Dirndl und Gesine Tostmann, das gehört zusammen wie Topf und Deckel, wie Butter und Brot oder wie Sachertorte und Schlag. Stets sieht man die studierte Volkskundlerin und Grande Dame der Tracht im Dirndl, es ist, als ob sie schon darin zur Welt gekommen wäre.

Doch mit Heimat hat das für sie nur wenig zu tun, "es ist einfach so praktisch. Und ich fühle mich sicher im Dirndl von meiner Figur und von der Mode her, außerdem ist es ein Stil, der individuelle Nachlässigkeiten zulässt", verrät sie im Gespräch mit dem "Wiener Journal" und zeigt dabei lächelnd auf die leicht verdrückte Schürze. Das Dirndl gibt ihr höchstens ein Gefühl von Heimat, wenn sie in Tokio zu einem offiziellen Empfang geladen ist, "da signalisiere ich, aus welchem Land ich komme." Doch in Wien will sich dieses Gefühl nicht einstellen, "da komme ich mir im Dirndl immer noch komisch vor. Aber ich ziehe es trotzdem an, weil ich zu faul bin, mich umzuziehen."

Eine Protesthaltung liegt ihr mit dem Dirndltragen in der Stadt jedenfalls fern, obwohl es natürlich "Protest- und Bekenntnistrachtler" gibt: "Wissen Sie, im Ausland wird man in Tracht immer positiv gesehen - in New York zum Beispiel fällt man mit Dirndl weniger auf als in Wien. Aber so manche städtische Dirndl- oder Jankerträger vertreten oft eine politische Farbe oder eine sehr bestimmte Einstellung." Das findet sie bedauerlich, denn in der Zwischenkriegszeit hätten alle, egal welcher politischen Couleur, Dirndl und Janker getragen, "da war das selbstverständlich". Aber mit dem Aufkommen der Nationalsozialisten hätte sich alles geändert und die Tracht stehe seither oftmals in direkter Verbindung zu einer "Blut- und Bodenmentalität".

In diesem Zusammenhang kommt Gesine Tostmann auf Miguel Herz-Kestranek zu sprechen, der als Botschafter der Tracht im Rahmen der Verleihung des Konrad-Mautner-Preises im Jahr 2008 meinte: "Wir dürfen uns das Dirndl, die Tracht nicht nehmen lassen, sonst geben wir Hitler im Nachhinein recht." Dabei spielte er auf ein Gesetz aus dem Jahr 1938 an, mit dem Juden das Tragen von Tracht verboten wurde. Herz-Kestranek weiter: "Weil Volkskultur, weil Tracht im letzten Jahrhundert für nationale und völkische Zwecke missbraucht und missdeutet wurde, (...) sind bis heute Brauchtum wie Dirndl und Lederhose oder Volkslied, ja schon Tradition als Begriff, so wie viele andere Worte immer noch nicht ganz unverdächtig, weil immer noch beschmutzt und belastet." Tostmann: "Er kann das so schön in Worte fassen, was ich fühle. Und selbst ich bin ja noch traumatisiert, wenn ich auch erst die Nachkriegszeit so richtig miterlebt habe. Aber wir Kinder wurden durch die Lehrer geprägt, manche wahrscheinlich auch durch das Elternhaus. Meine Eltern waren zum Glück liberal, aber die Sache mit den Lehrern, die war schlimm", erinnert sie sich nur ungern an diese Zeit.