Auf der Opernbühne

Die Mitglieder der Prodigyy sind sich einig darin, dass der Hip-Hop bei den meisten von ihnen etwas mit der Persönlichkeit getan hat. Bei Patrick zum Beispiel, genannt Mad Guti, der ein schüchterner, pummeliger Vierzehnjähriger war, als er zu ihnen gestoßen ist, was man kaum glauben mag, jetzt, da er zwanzig Jahre alt ist, ein durchtrainierter Tänzer, gewohnt, sich vor großem Publikum in Szene zu setzen, auf der Straße, auf einer Bühne oder in einem Fernsehstudio. Solche Entwicklungen sind so markant, dass Daniel, dem Lehramtsstudenten, an der Pädagogischen Akademie nahegelegt wurde, seine Bachelor-Arbeit über diese Art von Persönlichkeitsentwicklung zu schreiben, was er mittlerweile auch tut.

Natürlich ist es nicht immer einfach, diesen Geist hinter dem Hip-Hop, auf den es ihnen ankommt, mit den Erfolgen zu vereinbaren, die sich in den letzten Jahren angehäuft haben. Nicht nur, dass sie mittlerweile von Schulen angerufen und für den Turnunterricht engagiert werden. Da gab es Fernsehauftritte wie in "Die Große Chance" oder den Guinness Weltrekord von Vitali, genannt Cherry, der im italienischen Fernsehen live gebracht wurde, bei dem er als erster Mensch mehr als zwanzig Meter im Snake Roping zurücklegte, eine Art rückwärts gesprungener Liegestütz über eine Springschnur, eine Figur, die sehr gut zum Breakdance passt. Aber da gab es auch ein erstes Opern-Engagement in Bregenz. Bei der Premiere von "Achterbahn" mit der Musik von Judith Weirs tanzte ein Teil der Gruppe den Part der jugendlichen Schläger und erhielt, wie sie mit breitem Grinsen anmerken, bessere Kritiken als die Oper selbst, sogar in der "New York Times". Die Folge war ein Engagement für die Seebühne im Jahr 2013, bei der Tänzer der Prodigyy Teil einer neuen Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" sein werden. Nicht zu vergessen das Projekt "Hip-Hop meets Big Band" mit einer Jazzgruppe, das demnächst im Kulturhaus Dornbirn zu sehen sein wird und bei dem erstmals ein Traum von Mike in Erfüllung geht, dass nämlich an einer Stelle die Musiker zu den Bewegungen eines Tänzers improvisieren anstatt umgekehrt.

Aber jenseits von alledem gibt es immer noch die ganz eigene Welt des Hip-Hop, die Szene, die sich bei den Battles in aller Welt trifft, die Gäste, die aus New York nach Dornbirn kommen sowie die zahlreichen Streetshows im Sommer, die in diesem Jahr bis nach Belgrad geführt haben und mit deren Einnahmen immer noch wichtige Projekte der Gruppe finanziert werden.

Und dann vor allem die Battle of the Year, kurz: Boty, zur der sich die Sieger der Vorausscheidungen aus aller Welt von 12. bis 17. November in Montpellier, Frankreich, vor mehr als 10.000 Zuschauern treffen und bei der Legenden des Hip-Hop, wie der Deutsche Storm oder Roxrite aus den USA, als Judges die Darbietungen mit höchster Kompetenz beurteilen werden. Einen neunten Platz hat Prodigyy bei dieser Weltmeisterschaft des Hip-Hop bereits erreicht, wobei die Bewertungen einem komplexen System folgen, das die Leistung nach acht Kategorien beurteilt, darunter so spezielle Kategorien wie Musikalität, Ausdruck, Footwork, Toprocks (Bewegungen des Oberkörpers) oder Freezes (die Momente, in denen ein Tänzer die Bewegung einfriert). Damals, als Prodigyy einen neunten Platz erreichte, war man in speziellen Bereichen wie zum Beispiel Footworks und Toprocks auf dem ersten Platz, also die beste Crew der Welt.

Trotzdem dämpft Funkymike die Erwartungen. "Wir fahren nicht hin, um Erster zu werden, wir legen auf das Tänzerische Wert." Aus langjähriger Erfahrung weiß er natürlich, dass im Wettkampf sogenannte Powermoves wie ein doppelter Salto zu Beginn der Darbietung sehr viel Applaus im Publikum und damit auch Vorteile für die Endwertung bringen. Trotzdem ist das die Sache der Prodigyy nicht, auch wenn Vitalis Weltrekord zeigt, dass man auf diesem Gebiet einiges vorweisen kann. "Wir konzentrieren uns mehr auf das Kreative", sagt Mike ganz entschieden.

Artikel erschienen am 09. November 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 4-9.