Der Mann fährt wie einer, der es der Welt zeigen will. Im Slalom überholt er rechts und links, als säße Michael Schumacher persönlich am Steuer. Vespafahrer jeden Alters kämpfen um freien Asphalt - oft ohne Rücksicht auf Fußgänger zu nehmen. Genervt wettert ein älterer Mann, der sich durch die Blechkarawane einen Weg zu bahnen versucht - ein Taxichauffeur schimpft zurück. Alles ganz normal! Fremde müssen sich an das rasante Tempo auf vier Rädern erst gewöhnen.

Palermo ist keine leicht zu erobernde Stadt. Irritiert steht der Besucher vor einem Mix von Kulturen, die er auf den ersten Blick kaum zu entschlüsseln vermag. Ist San Cataldo mit ihren rosafar- benen Kuppeln, vor der die Leute für einen Hochzeitstermin Schlange stehen sollen, nun eine Kirche? Oder vielleicht nicht doch eine Moschee? Wieso sind in der Altstadt eigentlich manche Straßen in Arabisch beschildert ?

Griechen, Römer, Byzantiner

Selbst die Palermitaner tun sich in Sachen Kunst und Geschichte oft schwer. Denn ob Elymer, Griechen, Römer, Byzantiner, Normannen oder Spanier: Sie alle haben Siziliens Geschichte mitgeschrieben. Bereits im achten Jahrhundert vor Christus war Palermo eine phönizische Handelskolonie. Doch erst als die Araber die Inselmetropole Anfang des neunten Jahrhunderts zur Hauptstadt ihres sizilianischen Emirats machten, erwachte die Stadt zur Blüte. Sie bauten Lustschlösser und an die 300 Moscheen und legten jene Zitrushaine an, die Palermo den schmeichelhaften Beinamen "Conca d’Oro", die goldene Muschel, einbrachten. Reisende jener Epoche verglichen "Balarm" mit Còrdoba und Kairo. Noch die normannischen und staufischen Könige engagierten islamische Architekten, um ihre glanzvollen Residenzen und monumentalen Kirchen zu errichten. Sie sind die Hauptattraktionen für den langsam doch stetig wachsenden Tourismus.

Palermo hat sich wiederentdeckt. Noch vor wenigen Jahrzehnten machten Sizilienreisende einen Bogen um die von der Mafia gebeutelte Stadt. Wer die Kapitale dennoch in sein Programm mit einschloss, stand in tristen Gassen vor verriegelten Gotteshäusern und verfallenen Adelspalästen mit einst prächtigen Innenhöfen, die nun als Müllhalden dienten. Das Teatro Massimo, eines der größten Opernhäuser Europas, war 20 Jahre lang "wegen Renovierung" geschlossen. Unzählige Projekte zur Stadtsanierung kamen über die ersten symbolischen Arbeiten kaum hinaus. Die Zuschüsse für den Wiederaufbau aus Rom und Brüssel verschwanden in den Taschen korrupter Bauunternehmer, die mit käuflichen Stadträten und Bürgermeistern unter einer Decke steckten. Bis mit dem tödlichen Anschlag auf die beiden Untersuchungsrichter Paolo Borsellino und Giovanni Falcone 1992 die Toleranzgrenze der Palermitaner endlich überschritten war. Eine rasch wachsende Anti-Mafia-Bewegung brachte neue Gesichter und vor allem einen kompromisslosen Bürgermeister ins Rathaus. Der - wenn auch noch nicht abgeschlossene - Kampf für eine neue Gesellschaftsordnung begann.

Kutschen für Touristen

Nach und nach wurden Teile der Altstadt saniert, die Straßen erleuchtet und gepflastert. In ehemalige Adelspaläste zogen Galerien und Luxushotels, die ein wenig "Gattopardo-Atmosphäre" vermitteln. Couragierte Wirte eröffneten neue oder restaurierten alte Restaurants. Vor dem Teatro Massimo stehen Kutschen für Touristen bereit. In den Cafés auf dem Opernplatz schlürfen die Gäste Cappuccino oder Martini. Frühabends, wenn die Boutiquen und Banken in der Viale della Libertà, eine der feinsten Einkaufsstraßen in der Neustadt, geschlossen sind, trifft sich hier die Jugend. Sie tragen Trend-Fashion und tippen SMS in ihre Handys, während sie diskutieren, ob sie den Abend in einer der zahlreichen Trattorien verbringen wollen oder einfach von Lokal zu Lokal ziehen.

Wer in der sizilianischen Hauptstadt nach einem typisch palermitanischen Lokal fragt, wird ins "Centro storico" geschickt. In der Antica Focacceria San Francesco gibt es in schönstem Jugendstilrahmen seit 150 Jahren Brötchen mit gesottener Kalbsmilz und anderen Innereien oder Fladenbrot aus Kichererbsen. Als Insidertipp gelten auch die Straßenrestaurants in der Via Torremuzza, in denen sich der Gast den fangfrischen Fisch gleich selber aussucht und neben seinem Tisch auf glühender Holzkohle grillen lässt. Ein paar Hausnummern weiter werden in einem kleinen Hoftheater für Touristen abends antike Volkslieder in sizilianischem Dialekt aufgeführt.

Palermos multikulturelles Erbe erleben Besucher auf seinen historischen Märkten Ballaró und Vucciria hautnah. Die sich zwischen knatternden Mopeds drängelnden Kunden sind von Herkunft und Aussehen her ebenso bunt zusammengewürfelt wie die Fisch- und Gemüseverkäufer. Sie preisen ihre Ware mit dem Ruf der Händler an, der sogenannte "abbanniata" erinnert ein wenig an den Ruf des Muezzin im Vorderen Orient. In den umliegenden Gassen sind seit Generationen die Blechschmiede, die Schreiner - und Schwarzhändler zu Hause. Ihnen dienen die Straßen als Schaufenster. Die meisten Billigwaren aber kommen inzwischen auch hier aus China.