Wie es mir geht, will er wissen. Die Frage erscheint mir in dieser Situation ein wenig unangemessen. Andererseits: Was soll er sonst fragen? Alles andere haben wir schon besprochen. Albert und ich sitzen eng aneinandergeschmiegt hintereinander wie ein Liebespaar. Unsere Beziehung ist jedoch um einiges kurzfristiger und auf eine ganz andere Art intim. Schließlich bin ich gerade im Begriff, Albert mein Leben anzuvertrauen.

Im Tandem Grenzen suchen und überschreiten. - © Mountain High
Im Tandem Grenzen suchen und überschreiten. - © Mountain High

Die kleine 182er Turbo-Cessna, in der neben dem Piloten und uns auch noch Freddy und Christian - ebenfalls engverschnürt - Platz finden, tuckert runde 1500 Meter über dem Kitzbüheler Horn, rechts von uns ragt der Wilde Kaiser schneebedeckt in die Höhe. Ich wundere mich über mich selbst. Wie kann es mir nur gelingen, die Landschaft zu genießen? Werde ich doch in wenigen Minuten aus dem Flieger springen und im freien Fall auf die Erde zurasen. Es ist mein erster Fallschirmsprung. Und ich habe Höhenangst - zumindest habe ich das bis jetzt immer geglaubt ...

Mir geht es gut, noch, sage ich ihm. Dann zieht Albert die Schnüre nach. Mein Zwerchfell rebelliert und verkrampft sich. Die tiefe Bauchatmung - ein probates Mittel gegen Unwohlsein jeder Art - wird mir ausgerechnet durch den Sicherheitsgurt unmöglich gemacht. Also atme ich flach weiter und beobachte die Panik dabei, wie sie sich genüsslich in meinen Bauchorganen einnistet und mit jedem Luftholen weiter Richtung Herz und Kopf wandert. Aber viel Zeit bleibt ihr ohnehin nicht mehr. Plötzlich zieht ein scharfer Luftzug in den Innenraum des kleinen Fliegers. Freddy hat die Luke aufgemacht.

Und schneller als es mein bis an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit überspannter Geist fassen kann, hat Freddy Christian über die Kante aus der Maschine gestoßen. Weg sind sie - irgendwo zwischen Himmel und Erde. "Angst", brülle ich in die Richtung, in der ich hinter mir Alberts Kopf vermute. Diesmal ungefragt. Doch Small Talk interessiert ihn jetzt nicht mehr. Stattdessen beginnt Albert, mich nach vorne zu schieben. Alles in mir wehrt sich dagegen. Aber ich bin ein willenloses Päckchen, an den Bauch von einem geschnürt, der seit 30 Jahren aus Flugzeugen springt und noch nie umgedreht hat. Auch ich werde die Sache durchziehen - das ist das Einzige, was ich jetzt sicher weiß. Nicht, dass ich die Wahl hätte. Schon robben wir in Richtung Flugzeugkante vor. Mein Tunnelblick fixiert das metallene Trittbrett, das den Flieger mit dem Abgrund verbindet. Dann geht alles mechanisch. Linker Fuß, rechter Fuß, Hintern. Einige Sekunden lang sitze ich mit baumelnden Füßen 3500 Meter über dem Erdboden. Mir bleibt noch kurz Zeit, mich an dem Metallbrett festzuklammern - welch lächerlich sinnlose Geste!

Große Freude: Der Fallschirm ist aufgegangen. - © Alpen Tandem Skydive
Große Freude: Der Fallschirm ist aufgegangen. - © Alpen Tandem Skydive

Dann kommt von hinten ein Stoß, der alles verändern wird - meine Einstellung zu Grenzen genauso wie mein Konzept von Angst. Zunächst einmal verändert er aber meine rein physische Wahrnehmung des Planeten Erde: Eine dreiviertel Minute lang rase ich im freien Fall auf St. Johann in Tirol zu. Ich sehe Bäume, Berge, Straßen und ein paar verirrte Häufchenwolken. Nichts bewegt sich außer uns. Es ist eine durch und durch skurrile Szenerie, die wie eine Matrix des echten Lebens wirkt.

Freddy, der Mann, der einst mit Felix Baumgartner um die Wette gesprungen ist und jetzt Touristen wie mich im Sommer über die Kitzbüheler Alpen und im Winter über die Taupo-Vulkanzone in Neuseeland jagt, hat vorher, als wir noch Boden unter den Füßen hatten, versucht, uns das Unerklärliche zu erklären: Groundrush heißt das Gefühl, wenn der Boden immer näher kommt, in der Fachsprache. Das hat man vielleicht beim Bungee Jumping, beim Fallschirmsprung gibt es das nicht - dafür ist der Boden zu weit weg. Auch die Hormone sind andere: Statt Adrenalin werden massenweise Endorphine - Glückshormone - ausgeschüttet.

Davon merke ich vorerst einmal nichts. Auf dem Video, das Albert dreht, wird man später sehen, wie er immer wieder versucht, mich dazu zu bringen, in die Handkamera zu grinsen oder Grimassen zu schneiden. Doch ich bin wie paralysiert, schaue nicht nach links oder rechts, nur meine Gesichtshaut wird vom Luftwiderstand, den 200 Stundenkilometer nun einmal erzeugen, nach hinten verzerrt. Dann plötzlich geht alles einen Deut langsamer. Ich schaue nach oben - der Schirm ist aufgegangen, ganz ohne den erwarteten Ruck wird der freie Fall abgebremst, und wir beginnen zu schweben. Immer noch befinden wir uns rund eineinhalb Kilometer über dem Boden, der jetzt wie in Zeitlupe näherkommt. Albert lockert den Gurt. Das hätte nun wirklich nicht sein müssen, rebelliert mein Magen doch ohnehin schon genug. Abgesehen davon und dem leichten Taubheitsgefühl in meinem Gesicht geht es mir aber gut - die Endorphine fangen an zu wirken, noch bevor wir auf dem Boden aufsetzen. Und dann, nach fünfeinhalb Minuten in der Luft, bin ich wieder geerdet. Meine wackeligen Beine tun sich noch ein bisschen schwer damit, auf dem frisch gemähten Boden des Flugfelds Halt zu finden. Albert schnallt mich ab und grinst mich an. Ich grinse zurück. Ob ich das noch einmal machen würde, will er wissen. Natürlich, sofort.