Der Hauerkronenumzug 2011 in Neustift am Walde. - © Johann Werfring
Der Hauerkronenumzug 2011 in Neustift am Walde. - © Johann Werfring

Dass der Wein und die Pest in der Geschichte Wiens eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben, ist nicht nur durch die legendäre Figur des Lieben Augustin (der ja beide Phänomene in sich vereinigt) bezeugt. Auch in Neustift am Walde ist diese Verbindung im Brauchtum bis zum heutigen Tage gegeben.

Das Wahrzeichen des kleinen Weinortes ist die Pfarrkirche Neustift am Walde, die dem heiligen Rochus geweiht ist. Als in den Jahren 1713/14 in der Umgebung der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt zum bislang letzten Mal die Pestfurie wütete, wurde auch Neustift nicht verschont. Zum Dank für das Erlöschen der schrecklichen Seuche widmeten die Neustifter dem heiligen Rochus, der hierzulande zu den beliebtesten Pestpatronen zählte, ein schmuckes Gotteshaus.

Der Gedenktag des heiligen Rochus fällt auf den 16. August. Jeweils am darauf folgenden Wochenende veranstalten die Neustifter Winzer ihren berühmten Kirtag, der sich über vier Tage (und Nächte) erstreckt. Mehrmals täglich gibt es bei diesem Kirtag einen Umzug mit der legendären Hauerkrone. Hauptakteure sind dabei der Hiata, der Altbursch, die Kronenträger und die Flascherlbuam. Eine Blasmusikkapelle ist beim Hauerkronenumzug stets mit dabei. Immer wieder stoppt der Zug bei den Heurigen, wo der Hiata die Wirte und deren Gäste "hochleben" lässt. Dann gibt’s von den Musikanten jeweils einen Tusch. Die Flascherlbuam (nach modernen Wertvorstellungen wurde einer von ihnen mittlerweile durch ein Mäderl ersetzt) verehren den Wirten bei solchen Gelegenheiten ein Achterl.

Wie überliefert ist, wurzelt der Brauch des Hauerkronenumzugs in der Zeit Kaiserin Maria Theresias. Infolge eines schlechten Erntejahres zogen anno dazumal die Neustifter Hauer mit einer Erntedankkrone zur Kaiserin und baten wegen der bedrückenden wirtschaftlichen Situation um Steuerfreiheit. Die Monarchin "willfahrte" diesem Wunsch und gab den Neustiftern die Krone zurück, und zwar mit der Auflage, dass diese jedes Jahr im Zentrum eines Kirtags stehen solle.

Jahrhundertelang – und zwar bis in die frühen 1960er Jahre hinein – wurde in Neustift alljährlich zu Beginn der Traubenreife ein "Hiata" (= Hüter) in Dienst gestellt, dessen Aufgabe es war, Traubendiebstähle zu verhindern. Zu den Agenden des Hiatas zählte seit dem 18. Jahrhundert auch die Ausrichtung des Neustifter Kirtags. Weil das Salär des Hiatas ohnedies niedrig genug gewesen ist, war der Kirtag eine willkommene Gelegenheit für ihn, seine Einkünfte aufzubessern. Beim "Hochleben-lassen" der örtlichen Honoratioren flossen nämlich reichlich Trinkgelder. Angeblich konnte der eine oder andere Hiata mit dem Kirtagstrinkgeld sogar einen Weingarten kaufen.

Der Hiata lässt die Heurigenwirte und deren Gäste "hochleben" (oben). Der Neustifter Kirtag ist auch ein beliebter Dirndl-Treffpunkt (unten). - © Johann Werfring
Der Hiata lässt die Heurigenwirte und deren Gäste "hochleben" (oben). Der Neustifter Kirtag ist auch ein beliebter Dirndl-Treffpunkt (unten). - © Johann Werfring

Noch heute ist der Hiata beim Neustifter Umzug schon von weitem durch sein Hiatahorn zu erkennen. Mit dem gewaltigen Rinderhorn rief der Hiata einstmals Hilfe herbei, wenn er von Traubendieben in Bedrängnis gebracht wurde. Auch das Aufstellen eines Baumes beim Neustifter Kirtag verweist auf das alte Hiata-Amt. Früher einmal machte der Hiata durch das Aufrichten eines speziellen Baumes darauf aufmerksam, dass die Weingärten bewacht waren und nicht betreten werden durften. Im Rahmen des Kirtags fand heuer im Neustifter Weingut Frieseurmüller ein Festgottesdienst statt. Danach zogen die Hauer zum Heurigen Eischer, wo sie vor dessen Kronenstüberl den geschmückten Hiatabam platzierten.

Das Neustifter Kirtagsbrauchtum erfreut sich in Wien enormer Beliebtheit. Wie heuer zu beobachten war, nützten zahlreiche Wienerinnen und Wiener diese Möglichkeit, um ihr Trachtengewand auszuführen. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen sich beim Neustifter Kirtag in Lederhosen oder Dirndln zeigen. Was besonders augenfällig ist: Bei den zur Schau gestellten Dirndln gibt es auch recht elegante, ja geradezu urbane Ausprägungen.

Alles in allem ist die Gestaltung des Kirtags eine nicht unbeträchtliche organisatorische Leistung, die von den Neustifter und Salmannsdorfer Weinbautreibenden völlig in Eigenregie erbracht wird. Früher einmal hat es in den einzelnen Weinbauorten rund um Wien eine Reihe von sommerlichen Kirtagen gegeben, so auch in Pötzleinsdorf und Sievering. Wie auch in anderen Gegenden Österreichs kam dort das Brauchtum aber nach dem Zweiten Weltkrieg zum Erliegen. Insofern stellt der Neustifter Kirtag (insbesondere was das unverfälschte Weinbrauchtum anbelangt) heute eine ausgesprochene Rarität dar. Beim Umzug wird mittlerweile – aus konservatorischen Gründen – freilich nicht mehr das Original der historischen Hauerkrone, sondern eine Kopie verwendet.

Artikel erschienen am 23. September 2011
in der Kolumne "Werfrings Weinjournal"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 36–37