Familienidylle mit Schlossfräulein Victoria, Hündin Coco und tierischem Rasenmäher. - © Andreas Pessenlehner
Familienidylle mit Schlossfräulein Victoria, Hündin Coco und tierischem Rasenmäher. - © Andreas Pessenlehner

Nähert man sich der im "Semmeringstil" erbauten Schlossgärtnerei mit ihren lindgrünen Holz-Orangerien, kommt im Besucherherz Ehrfurcht auf. Eingebettet in einen mit großen Ahornbäumen, Buchen und Kiefern bewachsenen 17 Hektar großen Park sieht man vom privaten Schlossglück erst einmal nichts. Das von den Habsburgern 1870 für Erholzungszwecke in Reichenau an der Rax erbaute Anwesen liegt nämlich von Bäumen verborgen auf einer kleinen Anhöhe über der Gärtnerei. Zum Glück, denn der viel beschäftigten Familie dient das herrschaftliche Haus ausschließlich als Privatrefugium - als Schlossoase im Zentrum ihres geschäftigen Lebens als Gartenplaner und Pflanzenhändler.

"Das hat sich so ergeben. Schloss Wartholz wurde uns zum Kauf angeboten. Ich hab’s am Anfang gar nicht ernst genommen, bis ich das Potential des Ortes als unsere neue Wohn- und Arbeitsstätte erkannt habe", meint die attraktive, zierliche Frau mit den blonden Haaren fast bescheiden auf die Frage nach Gefühlen der "Ehrfurcht" und vielleicht sogar "Überforderung" angesichts des riesigen Besitzes. Dabei ist die Schlossherrin ganz profan in Kärnten aufgewachsen, hat in Wien an der Universität für Bodenkultur studiert und ihren Mann Christian kennen und lieben gelernt, als sie bei seiner Gartengestaltungsfirma gearbeitet hat.

Der Ort scheint ein guter Platz zu sein für ein Paar, das sich einen Traum erfüllen wollte, denn einst hat das Kaiserehepaar Karl und Zita von Habsburg hierorts anno 1911 seine Flitterwochen verbracht. Sohn Otto wurde in der frisch renovierten Schlosskapelle getauft, wie auch das gegenwärtige Schlossfräulein Victoria.

Erdiger Arbeitsplatz

Die Schlossherrin wird von Familie und Leitung der Gärtnerei mit bis zu 40 Mitarbeitern in der Hauptsaison ganz schön auf Trab gehalten. Dennoch wirkt die studierte Landschaftsarchitektin keineswegs gestresst. Freundlich und bestimmt ordnet sie ihrem Team die nötigen Arbeiten an und packt selber tatkräftig bei der mühsamen und aufwendigen Grüngestaltung des Besucher-Eingangsbereiches mit an. Es bleibt nur wenig Zeit, bis sich die Tore der Gärtnerei für die vielen Gartenfreunde aus der Umgebung öffnen.

"Unsere Kunden kennen die Gärtnerei bereits vom Vorbesitzer. Wir haben seit 2006 alles neu gestaltet, die Orangerien erweitert und einen Kaffeehausbetrieb eröffnet. Anfangs habe ich geglaubt, ich kann das Service neben dem Verkaufsgeschäft mitmachen. Inzwischen habe ich dafür eigene Mitarbeiter und einen Koch angestellt, damit wir dem Ansturm gewachsen sind", lacht sie fröhlich.

Idyllischer Schmuck

Der schmucke Verkaufsraum und das helle, romantische Kaffeehaus in der Orangerie entführen in eine idyllische Sommerfrischewelt aus liebevoll-kitschigen Dekorationsobjekten und herrlich duftenden Pflanzen in kleinen und großen Töpfen. In mehreren Räumen können die Besucher flanieren und nach Herzenslust gustieren. Lampen, Spiegel, Übertöpfe, kleine und größere Skulpturen aus Stein - Schildkröten, Tauben, Schnecken, filigrane Libellen aus Drahtgeflecht, glitzernde Glasobjekte, bunte Textilien, Gartenmöbel in konservativem, englischen Stil, auch Modernes laden zum Träumen ein.

Blick in Richtung Orangerie. - © Andreas Pessenlehner
Blick in Richtung Orangerie. - © Andreas Pessenlehner

Alle diese wunderbaren Schätze hat die sympathische Frau selbst ausgewählt und aus den unterschiedlichen Ländern nach Reichenau geholt. "Mein Lieblingsland ist Frankreich. Aber auch in Italien und Holland bin ich gern, vor allem wegen der Gartenkultur", meint die Weitgereiste. Und wie immer, wenn sie aus ihrem Leben und ihren Erfahrungen spricht, ist da kein bisschen Überheblichkeit zu spüren, vielmehr eine elegante, feine und freundliche Bescheidenheit.

Schmucke Idylle

Einladend führt sie durch die Privaträume von Schloss Wartholz, die der Öffentlichkeit zumeist verborgen bleiben. Zwei geschwungene Steintreppen lotsen die Gäste, vorbei an lustigem Buchsbaumkaro, empor zum Schlosseingang. Die Landschaftskünstlerin hat alle Zimmer ihres Anwesens selbst eingerichtet und gestaltet. Jedes ist im passenden Stil der Epoche rund ums Ende des 18. Jahrhunderts liebevoll dekoriert und mit antiken Möbeln ausgestattet. "Das Schloss war bis auf wenige Gegenstände, wie ein paar Lampen und offene Kamine, total leer, als wir es gekauft haben. Manche Originalmöbel habe ich auf Auktionen erworben. Das originale Festtagsgeschirr mit dem Wappen des Schlosses habe ich zum Glück auch zurückholen können", freut sich die Hausherrin. "Wir bewohnen alle 40 Räume des Schlosses, denn jedes Zimmer hat eine eigene Funktion. Gelegentlich übernachten Familienmitglieder aus dem Hause Habsburg bei uns. Es war ja schließlich einmal ihr Zuhause", meint sie großherzig.

Her home is a castle

Der für die früheren Monarchen eher schlichte Landsitz macht sich gut als neues Zuhause der Blazeks. "Mein Mann hat mit 23 Jahren klein angefangen als selbständiger Gartenarchitekt. In der Zwischenzeit haben wir nicht nur unseren eigenen Schlossgarten mit Teich und Bootshaus renoviert, sondern auch viele andere Burgen und Schlösser gärtnerisch ge-plant und gestaltet", erzählt die Frau mit der aparten, sommerlichen Bluse und den schönen, blauen Augen.

Blick in eines der 40 aufwendig renovierten Zimmer. Alle Räume werden von der Familie genutzt. - © Andreas Pessenlehner
Blick in eines der 40 aufwendig renovierten Zimmer. Alle Räume werden von der Familie genutzt. - © Andreas Pessenlehner

Und weil sie kreativitätstechnisch noch nicht ganz ausgelastet ist, organisiert sie in den Sommermonaten einen einzigartigen Literatursalon mit Lesungen und Schauspielen in der Schlossgärtnerei. "Literatur hat in Reichenau Tradition. Unser Literaturangebot sehe ich als perfekte Ergänzung zu bereits bestehenden Veranstaltungen. Das passt zum Ort und zieht die Leute an."

Im Schlossgarten steht ein türkis lackierter Chevrolet von 1918. Besucher lieben ihn als Fotomotiv. Für die Blazeks bedeutet er Lebensstil, so wie die beiden wolligen Schafe, die gemächlich das riesige Grünareal abweiden dürfen. Jeden Morgen spaziert Michaela Blazek den kurzen "Prälatensteig" vom Schloss hinunter Richtung Arbeitsplatz in den Orangerien. "Mein Mann und ich arbeiten fast rund um die Uhr. Aber es macht uns große Freude. Das Schloss hat eine wunderbare Atmosphäre. Es gibt Momente, da bin ich andächtig. Aber man gewöhnt sich daran."

Artikel erschienen am 9. März 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 12-15