Schietwetter-Pott steht auf dem Häferl, das die Reisebegleitung sich letztlich ausgesucht hat im Souvenirshop am Hafen. Und am Ende der Städtereise nach Hamburg steht fest: Ein passenderes Andenken gibt es tatsächlich nicht. Denn die Hansestadt ist zurecht berüchtigt für ihr von Ost- und Nordsee geprägtes Wetter, das selbst im Sommer jederzeit Regen bringen kann (Achtung, Verkühlungsgefahr!), weshalb auf der Tasse daneben steht: "Nirgendwo strahlt der Himmel so schön grau wie in Hamburg." Umgekehrt kann es aber auch passieren, dass trotz kühl-feuchter Wetterprognose die steife Brise, mit der man hier immer rechnen muss, die Wolken alle wegbläst und die Sonne herauskommt. Was den Touristen freut, weil er einmal weder Schirm noch Regenmantel braucht, lässt den Hamburger ächzen: "Wir kriegen auch mal 25 Grad ohne Wind. Aber das ist dann ganz schön stickig in der Stadt", stellt ein Einwohner der 1,8-Millionen-Stadt fest.

Wie wetterfest die Hamburger sind, zeigt sich am Elbstrand, wo Einheimische auch bei 15 Grad im Wasser waten. Das ist übrigens etwas, auf das sich die Hanseaten zurecht etwas einbilden: Zwölf Kilometer Sandstrand mitten in der Stadt, wo man mit etwas Glück nicht nur Möwenfedern, sondern auch Muscheln findet. Und wo der 217 Tonnen schwere älteste Findling Deutschlands thront: "Alter Schwede" haben ihn die Hamburger genannt und am 6. Juni 2000 sogar eingebürgert.

Ein imposanter Anblick: ein Containerschiff im Hamburger Hafen. 
- © Mathias Ziegler

Ein imposanter Anblick: ein Containerschiff im Hamburger Hafen.

- © Mathias Ziegler

Riesigen Containerschiffen im Hafen ganz nahe

Vom Sandstrand aus hat man auch einen guten Blick auf die vielen Containerschiffe, die gegenüber vom größten Wasserbahnhof der Welt am drittgrößten Frachthafen Europas (nach Rotterdam und Antwerpen) be- und entladen werden. Ganz nahe kommt man ihnen bei der Hafentour, von der einem jeder Hamburg-Besucher im Vorfeld sagt, dass man sie unbedingt machen soll. (Kleiner Tipp: Vor der Buchung schauen, ob man die Tickets nicht im Hotel oder beim ebenso empfehlenswerten Stadtrundfahrtbus billiger bekommt.)

Und ja, man würde wirklich etwas versäumen, denn es ist schon gigantisch, an einem solchen Ozeanriesen knapp vorbeizufahren und sich dabei vorzustellen (oder eher: es sich vorzustellen zu versuchen), dass in und auf einem solchen Schiff sage und schreibe bis zu 24.000 Container transportiert werden. Mehr als doppelt so viele, wie St. Michaelis, eine der fünf Hauptkirchen der Hamburger Innenstadt ein paar hundert Meter weiter, Orgelpfeifen hat: nämlich rund 10.000 in sechs Orgeln. Eine beeindruckende Zahl in einem beeindruckenden Gotteshaus, das mit seiner recht eigenwilligen Innenarchitektur auch ein bisschen etwas von einem Theater hat.

Wer mit dem Lift den Turm des Michels (wie er im Volksmund heißt) hinauffährt, hat aus 106 Metern Höhe einen wirklich fantastischen Rundumblick über ganz Hamburg. Weil nämlich keine Hochhäuser die Sicht verstellen. Bis vor kurzem waren die ein absolutes No-Go in der Hansestadt. Nur die im Bau befindliche Hafencity, die einen eigenen Stadtteil samt U-Bahn-Anschluss darstellt, wird einen 250 Meter hohen Turm bekommen. Überhaupt entsteht hier ein neuer Stadtteil, der es in sich hat.

Der Michel. 
- © Ziegler

Der Michel.

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Tourismus-Sprecher Sascha Albertsen spricht etwa von einem "Digital Art Museum, das es in dieser Dimension sonst nur in Tokio gibt", einer riesigen Einkaufserlebniswelt, überhaupt "einem neuen Einfallstor in die Stadt". Und wenn man schon am Hafen ist, sollte man auch das sowjetische U-Boot besichtigen, das dort vor Anker liegt. Achtung, es ist sehr eng in dem Ding! Viel enger, als es in einschlägigen Filmen den Anschein hat.

Eng ist so ein U-Boot. 
- © Ziegler

Eng ist so ein U-Boot.

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Die Hafencity soll auch endlich mehr Durchmischung in die Hansestadt bringen, in der allzu lange nach Funktionen getrennt wurde (wegen des Hochwassers ist es verboten, in der Speicherstadt zu wohnen), was dazu führte, dass die Innenstadt nach Dienst- und Geschäftsschuss regelrecht entvölkert war. Erst in jüngerer Zeit wird hier gegengesteuert.

Gegengesteuert wurde und wird auch seitens des Tourismusverbandes, was das Image Hamburgs als Destination betrifft. Denn die Stadt, deren wirtschaftliche Blüte auch auf einem gefälschten Freibrief von Kaiser Friedrich Barbarossa gründet, ist natürlich viel mehr als der – zugegeben imposante – Hafen und das – tatsächlich nachts verruchte – St. Pauli samt Reeperbahn (die bei Tag an die Simmeringer Hauptstraße in Wien erinnert, nur mit geschlossenen Striplokalen statt Handyshops).

Die berühmte Davidwache an der Reeperbahn. 
- © Ziegler

Die berühmte Davidwache an der Reeperbahn.

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Die Kulturangebote in Hamburg wurden in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten massiv ausgebaut und reichen von der Laeiszhalle über das Ohnsorg-Theater (in dem auf plattdeutsch gespielt wird) bis zum Stage Operettenhaus, wo nun der vielfach ausgezeichnete Broadway-Klassiker "Hamilton" zu sehen ist, und anderen Musiktheatern, die Hamburg zur drittwichtigsten Musical-Stadt der Welt hinter New York und London machen.

Kultureller Aufschwung dank Elbphilharmonie

"Unsere Kern-DNA ist natürlich der Hafen", betont Tourismus-Sprecher Albertsen. "Hamburg ist eine Liquid City. Auch wenn wir Besucher fragen, wofür Hamburg steht, wenn es um Kultur geht, dann wird immer der Hafen genannt. Bis zur Elbphilharmonie wurde Hamburg wenig mit Kultur in Verbindung gebracht, dabei verfügt es über die renommiertesten Sprechtheater und Bühnen." Er verweist auf das kontrastreiche Kulturangebot, das Hamburg heute bietet. Auch und gerade auf der Reeperbahn, die man aus dem Schmuddelimage herausbekommen hat.

Allein in den vergangenen zehn Jahren hat sich in Hamburg touristisch sehr viel verändert, meint Albertsen: "Früher wäre es undenkbar gewesen, dass renommierte Reiseveranstalter, die Hochkulturdestinationen wie Wien im Programm haben, auch Hamburg mit aufnehmen. Heute ist das selbstverständlich."

Die Elbphilharmonie ist vom Stein des Anstoßes längst zum geschätzten Kulturort geworden. 
- © Mathias Ziegler

Die Elbphilharmonie ist vom Stein des Anstoßes längst zum geschätzten Kulturort geworden.

- © Mathias Ziegler

Großen Anteil an diesem kulturellen Aufschwung hat die Elbphilharmonie, die natürlich ein eigenes Kapitel für sich ist. Erst sorgte sie durch die von 77 auf 866 Millionen Euro explodierten Baukosten für Schlagzeilen, heute aber macht sie nun doch durch ihre vielen verschiedenen kulturellen Angebote von sich reden. Die Hamburger sind mit dem Megaprojekt fünf Jahre nach der Eröffnung inzwischen halbwegs versöhnt und haben sie als neues Wahrzeichen der Stadt akzeptiert – allerdings dräut nun neue Unbill, weil darüber diskutiert wird, die Plaza vor dem Schaumkronenmonument nur noch gegen Zahlung von ein paar Euro zugänglich zu machen. Was aber in einer Stadt, in der man schon froh sein muss, wenn man eine Mietwohnung um 1.500 Euro bekommt und selbst der Cheeseburger bei McDonald’s 1,89 Euro kostet, auch wieder konsequent wäre.

Zu den teuersten Wohnungen in der Stadt gehören übrigens jene 45, die neben einem Hotel direkt in der Elbphilharmonie zu finden sind. Sie sollen zwar alle um bis zu zehn Millionen Euro verkauft worden sein, allerdings weitgehend leerstehen. Zumindest sind die meisten Fenster dort abends dunkel. Umso heller leuchten die 1.100 Fensterelemente der oberen Etagen, die allesamt Einzelanfertigungen sind – und deren Reinigung jeweils zigtausend Euro kostet, weil sich nämlich spezielle Fassadenkletterer abseilen müssen, da keine Vorrichtungen für Reinigungsgondeln vorgesehen wurden.

Imposant ist auch die deutschsprachige Inszenierung von "Harry Potter und das verwunschene Kind", die im Dezember 2021 mit mehr als eineinhalb Jahren Corona-Verspätung in Hamburg gestartet ist. Für sie wurde eigens ein Theater errichtet (ähnlich wie in St. Marx in Wien in einer alten Markthalle), in dem J. K. Rowlings wahrhaft episches Opus magnum mit zahlreichen magischen Spezialeffekten auf die Bühne gebracht wird. Und die Chancen stehen gut, dass diese wirklich sehenswerte Produktion, die schon in der ersten Inszenierung trotz rund sechs Stunden Spieldauer an zwei Abenden überhaupt keine Längen hatte und nun, neu inszeniert, auf einen Abend komprimiert wurde, eine ähnliche Erfolgsgeschichte wird wie "Der König der Löwen". Für die opulente Musical-Adaption des Disney-Films wurde 2001 gegenüber dem Hafen das größte portable Zelt Europas gebaut mit dem Ziel, in den folgenden zwei Jahren möglichst die Errichtungskosten wieder hereinzubekommen. Inzwischen blickt die Produktion auf 21 Jahre mit fast 15 Millionen Zusehern in rund 8.000 Vorstellungen zurück. Und für "König der Löwen" gilt das Gleiche wie für "Harry Potter" und das Miniatur-Wunderland in der Speicherstadt: Bei einem Hamburg-Trip kommt man einfach nicht darum herum.

"Der König der Löwen" im Miniatur-Wunderland. 
- © Ziegler

"Der König der Löwen" im Miniatur-Wunderland.

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Der Brexit auch im Miniatur-Wunderland

Insbesondere die 2001 eröffnete größte Modellbahnanlage der Welt arbeitet schon wieder am nächsten Superlativ. Nachdem im Frühjahr 2022 in Kooperation mit dem Europapark ein zusätzliches VR-Angebot ("YULLBE WUNDERLAND") entwickelt wurde, bei dem man im Maßstab 1:87 geschrumpft wird und als Miniaturfigur im Wunderland ein zehnminütiges oder ein halbstündiges Abenteuer erleben kann, baut das Team der Zwillinge Frederik und Gerrit Braun, die sich hier vor zwei Jahrzehnten einen Kindertraum erfüllt haben, nun an zwei weiteren Landschaften: erstens Monaco samt Circuit, wo später Formel-1- und Formel-E-Rennen ausgetragen werden, wobei jeder Grand Prix anders ausgehen soll; und zweitens Patagonien, das direkt neben Rio entsteht und mit seinen weitläufigen, kargen Landschaften einen spannenden Kontrast zum dichten Karneval-Treiben bilden wird. "Eigentlich sollte hier England gebaut werden – aber die haben sich mit dem Brexit ins Aus geschossen", meint Wunderland-Marketing-Manager Niklas Weissleder beim Rundgang mit einem Schmunzeln.

Hier entsteht Monte Carlo - im Miniaturwunderland. 
- © Mathias Ziegler

Hier entsteht Monte Carlo - im Miniaturwunderland.

- © Mathias Ziegler

Die Eisenbahn steht im Miniatur-Wunderland längst nicht mehr im Mittelpunkt, sondern es sind die unzähligen Modelle drumherum, die bereits mehr als 20 Millionen Besucher fasziniert haben. Vor allem, weil man etliche davon mittels Druckknopf aktivieren kann. Angesichts des immer noch ungebrochenen Besucheransturms muss man hier auf jeden Fall vorreservieren – und zwar sowohl für die Modellbahnwelt als auch für das VR-Abenteuer.

Ein Sandstrand mitten in der Stadt. 
- © Ziegler

Ein Sandstrand mitten in der Stadt.

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Freilich hat Hamburg noch viel mehr zu bieten. "Genaugenommen hat Hamburg 106 Stadtteile – also 106 Gründe, hierherzukommen – und da sind die Regionen rundherum noch gar nicht mit dabei", meint Tourismus-Sprecher Albertsen. Wer zum Beispiel irgendwann die Nase voll hat von den roten Backsteinen, die rund um Hafen und Speicherstadt dominieren und deren Tradition bis ins Mittelalter zurückreicht, besteigt am besten ein Leihrad (das System wurde zuletzt stark ausgebaut) oder ein Boot und fährt die Alster entlang nach Norden, weg von der Elbe, wo das Stadtbild abwechslungsreicher wird.

So zeigt sich etwa im Stadtteil Eppendorf, dem "kleinen Notting Hill", plötzlich eine ganz andere Architektur. Auch lohnen Abstecher in die vielen Fleete, die von der Alster abgehen. Und (noch) in die Rubrik Geheimtipp zum Einkehren fällt das schwimmende Café Entenwerder 1 direkt an der Norderelbe. Für Genießer ist auch der Isemarkt einen Ausflug wert. Der Wochenmarkt in Harvestehude findet jeden Dienstag und Freitag von 8 bis 14 Uhr statt. Und wunderbar flanieren kann man auf dem Eppendorfer Weg, von der Schanze bis nach Eppendorf. Aber eben auch das Umland hat einiges zu bieten, etwa malerische Kleinstädte wie Lübeck, Friedrichstadt, das nicht umsonst "Klein Amsterdam" genannt wird, oder das rund 900 Jahre alte Winsen an der Luhe. Und auch Nord- und Ostsee sind nicht weit.

Ein "Hummel-Bummel" durch Hamburg

Für jene, die Hamburg zu Fuß erkunden möchten, ist direkt beim Haupttor des Michel einer der vier Startpunkte des "Hummel-Bummels". Von hier aus kann man einen langen Spaziergang entlang einer roten Linie auf den Spuren der Hamburger Kultfigur Johann Wilhelm Bentz alias Hans Hummel (1787 bis 1854) durch die Hamburger Neustadt machen.

Natürlich lohnt auch ein Abstecher auf den Domplatz zu Hamburgs ältester Hauptkirche, der Petrikirche aus dem 11. Jahrhundert, wo man auch dem Namen der Hansestadt auf die Spur kommt. Und bei der Ankunft vielleicht weniger beachtet, ist der Hauptbahnhof einen zweiten Blick wert. Im Gegensatz zu Wien durfte hier nämlich das alte Gebäude aus dem Jahr 1906 bisher stehen bleiben. Allerdings platzt er mittlerweile aus den Nähten, weshalb ein Ausbau im Raum steht. Man darf gespannt sein, wie die Hamburger es schaffen werden, die alte Bausubstanz in ein neues Architekturkonzept einzubetten.

Und was dem Wiener die Alte Donau, das ist dem Hamburger die Außenalster – ein Stausee, der auf Überschwemmungen im Mittelalter zurückgeht und stellenweise so seicht ist, dass es unter einheimischen Seglern den Spruch gibt: "Wer in der Außenalster ertrinkt, ist zu doof zum Stehen." Hier steht auch das legendäre Hotel Atlantic, in dem seit mehr als 25 Jahren Udo Lindenberg als Dauergast residiert (nur in der Pandemie hat er das Hotel für einige Monate verlassen). Wem die dortigen Zimmerpreise ab 250 Euro pro Nacht zu hoch sind, dem sei das kleine, feine Hotel Stella Maris direkt am Hafen ans Herz gelegt. Mitten im Portugiesenviertel gelegen, ist von hier aus alles fußläufig zu erreichen, von den Landungsbrücken über den Alten Elbtunnel bis zur Speicherstadt.

Aber zurück zur Außenalster. Westlich davon liegt ein grünes Kleinod, das ebenfalls einen längeren Besuch wert ist: "Planten un Blomen" (Pflanzen und Blumen) heißt der Botanische Garten, in dem die Kinder einen großen Spielplatz vorfinden, während die Eltern Rosen und japanisches Teehaus bewundern können. Abends finden hier Konzerte und Wasserlichtshows statt.

Viele Sehenswürdigkeiten Hamburgs kann man übrigens auch von der U-Bahn-Linie U3 aus entdecken, die ab 1912 Arbeiter von den Wohnvierteln zum Hafen brachte. Die U-Bahn fährt nämlich überwiegend oberirdisch (während die S-Bahn unterirdisch unterwegs ist) in dieser Stadt, in der die "Morgenpost" abends und das "Abendblatt" morgens erscheint. Und wer gaaanz viel Zeit hat, kann die Hamburger Brücken zählen. Mit rund 2.500 gilt die Hansestadt nämlich als Europas brückenreichste Metropole und hat mehr als Amsterdam und Venedig zusammen. Weltweit gibt es nur in New York mehr Brücken (fast 2.900) als in Hamburg.