In der Altstadt von Baden bei Wien findet alljährlich zum Auftakt der Traubenkurwochen ein Umzug mit der Traubenkrone statt. - © Johann Werfring
In der Altstadt von Baden bei Wien findet alljährlich zum Auftakt der Traubenkurwochen ein Umzug mit der Traubenkrone statt. - © Johann Werfring

Zum Auftakt der Traubenkurwochen gibt es in Baden bei Wien von alters her ein eigenes Ritual: Nach der Festmesse in der Frauenkirche, wo die weintraubenbehangene Erntekrone gesegnet wird, machen sich die mit blauem Schurz adjustierten Weinhauer auf den Weg zur Pestsäule am Hauptplatz. Wie die alttestamentlichen Kundschafter Josua und Kaleb haben zwei Badener Burschen die auf einem großen Stock aufgehängte Traubenkrone geschultert. Auch Kinder in Trachten sind mit von der Partie. Zwei Buben in Lederhosen befördern die reich geschmückte Weinberggeiß, andere Kinder tragen eine Mini-Erntekrone, ein Mädchen fährt im Leiterwagerl mit.

Beim Hauptplatz angekommen, wird die Traubenkrone ehrenvoll auf einem Gestell aufgepflanzt – sie wird dort bis zum Abend als Festtagsaufputz verbleiben. Sogleich formieren sich rund 20 blau beschürzte Winzer zu einem Chor und geben eine Reihe von Liedern zum Besten. Sodann werden die Traubenkurwochen für eröffnet erklärt und die Badener Bürger strömen zu dem vor der Pestsäule aufgebauten Standel, um sich die angebotenen Kurtrauben oder den Traubensaft und den Sturm einzuverleiben.

Einen Monat lang (heuer noch bis zum 2. Oktober) wird das orangefarbene Standel wie eine Vitalisierungs-Tankstelle zur Verfügung stehen. Die traditionelle Traubenkur sieht nämlich vor, dass über etliche Wochen hinweg täglich rund ein bis eineinhalb Kilo Trauben gegessen oder ebensoviel frisch gepresster Traubensaft konsumiert wird.

Was die Traubenkur alles bewirkt? Wie berichtet wird, soll die Kur vor allem das Immunsystem stärken. Die in den Trauben enthaltenen Ballaststoffe wirken entwässernd und beseitigen Darmträgheit sowie Verstopfung. Insbesondere in den Schalen und Kernen finden sich gesundheitsfördernde Substanzen, die nebenbei auch einen Anti-Aging-Effekt haben sollen. Und nicht zuletzt kann man mithilfe der entschlackenden Traubenkur – bei zugleich reduzierter Nahrungsaufnahme – etliche Kilo abspecken.

Traubenkur in geselliger Runde. Links vorne sitzend der Badener Bürgermeister von 1919 bis 1938 Josef Kollmann. Zeitungsillustration, 1933. - © Johann Werfring
Traubenkur in geselliger Runde. Links vorne sitzend der Badener Bürgermeister von 1919 bis 1938 Josef Kollmann. Zeitungsillustration, 1933. - © Johann Werfring

In Baden bei Wien hält man schon seit vielen Jahrzehnten an der Traubenkur fest. Im Badener Rollettmuseum hat sich ein Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1933 erhalten. Die Illustration zeigt im Vordergrund den damaligen Badener Bürgermeister und vormaligen Finanzminister Josef Kollmann im geselligen Kreis beim Traubenverzehr.

Der (launige) Text zu diesem Bild verkündet: "Kürzlich fand in Baden, das nun auch ein Trauben-Kurort sein will, eine Most- und Traubenkost statt, bei der sich die Besucher das Gebotene gut schmecken ließen. Es gab allerdings auch einige Besucher, die als alte Weinbeißer die Ansicht äußerten, es sei schade um jeden Tropfen, dem man zum Gären nicht Zeit lasse."

Am Badener Hauptplatz bei der Pestsäule kann man sich noch bis 2. Oktober an den schmackhaften Kurtrauben (Weißer Gutedel und Roter Gutedel) delektieren. - © Johann Werfring
Am Badener Hauptplatz bei der Pestsäule kann man sich noch bis 2. Oktober an den schmackhaften Kurtrauben (Weißer Gutedel und Roter Gutedel) delektieren. - © Johann Werfring

Als "Badener Kurtrauben" fungieren traditionell die Sorten "Weißer Gutedel" und "Roter Gutedel". Als "Meraner Kurtraube" wird seit eh und je die Großvernatschtraube verwendet. Freilich kann die Traubenkur auch mit allerlei anderen Sorten gemacht werden.

Indes lässt das Traubenangebot im österreichischen Handel sehr zu wünschen übrig. Obwohl Österreich ein traditionelles Weinland ist, finden sich in den Supermärkten nahezu ausschließlich ausländische Weintrauben, die oft genug einen faden Geschmack haben. Ganz besonders enttäuschend ist hierzulande das (sogenannte) Bio-Angebot, das ganz und gar auf fremdländische Weintrauben abgestimmt ist (was freilich keineswegs dem ökologischen Nachhaltigkeitsgedanken entspricht). Im Biosupermarkt Maran in Wien-Landstraße waren bei einer für diesen Artikel durchgeführten Stichprobe lediglich riesige "Red Globe"-Trauben aus Italien vorrätig. Bei Billa in Wien-Wieden gibt es "Ja Natürlich"-Sultanas-Trauben aus Griechenland und bei Interspar in Wien-Landstraße werden unter dem Label "Natur pur" Bio-Trauben aus Italien angeboten.

Unter der Eigenmarke "Spar" firmieren dort unter dem verführerisch klingenden Namen "Jack the Snack" auch kernlose Trauben aus Italien. Dabei sind, wie erwähnt, gerade in den Kernen gesundheitsfördernde Substanzen enthalten. Vielfach werden Weintraubenkerne deshalb verabscheut, weil diese mitunter beim Zerkauen zwischen den Zähnen stecken bleiben. Bei richtigem Verzehr ist dies jedoch ganz einfach zu verhindern: Wenn man die Trauben mit den Zähnen nur behutsam anquetscht und diese sodann schluckt, bleiben sie keinesfalls stecken. Durch das Anquetschen werden wichtige Substanzen freigesetzt, die sich hernach im Organismus entfalten können.

Etwas besser als in den Supermärkten ist das Traubenangebot auf den Märkten. Am Wiener Naschmarkt gibt es etwa Chasselas (= Gutedel), Isabella (aus ihnen wird der Uhudler gewonnen) und Plattenseer – deren Herkunft ist jedoch meist fremdländisch. Im hinteren Teil des Naschmarktes konnte ich sogar ein einzelnes Standel mit inländischen Gutedel-Trauben ausfindig machen.

Wie man dieser Misere entgegensteuern kann? Am besten in den Geschäften und am Markt mit Nachdruck inländische Trauben verlangen. Oder ganz einfach Trauben bei Winzern aus der Umgebung kaufen.

Artikel erschienen am 16. September 2011
in der Kolumne "Werfrings Weinjournal"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 22–23