Wer früher die obligatorischen Schulausflüge zu den Ausgrabungen in Carnuntum begleitete, begeisterte sich eher am schulfreien Tag als an den grauen, kniehohen "Stanahaufen" und Fundamenten. Kommt man heute zur Ausgrabungsstätte, glaubt man seinen Augen nicht zu trauen: Aus den "Stanahaufen" wurden echte römische Gebäude samt Therme, Taverne, Großküche, Latrine, und Fußbodenheizung. Was hier gezeigt wird, zieht selbst chronische Geschichtsmuffel in seinen Bann. Im Vorjahr verzeichnete man mit 550.000 Gästen gar Besucherrekord.

Besonders beliebt beim Publikum sind die Gladiatorenkämpfe. - © Andreas Pessenlehner
Besonders beliebt beim Publikum sind die Gladiatorenkämpfe. - © Andreas Pessenlehner

"Wir hatten schon Pensionisten, die Öllampen eingesteckt haben und die wir anhand der Flecken entlarvten. Es gab auch Hauptschülerinnen aus Wien, die fragten mich im Schlafgemach des Lucius unverblümt, ‚na, und wo haben die g’schissen?‘ Na in den Nachttopf, antwortete ich. ‚Und wo haben’s den ausgeleert?‘ Na vor dem Haus, in Sammelstellen", schildert Gästebetreuer Wolfgang Kordina seine Klientel. Tatsächlich wurde in der Römerzeit Urin akribisch in Behältern gesammelt - als Wäschewaschmittel. Lässt man ihn vergären, entsteht Ammoniak, der selbst schlimme Flecken löst.

Latrinen-Plauderei

Ein in freundlichen Farben gestalteter Raum vermittelt tatsächlich fast Kaffeehaus-Athmospäre, wären da nicht die rundherum eingebauten, seltsamen "Sitzgruben". Wie uns Kordina aufklärt, sah so eine öffentliche Latrine aus. Und die erfüllte tatsächlich Kaffeehausfunktion, wenn man während des Stuhlganges neuesten Tratsch austauschte. Ein Kanalsystem unter den holzgerahmten Sitzgruben sorgte für ständige Spülung.

Das bärtige "Urgestein" Kordina erzählt solche Details mit Hingabe und viel Sachkenntnis. Er ist seit 1994, als das Land Niederösterreich beschloss, die verwahrloste Ausgrabung zu sanieren, als "Mädchen für alles" tätig. "Sie müssen sich vorstellen, die Gegend hier rundherum war eine riesen Stadt mit rund 51.000 Einwohnern, in Dimension und Bedeutung vergleichbar mit dem heutigen St. Pölten."

Beton-Sanierung

Kommunikationszentrum Latrine. - © Andreas Pessenlehner
Kommunikationszentrum Latrine. - © Andreas Pessenlehner

Nach dem Krieg hätte man mit aus heutiger Sicht "brutalen" Methoden gegraben und freigelegte Mauern mit Beton gefestigt. "Dieser Materialmix hat natürlich überhaupt nicht zusammengepasst und das Ganze ist ziemlich rasch zerbröckelt." Zudem lag der Bereich östlich von Wien in der besetzten Russenzone und es sei zu großflächigen Plünderungen zahlloser Fundstücke gekommen. Noch heute gebe es immer wieder "Erbschaften", Rück- oder Leihgaben aus privater Hand. Die Fundsammlung sei so innerhalb weniger Jahre von 300.000 auf derzeit 2,5 Millionen Artefakte angewachsen.