New York. In den Käfig darf nicht jeder, und das ist gut so, weil gesünder. "Abgesehen vom Niveau, auf dem hier gespielt wird - es wäre einfach zu gefährlich. Hier fliegen die Ellbogen manchmal so tief, dass du Angst um deine Weichteile bekommst." Odell ist schwarz, noch keine 20, er ist schnell, wendig und treffsicher. Trotzdem dauerte es "ein halbes Jahr und blaue Flecken, viele blaue Flecken", bis er Einlass fand in den Käfig, und seitdem kämpft er darum, ihn nicht wieder verlassen zu müssen. "Das hier ist das Größte, Mann. Das Größte, was du im Basketball erreichen kannst. Mit Ausnahme der NBA natürlich."

Ins Boot darf neuerdings jeder, der schwimmen kann. Das Ausleihen und die Anleitung kosten nichts. Die Herkunft spielt daher in diesem Fall keine Rolle. - © Stimeder
Ins Boot darf neuerdings jeder, der schwimmen kann. Das Ausleihen und die Anleitung kosten nichts. Die Herkunft spielt daher in diesem Fall keine Rolle. - © Stimeder

Seit es wieder warm geworden ist in New York City, nimmt Odell fast jeden, mindestens aber jeden zweiten Nachmittag die U-Bahnlinie 5 und fährt runter nach Greenwich Village. Er steigt am Pelham Parkway in der Bronx ein, und nach einer guten Dreiviertelstunde und zweimal Umsteigen hat er sein Ziel erreicht. Die Station heißt West 4th Street/Washington Square, gegenüber liegt einer der unter Freizeitsportlern am meisten sagenumwobenen Orte der Stadt. In "The Cage" wurden schon zahlreiche Werbespots gedreht, Ex- und künftige NBA-Profis wurden und werden hier gesichtet. "Der Käfig hat Rucker Park definitiv als Nummer eins abgelöst", sagt Odell. Was er meint, ist, dass der Platz, auf dem er spielt, dem nicht minder legendären Basketball- (genauer: Streetball-)Court den Rang abgelaufen hat; wer sich in New York zur Amateurelite zählen darf, wirft und springt und checkt heute hier, nicht mehr oben in Harlem, wo sich einst unter anderem Karim Abdul-Jabbar seine ersten Meriten verdiente.

Sporthauptstadt New York

Freizeitsport wird ernst genommen in New York, und nirgendwo ist die Konkurrenz härter, der Wettbewerb schärfer als in der West 4th Street League. Geschätzt rund 100.000 Zuschauer verfolgen in der Sommersaison die im Käfig dargebotenen Künste der Hobbyathleten. Die größte Stadt der USA ist auch deren unangefochtene Sporthauptstadt. Ganze sieben Profimannschaften buhlen hier um die Gunst der Zuschauer, von Baseball (Yankees, Mets) über Football (Giants, Jets), Basketball (Knicks), Eishockey (Rangers) bis zu Fußball (Red Bull); zählt man das unmittelbare Einzugsgebiet hinzu, kommen noch drei dazu (die New York Islanders und die New Jersey Devils, die auf Long Island beziehungsweise in Newark dem Puck hinterherjagen, sowie die Basketballer der New Jersey Nets). Aber auch wenn die Stadien und die Hallen leer sind, wird auf Manhattan praktisch zu jedem Zeitpunkt irgendwo gerannt, gegen einen runden oder eiförmigen Ball getreten, aufs Wasser geschlagen, werden Pucks, Tennis- und Golfbälle malträtiert und Gewichte gestemmt. Welche Outdoor-Sportarten mitten im Häusermeer von welchen Leuten ausgeübt werden, erzählt auch eine Geschichte: einerseits die von der Kunst, sich einen Ort, an dem Raum als kostbares Gut gehandelt wird, zu eigen zu machen; und eine von sozialen Gegensätzen, die ausgeprägter kaum sein könnten.

Beinahe an jeder Ecke findet man Wände, gegen die Gummibälle gedroschen werden. Das Spielgerät ist meist die Hand. - © Stimeder
Beinahe an jeder Ecke findet man Wände, gegen die Gummibälle gedroschen werden. Das Spielgerät ist meist die Hand. - © Stimeder

Handball einmal anders

Die Auskunft der Stadtverwaltung auf die Frage nach den populärsten Freizeitsportstätten New Yorks ergibt eine Überraschung. Laut Rathaus lautet die Antwort: Handball. Freilich nicht das europäische Handball, sondern quasi die amerikanische Version des baskischen Pelota, die Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts von irischen Einwanderern ins Land gebracht wurde. Die Regeln sind einfach: Ein kleiner Gummiball wird per Hand (manchmal auch mit einem Schläger) möglichst heftig gegen eine Betonmauer gedroschen, er darf nicht öfter als einmal den Boden berühren. 259 solcher Mauern verteilen sich über ganz Manhattan, oberhalb der 96. Straße, wo die Viertel der Best- und Besserverdiener nach Norden hin ausfransen, sind sie im Sommer voll von Jugendlichen, vornehmlich Latinos.

"Handball und Stickball (eine Art Baseball-Kinderversion, Anm.) sind die Sportarten der einfachen Leute. Als ich aufgewachsen bin, habe ich auch schon hier gespielt. Da war aber alles noch schmutziger", erzählt Rodrigo Mendoza, während er einen wachsamen Blick auf seinen jüngsten Sohn hält, der auf dem Court an der 104. Straße konzentriert die Flugbahn des Balles verfolgt. Die Mendozas wohnen mitten in East Harlem, wo sich der Gentrifizierungswahn noch halbwegs in Grenzen hält. "Auch wenn ich fürchte, nicht mehr lange. Schau auf die Typen, die da Basketball spielen", sagt Rodrigo auf Spanisch und deutet auf ein paar weiße Burschen im College-Alter, die sich auf dem nebenan gelegenen Streetballcourt duellieren. "Die sehen nicht so aus, als müssten sie im Barrio spielen. Die sollten eher runter ins Asphalt Green."

Der Sportkomplex am East River, der diesen Namen trägt, liegt keine 20 Gehminuten von hier entfernt, und doch trennen ihn Welten vom größten Latino-Ghetto Manhattans. Obwohl sich seine Betreiber bemühen, die nahe gelegenen Communitys so gut es geht einzubeziehen, sorgt allein der Standort dafür, dass die Stammklientel in der Regel unter sich bleibt. 90. Straße und York Avenue, Upper East Side, das traditionelle Viertel der Reichen und Superreichen des Big Apple. Das Asphalt Green besteht aus einem mehrstöckigen Fitnesscenter, einem Schwimmbad, in dem sich zu den abendlichen Stoßzeiten bis zu fünf Leute auf einer Länge drängen, Basketballhallen- und plätzen sowie einem großen Kunstrasenfeld, das sich, je nach Tageszeit, Fußballer mit Flag-Football- oder Lacrosse-Spielern teilen.