In Zeiten der Generation 2.0 haben Uhren den Status als reines Zeitmessgerät mehr und mehr an Smartphones und andere Minicomputer verloren, immer stärker wächst der Wunsch nach Praktikabilität, Flexibilität und Multifunktionalität. Und die High-Tech-Gadgets scheinen effizient und verlässlich ihre Dienste zu tun. Dass das steigende Bedürfnis nach technischer Innovation jedoch auch in der Haute Horlogerie gestillt wird, ist nur wenigen bekannt.

1. Tank Americaine von 1993 2. Tank Anglaise, kleines Modell in Roségold mit Diamanten 3. Tank Anglaise, Weißgold um 33800 Euro 4. Ballon bleu de Cartier mit fliegendem Tourbillon - © Cartier
1. Tank Americaine von 1993 2. Tank Anglaise, kleines Modell in Roségold mit Diamanten 3. Tank Anglaise, Weißgold um 33800 Euro 4. Ballon bleu de Cartier mit fliegendem Tourbillon - © Cartier

Die hohe Kunst der Uhrmacherei zelebriert mit der Produktion traditionell hochwertiger Mechanikuhren ein Handwerk vergangener Tage. Ursprünglich wurden kleine Zeitmesser an Uhrenketten und in der Tasche schon ab dem frühen 15. Jahrhundert getragen. Erst durch die Weiterentwicklung dieser Taschenuhr, der Erfindung von Zugfeder, Unruh und Spiralfeder sowie die weitere Miniaturisierung des Uhrwerkes hielt die Armbanduhr mit Anfang des 20. Jahrhunderts Einzug in den Alltag. Mit Bändern und Kettchen am Handgelenk befestigt waren es damals vor allem Frauen, die an der mobilen Version Gefallen fanden.

Die Affinität zu Uhren hat sich über die Jahrzehnte gewandelt und ist heutzutage eher Männersache, wie auch Hermann Gmeiner-Wagner, seines Zeichens Juwelier in dritter Generation, bestätigt: "Obwohl das Interesse der Damen an hochwertigen, mechanischen Uhren stetig steigt, ist das Thema Uhr und Mikro-Mechanik nach wie vor ein sehr starkes Thema für Männer, die unter Gleichgesinnten auch gerne darüber fachsimpeln. Wenn man es aus der Perspektive der geschichtlichen Entwicklung betrachtet, war die Uhr bei Frauen eine Möglichkeit des Schmückens. Einst mehr als Schmuckstück konzipiert, werden Damen-Uhren auch heute noch sehr gerne als solches gesehen. Die Damen-Uhr war stets zierlicher, eleganter und meist mit Edelsteinen besetzt. Dies erweiterte sich mit dem gesellschaftlichen Wandel und der gestiegenen Selbständigkeit der Frau. Eine Uhr ist für die Frau von heute ein tagtägliches Accessoires, das je nach Aktivität elegant-funkelnd oder sportlich-robust ist, aber immer häufiger auch technische Komplikationen aufweist. Die Faszination der Mikro-Mechanik fesselt mittlerweile beide Geschlechter. Wobei beim Herrn eine stilvolle Uhr, neben dem Ehering und den Manschettenknöpfen, das gesellschaftlich möglicherweise wichtigste Schmuckstück ist."

Manufaktur Cartier

Bei Cartier beherrscht man die Kunst des Uhrenmachens ... - © Cartier
Bei Cartier beherrscht man die Kunst des Uhrenmachens ... - © Cartier

Unter uhrmacherischen Komplikationen versteht man etwa mechanisch umgesetzte Finessen wie das Tourbillon, eine rotierende Lagerung der Hemmung, um die Ganggenauigkeit zu erhöhen, oder das Integrieren von Datumsanzeige, ewigem Kalendarium und automatischem Aufzug, auch Automatik genannt. Die Funktion der Stoppuhr macht aus einer einfachen Uhr einen Chronograph. "Die Bestandteile dieser Movements stellen den beweglichen Part dar. Zusammen mit dem statischen Uhrengehäuse, wozu auch die Skelettierung des Ziffernblattes zählt, ergibt das bei High-Watch-Making-Modellen in Summe über 400 Einzelteile", geht Edouard Mignon, Produktdirektor von Cartier Horlogerie, in die Tiefe: "Das Polieren des Uhrengehäuses dauert bei einigen Modellen bis zu mehreren Tagen." Neben den Einzelanfertigungen (High-Watch-Making-Modelle) werden in der Manufaktur in La Chaux-de-Fonds in der französischen Schweiz auch diamantenbesetzte Uhren-Schmuckstücke (Artistic Jewelry Pieces) sowie die Kollektionen der Iconic Watches gefertigt. Zu den bekanntesten Vertretern zählen die Modelle Santos, Ballon Bleu und Tank, die schon von berühmten Trägern wie Truman Capote, Andy Warhol, Clarke Gable und Gary Cooper wertgeschätzt wurde.

Wobei Letztere nebst der klassischen Ausführung von 1917 bereits in einer amerikanischen und französischen Version als Tank Américaine und Tank Française reinterpretiert wurde. Höchst aktuell ist die in diesen Wochen lancierte Tank Anglaise, deren Begehrlichkeit durch die formschöne, visuelle Umsetzung der Fotostrecke "Portfolio" aus dem Objektivwinkel des renommierten Fotografen David Bailey potenziert wird. Talente aus der Kreativindustrie wie die Schauspieler Rupert Everett, Lucy Liu und Greg Wise oder die Schuhdesignerin Charlotte Dellal und Model Poppy Delevigne mit ihrem Vater Charles geben in Kurzinterviews Einblick in ihre Vorlieben zu Armbanduhren und - philosophischer - auch rund ums Thema Zeit. So kommen lustige Details zutage, etwa die Lieblingszeit von Edie Campbell mit 2.30 p.m., "tooth hurty" (dt. Zahnweh), die sie als chinesische Zahnarztzeit beschreibt. Und für die Filmemacherin Jordan Scott ist ihre Cartier Tank als Erbstück ihrer Großmutter ein essenzielles Accessoire, ohne das sie sich verloren fühlt.

Das Statussymbol

"Eine schöne Uhr zu besitzen zeigt auf stilvolle und elegante Weise, wer man ist beziehungsweise mit welchen Werten man sich identifiziert. Die heute namhaften, wichtigen Uhren-Marken haben ein eindeutiges Markenprofil, das über Jahrzehnte hinweg aufgebaut wurde und durch sich selbst und eben die Uhr transportiert wird. Natürlich trägt eine langfristige Kommunikationsstrategie ihren Teil dazu bei", erläutert Hermann Gmeiner-Wagner die Hintergrund-Symbolik und die Bedeutung einer Uhr als Wertanlage: "Uhren, die vor vielen Jahren gekauft wurden und heute den gleichen oder einen höheren Wert haben, sind als Wertanlage geschätzt. Die Höhe des Wertes entscheidet der Markt, der wiederum aus der Summe der Kriterien von Qualität, Prestige und klassischem Design entsteht."

Was verrät eine Armbanduhr also nun über den Träger oder die Trägerin? "Die gewählte Marke, das bevorzugte Modell und die Wahl des Gehäuse-Metalls reflektieren den persönlichen Stil und das Uhreninteresse des Trägers: Mechanik oder Quarz, Unterstatement oder Prestige, elegant oder sportlich, minimalistisch oder opulent. Als eines der persönlichsten Accessoires steht die Armbanduhr in ständiger Berührung mit der Haut. Die individuelle Wahl der Uhr gibt Auskunft über die Liebe zum Detail und der faszinierenden Technik in den kleinen Kunstwerken sowie den Anspruch auf Qualität. Der Bekanntheitsgrad und die Begehrlichkeit der Marke oder des Modells, Knappheit in der Verfügbarkeit, Wiedererkennbarkeit und welche prominente Menschen die Uhr am Handgelenk tragen, schüren zudem das Image einer Uhr", gibt der Juwelier weiter Aufschluss, nach welchen Kriterien die Wahl auf ein ganz bestimmtes Modell fällt. Besonders limitierte Editionen, Unikate oder Erbstücke gelten unter Kennern als besonders prestigeträchtig. Durch Rarität und Exklusivität wird die Sehnsucht nach Individualität und Einzigartigkeit befriedigt. "Die Beliebtheit von Edelstahl-Modellen ist ungebrochen. Jedoch ist ein eindeutiger Trend zu Edelstahl-Gold-Modellen sowie gesteigerte Aufmerksamkeit bei Rotgold zu erkennen", so Hermann Gmeiner-Wagner weiter. Besonders durch den Eintritt in den asiatischen Markt mit Fokus auf das kapitalstarke China sind Einflüsse in Strategie und Design der Uhrenmanufaktur erkennbar. Die in Europa und Amerika beliebte Tank Watch wird in Asien weniger oft geordert. Die vier Ecken des Gehäuses heben symbolisch die Zahl Vier hervor, die durch die phonetische Assoziation mit dem Wort "Tod" bei Chinesen als wenig glücklich gilt.