Der Pinot Noir ist die große Leidenschaft von Birgit Wiederstein. - © Johann Werfring
Der Pinot Noir ist die große Leidenschaft von Birgit Wiederstein. - © Johann Werfring

Im Jahr 1998 ging am Göttlesbrunner Weinhimmel ein neuer Stern auf: Zu jener Zeit kelterte die noch jugendliche Birgit Wiederstein ihren ersten Wein, nachdem sie in Zwettl an der Schule für Umwelt und Wirtschaft ihre Reifeprüfung abgelegt hatte. Als außerordentliche Schülerin absolvierte sie im Anschluss noch die Klosterneuburger Weinbauschule, wo sie 2002 zum zweiten Mal erfolgreich maturierte.

Ein Weinbaupraktikum, das sie noch während ihrer Klosterneuburger Schulzeit (2000) beim Golser Pinot Noir-Meister Paul Achs abgelegt hatte, vertiefte ihr Interesse für diese Sorte. "Der Pinot Noir ist meine Leidenschaft, wogegen ich mit dem Cabernet Sauvignon nur wenig anfangen kann", erzählt die Winzerin. Freilich werden bei solch einer Grundsatzerklärung Erinnerungen an den mittlerweile zum Kultfilm gewordenen Streifen "Sideways" (2004) wach. Der Cabernet Sauvignon, der ja von seiner Anlage her ein mächtiger Wein ist, wird im Film von einem unsensiblen Kraftlackel geschätzt, während dessen feinfühliger Gegenspieler den fragilen Pinot Noir bevorzugt.

Als "Diva" bezeichnet Birgit Wiederstein ihren Pinot Noir. "Diesen Wein kann man nicht machen, man kann ihn nur begleiten", so die Erklärung für den ausgeklügelten Weinnamen. Und weiter: "Eine Diva braucht zwar einen Regisseur, aber man muss sie nehmen, wie sie ist – beim Pinot Noir ist es dasselbe: der Wein gibt die Richtung vor, es lässt sich nichts forcieren, man muss versuchen ihn zu verstehen und ihm seine Identität belassen." Der Lohn für solch geduldigen Umgang mit dem Wein ist eine Ausrichtung, die als geradlinig, trinkflüssig und finessenreich, zugleich aber straff und edelherb zu bezeichnen ist, wie dies bei der aktuellen 2008er Diva der Fall ist. Der für die Diva mit 14 Euro festgesetzte Preis ist in Anbetracht des Aufwandes moderat.

Die Traummotive am Flaschenaufdruck wechseln von Jahr zu Jahr. - © Weingut Wiederstein
Die Traummotive am Flaschenaufdruck wechseln von Jahr zu Jahr. - © Weingut Wiederstein

Aus Blaufränkisch, Merlot und einem Tupferl Pinot Noir keltert die Winzerin eine Cuvée mit der Bezeichnung "Ein Traum". Sie möchte damit einen unkomplizierten, vergnüglichen Wein bereitstellen, der ganz einfach zum Innehalten (zum Träumen) anregt, was ihr im aktuellen 2009er Jahrgang auch hervorragend gelungen ist (10 Euro). Die Flasche ist von Jahr zu Jahr mit wechselnden Traummotiven bedruckt. "Ich stelle mir vor geistigem Auge gerne das Szenario vor, dass jemand in einem Lokal meinen Wein mit den Worten 'Ich hätte gerne einen Traum' bestellt", erklärt die sympathische Göttlesbrunnerin augenzwinkernd.

- © Weingut Wiederstein
© Weingut Wiederstein

Auch bei ihrer zweiten Cuvée, der "Venus", verzichtet die Winzerin auf Cabernet Sauvignon. Der Blaufränkisch-Merlot-Blend reift in 500-Liter-Fässern heran und zeigt im 2008er Jahrgang eine helle Fruchtausprägung nach Kirsche und Preiselbeeren mit viel Würze (auch etwas Lebkuchenwürze), mineralischer Ader und gutem Säurebiss. Der straffe, tanninbetonte Körper suggeriert eine weinige, aufrechte Machart (14 Euro). Botticellis Venus, so Wiederstein, verfüge – ebenso wie diese Cuvée – über ein Standbein und ein Spielbein.

Als Spitzenprodukt des Hauses darf der "Blaufränkisch wie damals" gelten. Er kommt vom Spitzerberg bei Prellenkirchen, wo der spezielle Bodenmix aus Löss, Kalk und Schiefer bei entsprechender Bewirtschaftung komplexe Blaufränkische im Hochqualitätssegment erbringt. Nur 600 Flaschen keltert Wiederstein von diesem Tröpfchen. Der Weinname verweist auf die puristische Machart mit zurückgenommenem Technikeinsatz (wie damals). Das mit Bleilettern in einer alten Druckerpresse hergestellte Etikett soll diese Bemühungen versinnbildlichen. Der aktuelle 2007er "Blaufränkisch wie damals" ist von einer ansprechenden Bukettnote nach Herzkirschen, Tee, Zimt und viel Würze geprägt, im Rückgeschmack kommen Grapefruit, Lakritze und Zitruszeste hinzu; seine feine Struktur und die vitale sowie straffe Ausrichtung ergeben insgesamt eine gute Balance, der Abgang ist anhaltend (22 Euro).

Ganz besonders sei auch auf den von alten Reben stammenden Zweigelt namens "Rhea" (Tochter der Erdmutter Gaia) hingewiesen, der – was den aktuellen 2010er Jahrgang betrifft – in seiner straffen Machart bemerkenswert ist. Die Straffheit kommt zum Teil von den mitvergorenen Stielen. Diese Methode verlangt besonderes Fingerspitzengefühl, denn ein Zuviel an hinzugefügten Stängeln kann dem Wein eine unerfreuliche Bitternote verleihen. Bitgit Wiederstein hat es punktgenau getroffen und auch den gar nicht so einfachen 2010er Jahrgang bravourös gemeistert. Die 2010er Rhea mit ihrer eleganten Heidelbeerfrucht ist saftig, pfeffrig und zart nussig – mithin vielschichtig – ausgefallen und überzeugt mit Volumen und Länge (10 Euro).

Alles in allem sind die zum Teil fußgetretenen und spontan vergorenen Weine keine Faserschmeichler und erfreulich stramm geprägt. Der Trinkfluss ist infolge behutsamer Kelter in überwiegend größerem Gebinde durchwegs vergnüglich. Der Preis für die aufwendig erzeugten Weine ist wohlfeil.

Info: Tel. 02162/8436, www.wiederstein.at

Artikel erschienen am 30. September 2011
in der Kolumne "Werfrings Weinjournal"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 36–37