Am Ende der Straße steht die alte Fabrik. Man geht über den Hof, in dem Autos parken und ein paar Paletten lagern, und hört schon von ferne das Donnern der Bässe. Wenn man der Musik folgt, kann man das Metalltor, das zum richtigen Treppenaufgang führt, gar nicht verfehlen.

Gehören zur Crew von Prodigyy (von links): Funkymike (Mike Saretzki), Nix Nic (Manuel Niksic), Cherry (Vitali Kirsch), Stifler (Manuel Härtling), Uncle Willi (Willi Brozmann), Peanut (Nico Koch), Mad Guti (Patrick Gutensohn). - © M. Hagen / marcel hagen
Gehören zur Crew von Prodigyy (von links): Funkymike (Mike Saretzki), Nix Nic (Manuel Niksic), Cherry (Vitali Kirsch), Stifler (Manuel Härtling), Uncle Willi (Willi Brozmann), Peanut (Nico Koch), Mad Guti (Patrick Gutensohn). - © M. Hagen / marcel hagen

Und sobald man eintritt, erkennt man an den Graffiti neben der Tür zum Heizkeller, dass man am richtigen Platz ist. Man steigt die Treppe hinauf, wobei man auf weitere Graffiti achten sollte. Vielleicht ahnt man dann, warum ein aus New York zu Besuch gekommener Veteran des Hip-Hop den legendären Ausspruch getan hat: "This smells like Hip-Hop."

In einem Saal im zweiten Stock übt eine Gruppe von Mädchen, Durchschnittsalter höchstens 15 Jahre, nach den Anweisungen eines Lehrers eine Choreographie. Der Lehrer ist Mike Saretzki, in der Hip-Hop-Welt bekannt unter seinem Tanznamen Funkymike. Rund um ihn ist hier, in Dornbirn, die Schule Floor Roc Kidz entstanden, in der sich derzeit etwa 400 Schülerinnen und Schüler um den Hip-Hop bemühen. Sie nennt sich zwar Tanzschule, doch die Graffiti an den Wänden, die alten Sofas und das Büro, das zugleich als Abstellkammer zu dienen scheint, entsprechen nicht der betulichen Biederkeit, die man landläufig von einer Tanzschule erwarten würde. Außerdem hat man nicht nur die Wände eigenhändig bemalt, sondern auch den Boden selbst verlegt und Mike absolviert jeden Tag, bevor der Unterricht beginnt, einen Putzeinsatz. Der Altmeister aus New York hat schon recht: "This smells like Hip-Hop."

Der innere Kern des Geschehens hier, in dem alten Fabriksgebäude, ist die Gruppe, die sich Prodigyy nennt, ganz bescheiden mit dem englischen Wort für Wunderkinder, aber mit zwei Y geschrieben, um alle Copyrightprobleme mit einer gleichnamigen Musikgruppe zu vermeiden. Sie besteht aus zehn Tänzern, die bereits seit einigen Jahren eine eingeschworene Clique bilden und alle Vorausscheidungen gewonnen haben, um bei der "Battle of the Year", der Weltmeisterschaft des Breakdance in Montpellier, Frankreich, antreten zu können. Die meisten von ihnen sind um die zwanzig, der Jüngste 16, und "Funkymike", der Älteste, 35 Jahre alt. Es gibt einen Studenten, der Lehrer werden will, und einen Mechaniker, der jede freie Minuten dem Tanzen widmet. Seit gut zehn Jahren trainieren die meisten von ihnen, manche schon länger. Die Hälfte der Akteure verdient mittlerweile mit dem Tanzen ihren Lebensunterhalt, wie etwa Mad Guti, der das Gymnasium abgebrochen hat, um sich ganz dem Hip-Hop zu widmen. Bis zu fünf Mal die Woche trainieren sie und sind an den Wochenenden unterwegs, bei Streetshows, bei denen Geld gesammelt wird, oder bei verschiedenen Battles in aller Welt.

Der Sinn des Ganzen

Die Battle ist ein zentraler Begriff des Hip-Hop, einer Kultur, die ihren Ursprung in den siebziger Jahren in den schwarzen Ghettos von New York hatte. Dort entstanden ihre verschiedenen Elemente: der Sprechgesang des Rap, die Auftritte der DJs, der Breakdance, im Jargon B-Boying genannt, und das Sprühen, also die Kunst der Graffittis. Alle diese Elemente zusammen sollen einen Lebensstil ausdrücken, und die Battle, der Wettkampf, der manchmal wie eine stilisierte Schlägerei aussieht, ist ein Fest, einer der Höhepunkte, bei dem Rapper oder Tänzer vor großem Publikum und vor altgedienten Judges ihre Kunstfertigkeit zur Schau stellen. So etwas wie der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb für Literaten oder ähnliche Wettbewerbe für klassische Musiker, nur eben um vieles dynamischer. Dabei sollen vor allem, das ist der Grundgedanke des Ur-Hip-Hop, die aggressiven Energien tänzerisch oder musikalisch umgesetzt werden statt in Schlägereien. Zumindest theoretisch lautet das Motto der Szene, das sich Daniel, der Lehramtsstudent, auf die Schulter hat tätowieren lassen: "Peace, love and unity".

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Gruppe Prodigyy mit der Welt der herkömmlichen Tanzschulen nie so recht warm geworden ist, obwohl man dort den Hip-Hop als tänzerische Technik längst entdeckt hat. Aber eben nur äußerlich, wie Funkymike meint, und er muss es wissen, ist er doch ausgebildeter Tanzlehrer und hat Weltmeister- und Staatsmeistertitel der IDO vorzuweisen, der "International Dance Organisation", einer Art offizieller Dachorganisation der Tanzverbände. Aber der Haken sind für ihn dort die Wertungsrichter, die Judges. "Dort urteilen Damen in High Heels über Hip-Hop." Mike schüttelt den Kopf. "High Heels und Hip-Hop, das geht nicht zusammen. Die können vielleicht Äußerliches beurteilen, aber es fehlt der Spirit." Es fehlt der "Smell des Hip-Hop" könnte man auch sagen. Oder in den Wort von "Funkymike": "Es fehlt die Knowledge über den Tanz, und der Style des Hip-Hop!"

Für die Gruppe Prodigyy geht es also um mehr als darum, nett zu tanzen, was wahrscheinlich viele nicht verstehen, die sie nur in Fernsehauftritten wie bei "Die Große Chance" gesehen haben. "Wir sehen den Sinn hinter dem Ganzen", sagt Mike. "Wir wollen uns entwickeln. Mich selbst hat der Hip-Hop geöffnet." 1996, nach vielen Jahren des Trainings für Marathon und Triathlon entdeckte er, damals 19 Jahre alt und gelernter Mechaniker, das B-Boying. Aus eigener Erfahrung kennt er den Unterschied zwischen dem Erfolg bei einem Marathon, wenn man eine gute Zeit gelaufen hat, und dem Applaus nach einem gelungenen Auftritt bei einer Battle. "Es ist eine ganz andere Art von Respekt, die dir die Leute entgegenbringen."