Aus einem 1200er Motor kann man einiges machen. Für ein Zweirad auf jeden Fall ziemlich viel, also Oberliga, zwischen 100 und 200 PS. Wobei die Kraft nicht alles ist. Der üppige Hubraum verschaffte schon den legendären (und damals für die meisten unerschwinglichen) Harleys in den 1970er Jahren den unvergleichlichen "Spruch" - trotz erstaunlich weniger PS.

Heute geht es in dieser Klasse eher um die richtige Mischung aus Kraft und Reserven, aus Punch und Hinterhand. Man muss das Gerät ja trotz (oder gerade wegen) digitaler Benzineinspritzung, Chip-Motorsteuerung und anderer Perfektionen auch noch fahren können. Ohne ständig mit dem Vorderrad aufzusteigen.

Bei der VFR ist das schon ein Grenzfall. Die Maschine klingt zwar im Leerlauf wie eine 125er Vespa, schiebt aber ohne Vorwarnung gleich bös an. Ab 5000 Touren (da geht im Schalldämpfer eine geheime Klappe auf) klingt sie auch entsprechend - das Problem ist nur, dass man diese Tourenzahl selbst im ersten Gang im Stadtgebiet nur schwer legal erreicht.

Fast zu perfekt

Ansonsten ist die VFR (es gibt sie mit normaler Schaltung oder Automatik) eine Königin. So schön lang, so gut gegen Wind und Regen verbaut, so elegant, so kraftvoll. Eine Straßenmaschine mit einem seltenen, aber hoch entwickelten V4-Aggregat. Nur der Lenker könnte bequemer (also höher) sein, weil er bei längerer Fahrzeit die Handgelenke ein wenig anstrengt.

Vom Fahrverhalten her eine fast zu perfekte Maschine. Drückt man nicht zu stark aufs Gas, fährt das Radel mit dem für Japaner seltenen Einarm-Kardanantrieb wie auf Schienen, lässt sich sauber umlegen und rasant bremsen. Im Ernstfall kann man sich mit so ziemlich jedem Gegner, selbst in der GSX-R-Klasse, anlegen. Wer verliert, kann es nicht auf die Maschine schieben.

Ein richtiger Bock

Die Griso ist da ganz anders, obwohl sie genauso viel Spaß macht. Das ist ein echter Bock, wie in alten Zeiten, widerspenstig, wild, ungestüm und optisch ganz der Stier. Kein kultiviert surrender Vierzylinder sondern ein zuckend tuckernder V-Zwei wie bei einer alten Harley, dessen Schwingungen man selbst im Leerlauf spürt und der einen immer daran erinnert, dass man kein Postlermoped fährt.

Als Ausgleich hat Moto Guzzi (mittlerweile erfolgreich unter der Ägide von Piaggio/Vespa) einen breiten Lenker angebracht, mit dem man den Bullen ziemlich gut im Griff hat. Die Einarm-Kardan-Schwinge läuft genauso exakt wie bei BMW; auch die Armaturen lassen kaum einen Wunsch offen (außer einer Benzinuhr, dafür gibt es aber eine Reichweitenanzeige).

Erotischer Bulle

Obwohl die "Griso" mehr als 60 PS weniger hat als die VFR, macht sie enorm viel Dampf und lässt sich auch gut umlegen. Zusammen mit ihren vielen typisch italienisch verspielten Details (etwa dem kühn verschlungenen Doppelauspuff) ist sie sicher eine der aufregendsten und "erotischsten" Maschinen dieser Saison. Und was den Klang (original!) angeht, ist Moto Guzzi nach wie vor das beste Institut für Zweirad-Audi-Therapie. "Dadumm, Krawumm".

Die Sitzposition ist auf der "Griso" etwas aufrechter (und damit bequemer) als auf der VFR. Dafür fehlt der Verbau, der Wind, Regen und Insekten abwehrt. Eine echte "Nackte" halt. Umgekehrt ist der Guzzi-typische V-Motor der beste Kniewärmer am Markt und kompensiert damit den fehlenden Verbau.

Hat man sich an das V-Motor-typische Schlingern gewöhnt (was nicht schwer ist), lässt sich die Guzzi kraftvoll durch Kurven, Überholmanöver oder Touren steuern. Mit ein wenig Geschick kann man den breiten Lenker auch durch enge Stau-Gassen biegen; in der Beschleunigung bietet der Motor wie bei der Honda enorme Reserven. Notfalls ein Dreh am Gas - und man ist ohne zu schalten auf mehr als 100, egal in welchem Gang.

Zweimal für Könner

Resümee: Zwei optisch und motorisch sehr gelungene Eisen für Kenner und Könner. Die insgesamt fast perfekte VFR ist mit Koffern als Reisemaschine aufrüstbar. Die Guzzi ist einfach ein starker Bock mit Charakter zum Eindruck schinden und zum Liebhaben. Beide sind groß, daher beifahrertauglich und aufgrund ihrer starken Motorleistung bei Bedarf in alle Richtungen ausbaubar. Nur beim Gasgeben sollte man echt aufpassen.

Info/Preis:

Honda VFR 1200F
1237ccm V4-Motor
173 PS
267 Kilo (vollgetankt)
6-Gang-Kardan
17.990 Euro

Moto Guzzi Griso 1200
1151ccm V2-Motor
110 PS
244 Kilo (vollgetankt)
6 Gang Kardan
13.999 Euro

Artikel erschienen am 31. August 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 22-23