Der Anblick sollte in einem Einrichtungsfachgeschäft nicht überraschen, tut es aber in gewisser Weise doch: Anne Windsor steht auf einer atemberaubend hohen Leiter, um in einer Auslage einen Vorhang an einer Stange zu drapieren. Bloß tut sie das nicht in Jeans und flachen Schuhen, so wie unsereins das im Bedarfsfall machen würde, sondern tatsächlich im Business-Look: knapper Rock, Stiefel mit dünnen, hohen Absätzen, enge Jacke und schick gestylt. Der unbedarfte Zuschauer sieht’s und staunt … Dann stellt sich heraus, dass die Stange zu kurz und der Vorhang auf der falschen Seite des raumhohen Fensters – und das sind immerhin weit über drei Meter – gelandet ist. "Ich kann das aber jetzt nicht ändern, sonst fällt die Stange herunter. Und wieso ist die überhaupt zu kurz?" Ihre Kollegin Bettina Gramath bringt das nicht aus der Ruhe: "Da sehen Sie, sogar wir als Einrichtungsberaterinnen sind nicht vor solchen Hoppalas gefeit", lacht sie – und Anne Windsor stimmt ein. Johanna Orsini Rosenberg, die die ganze Szenerie bislang still beobachtet hat, muss nun auch schmunzeln: "Wir haben trotzdem immer viel Spaß."

Ein eingespieltes Trio

Die drei fröhlichen Damen, die scheinbar (und wie sich später herausstellt, tatsächlich) nichts aus der Ruhe bringen kann, sind Einrichtungsberaterinnen mit Leib und Seele. Doch während Bettina Gramath und Johanna Orsini Rosenberg bereits in frühen Jahren der Gestaltung von Innenräumen verfallen waren, studierte die gebürtige Kärntnerin Anne Windsor zuerst Veterinärmedizin in Wien. "Da habe ich dann meinen späteren Mann kennengelernt, der aus einer großen Raumausstatterfamilie kommt. Ich bin quasi nahtlos eingestiegen, habe mir das Wissen in zahllosen Kursen und natürlich direkt durch die Arbeit angeeignet", erzählt sie im Gespräch mit dem "Wiener Journal". Heute ist sie spezialisiert auf die Gestaltung von Böden und Wänden und berät Kunden in Sachen Vorhänge und Sonnenschutz. Ausmessen tut sie sicherheitshalber am liebsten selbst – und dass sie keine Scheu hat, dazu auf die Leiter zu klettern, hat sie ja bereits eindrucksvoll bewiesen …

Bettina Gramath hat Textiltechnologie und Schneiderei an der Modeschule Michelbeuern abgeschlossen und sich sechs Jahre später selbständig gemacht: "Ich war immer schon praktisch veranlagt, habe gerne genäht und gestaltet. In meinem Geschäft habe ich mich auf Tisch- und Bettwäsche sowie Badtextilien und Vorhänge spezialisiert. Und weil ich sehr auf natürliche Materialien und hohe Verarbeitungsqualität Wert lege, bin ich auf die Mühlviertler Manufaktur Leitner Leinen gekommen, mit der ich jetzt schon dreizehn Jahre zusammenarbeite." Johanna Orsini Rosenberg, die seit März das Duo zu einem Trio macht, hat während ihres Studiums in England Bekanntschaft mit dem Londoner Traditionsunternehmen Farrow & Ball gemacht, das auf Wandfarben und Tapeten spezialisiert ist, "und da habe ich mich mit dem Einrichtungsvirus infiziert." Die drei ergänzen einander perfekt, ein Netzwerk von Malern, Tapezierern, Nähern, Bodenlegern und anderen Handwerkern hilft ihnen, die Träume ihrer Kunden maßgenau zu verwirklichen. Selbige – die Kunden nämlich – kommen allerdings selten ins Geschäft: "Der Großteil der Aufträge beginnt mit einem Telefonat. Dadurch, dass ich schon 22 Jahre in der Branche bin, geht das meiste über Mundpropaganda", erzählt Anne Windsor. "Ich fahre dann in die Wohnung oder das Haus des Kunden, wir besprechen, was gemacht werden soll, und dann beginnt das große Nachdenken, das letztendlich im Zusammenstellen von Mustern für das jeweils Gewünschte endet. Und dann fahre ich mit Sack und Pack wieder zum Kunden." Was so geradlinig klingt, ist es jedoch nicht immer: "Manchmal sind bestimmte Wünsche einfach nicht erfüllbar und dann muss ich mir eine Alternative, die dem Wunsch zumindest sehr nahe kommt, überlegen. Und je weniger genau der Kunde weiß, was er möchte, desto aufwendiger und schwieriger kann das Ganze werden. Das ist übrigens der Normalfall – die meisten Kunden wollen, dass es schön wird. Was das genau bedeutet, muss ich selbst herausfinden. Aber bis jetzt hat es zu 95 Prozent immer gut geklappt." Und weil jeder Tag schließlich zumindest mehrere neue Herausforderungen bringt, wird den dreien auch nie langweilig, im Gegenteil: "Unser Job ist der schönste, wir haben nie denselben Trott", kommt es einstimmig …

Echte Herausforderungen

Im Rahmen ihrer langjährigen Tätigkeit standen die drei Damen allerdings auch immer wieder vor – sagen wir – etwas komplizierteren Aufgaben: "Ein befreundeter Architekt hat den Auftrag zur Renovierung des Prinzenpalastes in Kairo bekommen und ich sollte mit meinem Bodenleger-Team den Intarsienparkettboden machen. Dazu musste ich aber nicht nur das Material, sondern auch die Arbeiter und die Maschinen nach Ägypten bringen. Das Projekt hat sich letztendlich über zwei Jahre gezogen, weil am Anfang die Arbeiter, die in Fünferteams für jeweils einen Monat in Kairo waren, ständig an Durchfall erkrankten. Also mussten wir in wesentlich kürzeren Abständen die Teams austauschen. Dann wurde das gesamte Parkett gestohlen. Ich musste es neu bestellen, was die Arbeit natürlich wieder verzögerte. Wenige Wochen später kamen uns die Maschinen abhanden und dasselbe Spiel wie mit dem Parkett begann. Als wir dann endlich fertig waren, wollte uns der Zoll die Maschinen nicht wieder mitgeben. Wir sind ohne sie heimgeflogen und haben in Österreich einen ganzen Satz neue gekauft", erzählt Anne Windsor von einem ihrer aufwendigsten Projekte, das sie jede Menge Nerven gekostet hat. Aber aus dieser Erfahrung hat sie gelernt…