In mehreren Verkostungssitzungen habe ich in den vergangenen Wochen das 19 Positionen umfassende Sortiment des Traisentaler Winzers Ludwig Neumayer degustiert. Das Verkostungsergebnis war eindeutig: Es steht für mich fest, dass Ludwig Neumayer zu den besten und begabtesten Weißweinmachern des Landes zählt. Mehr als 15 Jahre lang habe ich den Winzer auf dem Radar und seine Kreszenzen über die Jahre hinweg nicht nur genossen, sondern bewundert.

Nach der ausgiebigen Kost traf ich den Winzer gemeinsam mit seinem Bruder Karl Neumayer im adretten Verkostungsstüberl zum Gespräch. Letzterer, ein studierter Volkswirt und Unternehmensberater mit Leidenschaft für Philosophie, ist gewissermaßen die gute Seele des Weinguts und bringt sich nicht nur mit seiner Kreativität, etwa punkto Produktästhetik oder Weinbenennungen, sondern auch mit kaufmännischer Expertise und wenn Not am Mann ist, helfend im Betrieb ein.

Auf meine Frage nach den Anfängen der Erfolgsgeschichte erfahre ich, dass die Eltern auf karger Scholle ihr Auslangen finden mussten. Landwirtschaft mit Ackerbau und Viehhaltung stand im Vordergrund, die Weinanbaufläche umfasste gerade einmal einen Hektar. Trotz ihrer bescheidenen Verhältnisse ermöglichten sie ihren Söhnen eine höhere Bildung. Ludwig absolvierte die Klosterneuburger Weinbauschule und studierte dann mehrere Semester Landwirtschaft an der Universität für Bodenkultur Wien. An den Wochenenden erwartete man die beiden Studenten dringlich zu Hause zum Aushelfen, es war für die beiden kein Honiglecken.

Ludwig brachte sich schon während des Studiums Anfang der 1980er-Jahre zu Hause im Keller ein, aber es war keineswegs absehbar, dass der kleine Betrieb eine Zukunft haben würde. Karl war drauf und dran, im Bankwesen Fuß zu fassen und auch Ludwig würde mittelfristig irgendwo in der Privatwirtschaft sein Auslangen finden, an eine realistische Zukunftsperspektive für die familiäre Landwirtschaft wollte man nicht glauben.

"Wir hatten überhaupt keine Herkunft", so Ludwig Neumayer über das damalige Image des Traisentaler Weinbaus. Noch deutlicher bringt es Karl auf den Punkt: "Keiner glaubte, dass in einer solchen Saugegend ein guter Wein gedeiht" (im hinteren Teil des Betriebs sind heute noch die Konturen der damaligen Schweinestallungen auszunehmen). Der aussichtsreiche Weinbau habe damals "ëintan Wossa" stattgefunden, sagt Karl, mithin jenseits der Donau, vor allem rund um die bekannten Kamptaler, Kremstaler und Wachauer Weinorte.

Ungeachtet dieser Tatsachen nahm Ludwig Neumayer Mitte der 1980er-Jahre mit fünf Weinproben beim Bewerb der Kremser Bundesweinmesse teil. Und siehe da: Alle fünf Weine wurden mit Gold prämiert und Ludwig Neumayer fand sich an achter Stelle unter die zehn besten Winzer Niederösterreichs gereiht. Plötzlich kamen ganz neue Weinkunden auf den Hof und eine Reihe von Zeitungen und renommierten Weinmagazinen interessierte sich für den Betrieb. In einer Zeit, als man zu Hause schon an eine Betriebsstillegung dachte, kam das einer Initialzündung gleich. 1992 übernahm Ludwig Neumayer den Betrieb, vermehrte sukzessive die Anbauflächen und zeigte im Alleingang das Potenzial des Gebietes auf – das Traisental hat ihm viel zu verdanken. Längst zählt er zu den niederösterreichischen Topwinzern mit zahlreichen auch international hochrangigen Prämierungserfolgen.

An den Abhängen des auf 380 Meter Seehöhe hinaufreichenden Inzersdorfer Fohrerbergs befinden sich vorzügliche Weinberglagen wie Zwirch, Rothenbart, Himmelreich und Rafasetzen, die recht vielfältige Gesteinszusammensetzungen, jedoch insgesamt reichlich Kalkeinlagerungen aufweisen. Ganz spektakulär tritt in der Riede Rothenbart – nomen est omen – nicht selten purer Kalkstein in roter Farbe zutage, der im Konglomerat mit Eisen und Mangan angereichert ist. Bis zu zwei Meter lange Äskulapnattern kümmern sich im steinigen Gelände um die Dezimierung der aus Winzersicht unliebsamen Wühlmäuse.

Die Weine sind durchgehend, auch im preisgünstigen Segment, etwa im Falle des Grünen Veltliner Engelberg (9,90 Euro), mit reichlich Trinkfluss und einer reizenden Mineralik gesegnet. Bemerkenswerterweise hat Ludwig Neumayer eine Stilistik mit extrem hohem Wiedererkennungswert kreiert. Die hellfruchtig geprägten Weine sind auf der einen Seite mit Dichte und Tiefgründigkeit und auf der anderen Seite mit tänzelnder Filigranität und Finesse ausgestattet – es ist beinahe paradox und unglaublich! Die Premiumformate weisen allesamt hohes Lagerpotenzial auf.

Ein besonders gutes Preis-Wert-Verhältnis hat der edel-filigrane, frische, pfirsichfruchtig-würzige, feinmaschige, süffige, finessenreiche 2021er Grüne Veltliner Schieflage. Man wird nicht müde ihn zu trinken (14,90 Euro). Eine ähnliche Bewandtnis hat es mit dem vielschichtigen 2021er Grünen Veltliner Zwiri, der mit seiner tollen Noblesse für einen euphorisierenden Nachhall sorgt (18,90 Euro). Zu den besten Grünen Veltlinern des Landes zähle ich den 2021 Zwirch, ein Wein mit höchst eigenständigem Charakter, sublimer Kargheit und bestechendem Zusammenspiel aller Komponenten, er legt mit Belüftung im Glas deutlich zu, ist in jeder Phase reizvoll und eine reine Gaumenfreude (22,90 Euro). Ein Ausnahmewein ist der Grüne Veltliner Ikon 2021. Er vereinigt in bemerkenswerter Ausgewogenheit Eleganz, Raffinesse und Tiefgründigkeit, er ist trotz seiner Dichte erhebend und evoziert eine feierliche Stimmung (49,90 Euro).

Unter den Rieslingen ragt nicht nur der 2021er Rothenbart besonders heraus. Er ist – typisch neumayerisch – gewichtig und zugleich voller Leben und weist einen hohen Wohlfühlfaktor mit bestem Trinkfluss auf (29,90 Euro). In der Art einer wohlkomponierten Ballade präsentiert sich "Der Wein vom Stein" des 2021er Jahrgangs. Er benötigt zunächst reichlich Belüftung, öffnet sich nach und nach und offenbart dann sein einzigartig vitales Wesen, zunächst sind helle Fruchtnuancen zu verspüren, hintennach tritt eine zarte Honignote hinzu, die Säure ist bis zum langen Abgang optimal gepuffert (32,90 Euro). Eine separate Befassung würde Neumayers exzellenter Weißburgunder verdienen, er wird zu gegebener Zeit in einem thematischen Zusammenhang zu würdigen sein.

Info
Weingut Ludwig Neumayer
T. 0664/256 30 10, www.weinvomstein.at

Print-Artikel erschienen am 23. Dezember 2022
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 22–23