschloses Fliegen möglich ist, oder ein eher unscheinbares, dunkles Fell. Die meisten von ihnen bekommen wir kaum zu Gesicht, nicht einmal in der Stadt, obwohl hier Füchse, Wildschweine oder Marder in großer Zahl leben. Sie alle haben gelernt, dass es in diesem Kulturraum wesentlich leichter ist, an Nahrung zu kommen, und da sie sich nicht gerne von Menschen bei ihren Aktivitäten stören lassen, begeben sie sich nicht in der Dämmerung, sondern spätnachts auf Beutezug.

Die Wilde Jagd ist unterwegs

Still geht es dabei allerdings nicht zu und schon gar nicht in der Nacht der Nächte vom 24. auf den 25. Dezember – die "stille Nacht, heilige Nacht", die das berühmte Weihnachtslied von Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr besingt, ist nach altem Volksglauben sogar eine der lautesten des Jahres, denn in dieser Nacht können die Tiere in menschlicher Sprache sprechen – und wir können sie verstehen. Aber ob uns wohl alles gefällt, was wir da hören?

Diese Nacht ist gleichzeitig die erste der Raunächte, die erst am 6. Jänner des folgenden Jahres zu Ende sind. Ihnen kommt im europäischen Brauchtum eine besondere Bedeutung zu: In diesen Nächten, die sich aus der unterschiedlichen Anzahl von Tagen nach dem Sonnen- beziehungsweise Mondjahr ergeben, sind die Gesetze der Natur außer Kraft gesetzt und die Grenzen zu anderen Welten geöffnet. Ab Silvester reitet die Wilde Jagd durch die Nacht – es sind die Seelen der Verstorbenen, Dämonen und Geister, die die Erde unsicher machen. Mit dem Ende der Raunächte kehren aber auch sie wieder in ihr unterirdisches Reich zurück. Dort treffen sie vielleicht die Hexen, die in der Walpurgisnacht (30. April/1. Mai) getanzt haben, oder die Geister, die schon in der Nacht vor Allerheiligen (31. Oktober/1. November), also zu Halloween, auf der Erde ihr Unwesen getrieben haben …

Götter-Herrschaften

Die Nacht als Gegenpart zum Tag hat ihren festen Platz in den Überlieferungen und Göttergeschichten längst vergangener Kulturen: So ist bei den alten Ägyptern Apophis (oder Apepi) die Verkörperung von Finsternis, Auflösung und Chaos. In der griechischen Mythologie ist Nyx die Göttin und Personifikation der Nacht; ihr römisches Pendant ist Nox. Die Maori verehren Hine-nui-te-pō (Die Große Dame der Nacht) als Göttin der Nacht und des Todes und Herrscherin der Unterwelt. Bei den Maya war Itzamná, der "Herr des Wissens", nicht nur Staatsgott des Maya-Reiches, sondern als Sonnen- und Himmelsgott auch Herrscher über Tag und Nacht. Bei den Tolteken und Azteken war Tezcatlipoca Gott der Nacht und der Materie, der Kälte, des Krieges, der Farbe Schwarz, der Helden, der Versuchung und der schönen Frauen. Welch eine Kombination …
In monotheistischen Religionen wie dem Christentum ist die Sache einfach: Laut dem Buch Genesis hat Gott Tag und Nacht erschaffen, indem er das Licht von der Finsternis trennte. Immerhin schenkte er letzterer den Mond und die Sterne, auf dass es nicht ganz so dunkel sei.

Von Nachtmahren, Werwölfen und Vampiren

So manche Kreatur, die die Nacht bevölkert, ist allerdings nicht der Evolution oder Schöpfung, sondern der Fantasie der Menschen entsprungen – oder ihren (schlechten) Träumen. Im Schlaf verarbeiten wir die Ereignisse des Tages und setzen uns mit Ängsten und Problemen auseinander. Alles, was der Tag verbirgt, kommt in der Nacht zum Vorschein. Und das endet oftmals mit einem Albtraum, in dem sich Dämonen oder andere furchterregende Gestalten tummeln, wie zum Beispiel der Nachtmahr. Er erhielt Gestalt etwa durch Johann Heinrich Füsslis Bild "Der Nachtmahr" (1781): Eine junge Frau schläft, wenn auch in einer sehr unbequem aussehenden Stellung, während eine dunkle, koboldartige Gestalt mit spitzen Ohren auf ihrer Brust hockt. Ein geisterhaftes Pferd mit leuchtenden Augen beobachtet die Szene. Das kleine, unheilvoll wirkende Wesen stammt aus der germanischen Mythologie: Indem es sich auf die Brust des Schlafenden setzte, erzeugte es ein Druckgefühl in diesem Bereich – ein Albtraum! Füssli fertigte mehrere Versionen seines erfolgreichen Schauerbildes an und es floss auch in ein literarisches Meisterwerk ein, nämlich in "Frankenstein" von Mary Shelley, deren Eltern mit Füssli befreundet waren.

Der Werwolf ist bis heute eines der faszinierendsten mythischen Geschöpfe der Nacht.   
- © mrjo_7 / stock.adobe.com

Der Werwolf ist bis heute eines der faszinierendsten mythischen Geschöpfe der Nacht.  

- © mrjo_7 / stock.adobe.com

Abgesehen von nächtlichen Traum-Spukgestalten sollen aber auch sehr reale, wenngleich um nichts weniger furchterregende Wesen die Nacht bevölkert haben: Werwölfe und Vampire. Die Vorstellung, dass sich ein Mensch in einen Wolf verwandelt, findet sich schon sehr früh in der Geschichte der Menschheit: Höhlenmalereien zeigen ungewöhnliche Zwitterwesen und der Löwenmensch vom Lonetal mag wohl ein Hinweis auf die frühzeitliche enge Verbundenheit von Mensch und Tier sein. Als erste schriftliche Überlieferung für eine derartige Verwandlung gilt das Gilgamesch-Epos, in dem die Göttin Ištar einen Schäfer in einen Wolf verwandelt. Die griechische Literatur, aber auch die Metamorphosen des Ovid erzählen von einem König namens Lykaon, der Zeus Menschenfleisch als Mahl vorsetzte und daraufhin vom griechischen Göttervater zum Wolf umgestaltet wurde. Der römische Senator Titus Petronius Arbiter erzählt in "Das Gastmahl des Trimalchio" von einem Mann, der sich bei Vollmond in einen Wolf verwandelt. Zum Werwolf ("wer" ist das germanische Wort für Mann) war es dann nicht mehr weit. Sein schlechtes Image beruhte unter anderem auch darauf, dass das Volk glaubte, dass die Männer, die sich in einen Wolf verwandelten, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hätten, um diese Fähigkeit zu erlangen – die Vorteile aus dem Pakt sind allerdings fragwürdig…

Doch nicht nur Werwölfe beflügeln die Fantasie der Menschen, vor allem von Autoren und Filmemachern, bis heute, auch Vampire sind begehrte Objekte menschlicher Imagination. Vor allem, wenn man ihnen die Gestalt von Brad Pitt und Tom Cruise in "Interview mit einem Vampir" geben kann. Oder von Robert Pattinson in der "Twilight"-Saga. Aber letztendlich geht doch nichts über Bram Stokers Roman "Dracula" aus dem Jahr 1897 – der Vampir, so wie wir ihn uns heute vorstellen, war geboren. Beeinflusst wurde Stoker dabei von "Carmilla", einer Novelle seines irischen Landsmannes Sheridan Le Faun, deren Hauptfigur ein weiblicher Vampir ist und die in der Steiermark spielt.

Von diesem Vampir würde sich wohl jeder gerne beißen lassen: Brad Pitt als Louis de Pointe du Lac in "Interview mit einem Vampir" (1994).  
- © Francois Duhamel / Getty

Von diesem Vampir würde sich wohl jeder gerne beißen lassen: Brad Pitt als Louis de Pointe du Lac in "Interview mit einem Vampir" (1994). 

- © Francois Duhamel / Getty

Österreich war ja bekannt für die schiere Masse von Vampiren, die hier ihr Unwesen trieben – bis es Kaiserin Maria Theresia zu bunt wurde und sie am 1. März 1755 den Vampir-Erlass unterzeichnete. Damit sollte der Vampir-Aberglaube, der selbst vor Friedhofsschändungen nicht zurückschreckte, endgültig abgestellt werden. Alle Vorfälle von Grab- und Leichenschändung sowie Vampirexekutionen waren fortan ausnahmslos anzuzeigen, polizeilich zu untersuchen und streng zu bestrafen. Auch die Geistlichkeit war davon nicht ausgenommen, niemand sollte künftig aus diesem Missbrauch Vorteile ziehen können. Dieser Erlass beendete zwar die tätlichen Auswirkungen, doch die Vampire lebten im Volksglauben weiter, denn trotz aller Bedrohlichkeit und Gewalttätigkeit hatten diese Wesen auch etwas Faszinierendes und Erotisches: Man munkelte, dass allein der Biss eines Vampirs bereits einen Orgasmus auslösen konnte. Na, wenn das nicht verlockend klang...

Nicht nur ein Hort des Bösen

Die Nacht galt stets als Hort und Hüterin des Unheimlichen und Bösen, als Schauplatz grausamer Verbrechen, geheimer Treffen, Verschwörungen und satanischer Rituale, und dieses Image wurde in der Literatur, der Malerei oder der Musik ordentlich breitgetreten. Es dauerte, bis man auch ihre schönen Seiten entdeckte: So huldigte etwa der Dichter Rainer Maria Rilke 1899 in seinem Gedicht "Du Dunkelheit" der besonderen Beziehung des Menschen und vor allem der Künstler zur Nacht:

"Du Dunkelheit, aus der ich stamme,
ich liebe dich mehr als die Flamme,
welche die Welt begrenzt,

indem sie glänzt
für irgend einen Kreis,
aus dem heraus kein Wesen von ihr weiß.

Aber die Dunkelheit hält alles an sich:
Gestalten und Flammen, Tiere und mich,
wie sie‘s errafft,
Menschen und Mächte -

Und es kann sein: eine große Kraft
rührt sich in meiner Nachbarschaft.

Ich glaube an Nächte."

Eine der großartigsten Liebeserklärungen an die Nacht, vor allem aber an ihre Geschöpfe, ist "The Rocky Horror Picture Show". Die schräge Truppe, angeführt vom Transvestiten Dr. Frank N. Furter, lebt in einem Schloss auf der Erde, kommt aber vom Planeten Transsexual aus der Galaxie Transsylvanien. Und es ist für jeden Fan ein wahres Vergnügen, all die Anspielungen auf Literatur ("Frankenstein" oder "Dracula"), Kunst (das Gemälde "American Gothic" von Grant Wood) oder Film ("Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" von Stanley Kubrick) zu entdecken, die ihr Schöpfer Richard O’Brien eingebaut hat. Nicht umsonst hat der Film seit 40 Jahren Kultstatus …

So wie alles endet auch die Nacht, ein Ende, das vom Gesang der Lerche und dem Aufgang der Sonne angekündigt wird, doch nur, um sich am Ende des Tages erneut zu erheben und für einige Stunden die Herrschaft zu übernehmen. Und wer diese Zeit nicht in Morpheus’ Armen verbringen will, der kann sich ja auf die Suche nach den Geschöpfen, deren Revier die Dunkelheit ist, machen. Und vielleicht erlebt er die eine oder andere Überraschung …