Du sollst dich nicht täuschen, lautet das zwölfte Gebot. Erst kürzlich stellten wir an dieser Stelle die wunderschöne Nostalgie-Kawasaki W 800 vor - mit 48 PS. Beim Ansitzen auf der "Fazer 8" klang das noch ein wenig im Hinterkopf nach. Eine 800er halt. Eine stärkere, ja gut. Schaut auch recht wild aus das Ding, fast wie eine 1000er. Sogar mit Spoiler unter dem Motor.

Ungleiches Paar: Die starke, bullige "Fazer" (li.) und die schlanke, lange BMW. - © Werner Grotte
Ungleiches Paar: Die starke, bullige "Fazer" (li.) und die schlanke, lange BMW. - © Werner Grotte

Dröhnen lassen

Beim Anlassen erfreuten dann sogleich wilde Klänge das Kradfahrerherz. Na ja, mit vier Zylindern und einem zugerüsteten Akrapovic ist gut Dröhnen. Aber jetzt schau’n wir doch, ob das pechschwarze Insekt auch entsprechend fährt. Ersten Gang hineintreten, Gas geben, Kupplung loslassen - hoppla. Sie dreht, sie dreht und kein Ende. Mit der Ersten weit jenseits der 100. Mit der Zweiten schon jenseits dessen, was auf der Autobahn erlaubt ist. Überholmanöver gelingen so rasant wie mit einer Großen.

Ja, sie ist eine Naturgewalt, die "Fazer". Selbst das aggressiv gestaltete Äußere lässt nicht so viel Kraft vermuten. 106 PS - das entspricht einer Suzuki Bandit 1250 oder Honda CBF 1000 F. Bei deutlich weniger Gewicht. Und man fühlt sich beim Kurvenfressen auch noch sauwohl. Sitzposition, Lenker, Armaturen, Schwerpunkt, Knieschluss, Verarbeitung - alles passt. Nur beim Stehenbleiben sind die mittig abstehenden Fußraster ein bissl im Weg. Soll ich die Haxen davor oder dahinter abstellen? Und der Seitenständer liegt so knapp an, dass man sich beim Ausklappen leicht vertut. Apropos stehenbleiben. Unser Testfahrzeug ließ sich auch ohne ABS sehr gut einbremsen.

Hände wärmen

Steigt man auf die völlig anders aufgebaute, langgestreckt und futuristisch anmutende BMW, fühlt man sich ebenfalls gleich wie daheim. Alles perfekt komponiert, die Armaturen in gewohnter BMW-Manier großzügig und übersichtlich eingerichtet, Tacho und Tourenzähler analog und rund, alle nur denkbaren Parameter bis hin zum Benzinverbrauch (aktuell oder durchschnittlich) auf Knopfdruck im Digitalkastel daneben abrufbar, Griffheizung inklusive.

Auch der Sitz (Höhe: 80 Zentimeter) - großzügig, bequem und ergonomisch durchdacht. Doch wir wollen uns ja nicht ausruhen. Also Start. Ein tiefes, trockenes Röhren erschallt. Nicht schlecht für einen Zweizylinder. Aber geht da auch was weiter? Ein Blick auf den Tourenzähler verheißt Unglaubliches: 12.000 Touren. Da sind wir aber gespannt - und geben Gas.

Alsbald erleben wir die gleiche Überraschung wie bei der Fazer. Die Bayerische schiebt ohne Loch an, dass es einem fast den Magen aushebt; auch hier die Erste locker über 100. Und sechs Gänge hat das Geschoss. Der ganz vorne quer angebrachte Lenkungsdämpfer verhindert jegliches Wappeln oder Schlingern. Die darüber liegende, asymmetrisch gestaltete Scheinwerfer-Partie bildet eine angenehme Abwechslung zu den sonst vielfach üblichen "Insektenköpfen".

Koffer ausziehen

Die augenscheinliche Länge der BMW tut ihrer Wendigkeit keinen Abbruch, hat aber einen großen Vorteil. Man kann ohne Platzangst zu bekommen Beifahrer mitnehmen. Dazu kommen jene genialen "Ziehharmonika-Koffer", die auch auf anderen BMW-Sporttourer-Modellen (etwa K 1300 S) viel Freude bereiten. Sie wirken klein, lassen sich aber bei Bedarf auseinanderziehen, fast auf doppeltes Volumen, und ebenso leicht öffnen, versperren, abnehmen. Wasserdicht sind sie auch. Und passen zum genauso unkonventionellen Tankverschluss rechts neben der Sitzbank. Richtig: Bei diesem Radel sitzt man am Tank; weiter vorne befindet sich nur Technik.

Resümee: Beide Modelle machen einen ausgereiften Eindruck und haben genug Motorkraft, um es mit vielen Stärkeren aufzunehmen. Auch das Platzangebot ist - vor allem auf der BMW - ausreichend. Sie sind bequem und wendig und somit für Touren wie Stadtverkehr gleichermaßen gut geeignet (bei Staugefahr natürlich ohne Koffer). Auch rein optisch kann man mit Größeren durchaus mithalten, lediglich beim Preis merkt man doch deutliche Unterschiede.

Info/Preis:

Yamaha Fazer 8
779ccm Reihenvierzylinder
106 PS
6 Gang Kette
211 Kilo (vollgetankt)
9.999 Euro

BMW F 800 R
798ccm Reihenzweizylinder
87 PS
6 Gang Kette
207 Kilo
10.704 Euro (inkl. Extras wie Heizgriffe, ABS, Bordcomputer, LED)

Artikel erschienen am 17. August 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 22-23