3000 Quadratmeter Kunst gegen die Mafia: Das Casoria Art Museum (CAM). - © Alessandra Benedetti/Corbis
3000 Quadratmeter Kunst gegen die Mafia: Das Casoria Art Museum (CAM). - © Alessandra Benedetti/Corbis

Gleich neben der Basilika wartet am Eingang zu den Katakomben des Heiligen Gennaro Antonio Della Corte. Jede volle Stunde begleitet der junge Mann aus Sanità Besucher in die Katakomben: "Diese Katakomben zeigen einen wichtigen Teil unserer Geschichte, aber sie helfen uns auch, unser Viertel aufzuwerten", stellt Antonio Della Corte am Beginn seiner Tour fest. "Der Tourismus kann eine siegreiche Waffe sein, um eine Mikroökonomie aufzubauen und das Leben in unserem Stadtteil zu verbessern." Die neapolitanischen Katakomben sind riesige, weitläufige Räume, unterirdische Basiliken, die in den Tuff gehauen sind, ein poröses vulkanisches Gestein.

Der Heilige Gennaro, Neapels meistverehrter Heiliger, ist eigentlich ein Märtyrer aus Benevent. Erst ein Jahrhundert nach seinem Tod wurden seine Reliquien nach Neapel gebracht. "In Neapel fanden keine Christenverfolgungen statt", erklärt Antonio Della Corte, "daher hatte Neapel auch keinen eigenen Märtyrer. Ein Märtyrer jedoch verlieh einer Gemeinschaft Prestige. Deshalb beschloss Bischof Giovanni I., die Reliquien des Heiligen Gennaro hier in diese Katakomben zu bringen." Die Katakomben sind auf zwei Ebenen errichtet. Während der obere Teil aus großen, unterirdischen Hallen besteht, bildet der untere Teil eine richtige Stadt mit einem Straßennetz, wie es in den griechischen und römischen Städten üblich war. "Aus unserem Projekt sind schon weitere Initiativen hervorgegangen", berichtet Antonio Della Corte, "ein Kinderorchester und zwei Vereine für Theater und Tanz. Die jungen Bewohner von Sanità werden so auf eine andere Art erzogen, so haben sie vielleicht die Möglichkeit, zwischen dem richtigen und dem falschen Weg zu wählen."

Das Casoria Art Museum CAM

Zehn Kilometer nördlich der Gennaro-Katakomben liegt die Stadt Casoria, in die das Stadtgebiet von Neapel fließend übergeht. In Casoria sind die Lebenssituationen dramatisch: Es herrschen 70 bis 80 Prozent Arbeitslosigkeit, es gibt kein Theater und keine Bibliothek. Was es jedoch sehr wohl gibt, das sind illegaler Zigarettenhandel und eine von Gewalt geprägte Subkultur. Bis in die 1960er Jahre war Casoria eine emsige Industriestadt. Hunderte Unternehmen mit tausenden Arbeitsplätzen wurden in den 70er Jahren aufgelöst. Seither wurde nur mehr gebaut, hässliche Wohnsilos für 100.000 Einwohner.

In Casoria macht das Cam, das Casoria Art Museum auf sich aufmerksam. Direktor Antonio Manfredi begrüßt beim Auge der Camorra, im Eingangsbereich seines Museums. Ein riesiges Auge blickt in einer Videoinstallation unverwandt auf die eintretenden Besucher und erzeugt eine unheimliche Stimmung des unheilvollen Unter-Beobachtung-Befindens. Casoria ist eine Stadt ohne antike Sehenswürdigkeiten mitten im Camorra-Land. Das Museum ist die beinahe einzige Kultureinrichtung in Casoria. Es zeigt auf und klagt an. Jeden Tag pünktlich ab sieben Uhr früh stehen nur 200 Meter vom Cam entfernt junge Migranten am Arbeitsstrich bereit. Sie warten, dass sie geholt werden, um für 20 oder 30 Euro zwölf Stunden lang ohne soziale Sicherheit zu rackern. Dieser Schwarzmarkt der Arbeitskräfte wird von der Camorra kontrolliert. Auf einem Kunstwerk im Cam sind betroffene Arbeiter fotografiert. Sie halten ein Transparent in die Höhe, auf dem zu lesen ist: "Heute arbeite ich nur für mindestens 50 Euro." Das Museum von Casoria wurde im Jahr 2005 gegründet. 3000 Quadratmeter stehen der Kunst gegen die Mafia zur Verfügung. Mit einer spektakulären Aktion gelang es Antonio Manfredi, die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf Casoria zu lenken. Gemeinsam mit den Künstlern verbrannte er einige Kunstwerke aus der ständigen Sammlung des Museums als Protest gegen die Vernachlässigung durch die Institutionen.

Musik auf der Fassade

Einkaufspassage Galleria Umberto in der Altstadt von Neapel. - © Stockxchng
Einkaufspassage Galleria Umberto in der Altstadt von Neapel. - © Stockxchng

Zurück im Zentrum von Neapel befindet sich bei der Kirche Il Gesù der vereinbarte Treffpunkt mit Vincenzo de Pasquale, Neapolitaner. Der 55-Jährige liebt seine Stadt, er lebte mehrere Jahre in Budapest, doch vor einiger Zeit ist er zurückgekehrt und hat auf den schwarzen Lavasteinen, die die eigenartigen Fassade der Kirche Il Gesù bilden, die Partitur eines Musikstückes entdeckt. Die rätselhaften Zeichen haben schon viele Interpretationen erhalten, doch jetzt ist das Geheimnis des gelehrten Fassaden-Graffiti gelüftet. "Es sind sieben aramäische Buchstaben, die auf dieser Fassade immer wieder auftauchen und die Noten darstellen", erklärt Vincenzo de Pasquale, "gemeinsam mit einem ungarischen Musiker konnte ich das 45-minütige sakrale Musikstück rekonstruieren, das uns diese Fassade überliefert." Mit seiner Entdeckung hat sich Vincenzo de Pasquale in die kreative Chronik seiner Stadt eingetragen.

Goethe in Neapel

Ein Reisender, der in Neapel seine kulturellen Spuren hinterließ, ist Johann Wolfgang von Goethe. Ihm war die intellektuelle Auseinandersetzung mit Land und Leuten auf allen gesellschaftlichen Ebenen wichtig. "Als Goethe und sein Reisegefährte, der Maler Tischbein, im Königreich Neapel eintrafen", erzählt Andrea D’Onofrio, Professor für Geschichte in Neapel, "bezogen sie Quartier in der Locanda des Signor Moriconi am Largo del Castello. Das ist kein typischer nobler Ort für den intellektuellen Neapel-Reisenden, sondern ein volkstümlicher Teil Neapels mitten im Centro Storico." In Neapel regnete es, als Goethe ankam. Es war kalt im Land, wo die Zitronen blühen, und der Dichter erkrankte gleich nach seiner Ankunft. Und doch bleibt der Aufenthalt in Neapel der Höhepunkt von Goethes Italien-Erfahrung, zusammengefasst im berühmten Ausruf: "Neapel sehen und sterben!" Eine kleine Gasse in der Nähe von Goethes neapolitanischer Adresse wurde mit dem Namen "Via Goethe" bedacht.

Dass das Andenken Goethes in Neapel hochgehalten wird, ist vor allem dem Philosophen und Politiker Benedetto Croce zu verdanken. Croce war einer der kulturellen Mediatoren zwischen Deutschland und Italien. Benedetto Croce besaß mehrere Häuser in Neapel, in seinem prächtigen Palast an der Via Crispi ist heute das Deutsche Generalkonsulat für Süd-
italien untergebracht. Der Generalkonsul Christian Much hat im Eingangsbereich seiner Büroräume dem Thema "Goethe in Neapel" eine Ausstellung gewidmet. Zeichnungen, die Goethe in Neapel anfertigte, sind vergrößert zu sehen und zeigen die Stadt, wie sie der Dichter sah. "In Rom war Goethe unter einem Pseudonym unterwegs", erzählt Christian Much, "hier in Neapel legte er es ab. Bei seiner Ankunft stand ‚Herr Milleroff aus Moskau‘ in seinem Pass, doch als er in Neapel war hat er gesagt: ‚Ich bin Goethe.‘ "

Neues vom Müll

Mit Blick auf den Golf von Neapel und den Vesuv berichtet Generalkonsul Christian Much von den Schwierigkeiten, mit denen Neapel bekanntlich zu kämpfen hat: "Das Müllproblem ist nicht gelöst, aber im Stadtzentrum ist es deutlich weniger sichtbar. Der Müll wird jetzt getrennt und ist deswegen besser zu entsorgen." Neapel und die umliegende Region Kampanien verfügen jedoch weiterhin nicht über die Kapazitäten, den Müll, der hier anfällt, auch zu beseitigen. Triumphierend führt die Zeitung "La Repubblica" auf ihren Neapel-Seiten in der heißen Frage um den Müll ein Paradoxon ins Treffen. Die Müll-Musterschüler-Staaten Schweden und Norwegen brauchen derzeit dringend Müll-Nachschub für ihre Verbrennungsanlagen und zur Wärmegewinnung. Der Müll aus Neapel ist im hohen Norden sehr gefragt, argumentiert "La Repubblica". "Die Müllbeseitigung ist ein Geschäft, an dem die Camorra verdient", sagt Christian Much. "Die Camorra sorgt dafür, dass es eine Müllkrise gibt und hilft dann bei der Beseitigung der Krise. Sie verdient an den durch die Krise erhöhten Preisen für die Müllbeseitigung. Der jetzige Bürgermeister versucht, diesen Kreislauf zu durchbrechen."

"Früher hieß es: Über die Mafia wird nicht geredet", analysiert der Generalkonsul, "genau das hat sich geändert. Das Gesetz des Schweigens gibt es nicht mehr." Die Mafia wird strafrechtlich und auch im Bewusstsein der Neapolitaner bekämpft.

Das Generalkonsulat unterstützt dafür eine unternehmerische Bewegung mit dem Namen "Addiopizzo", das bedeutet  "Schutzgeld ade". Unternehmer schlossen sich zusammen und sagen gemeinsam: "Wir zahlen kein Schutzgeld." Als Vereinigung können sie gemeinsam und anonym Strafanzeigen gegen Erpresser oder Wucher-Kreditgeber erstatten. Bei deutschsprachigen Touristen wirbt das Generalkonsulat für diese Geschäfte, sodass die Touristen auch im Urlaub kritische Konsumenten bleiben können. Auf einem Stadtplan sind Geschäfte verzeichnet, die kein Schutzgeld zahlen, es sind bereits über 800. Die Bewegung wächst. Ein Platz wurde zum ersten Schutzgeld-freien Platz Neapels erklärt. "Dafür gab es eine Zeremonie, die fast schiefgegangen wäre", erinnert sich Christian Much. "Am Vorabend wurde in eine Pizzeria auf dem Platz ein Brandsatz geworfen."

Neapolitanischer Life-Style

Vom deutschen Generalkonsulat in der Via Crispi führt ein kurzer Spaziergang in Richtung Meer durch das elegante Viertel Chiaia. Hier sind die Häuser gepflegt und beherbergen schicke Lokale und Geschäfte. Von der Piazza dei Martiri, einem kreisrunden Platz, an dem sich die größte Buchhandlung der Stadt befindet, zweigt die Via Santa Maria a Capella Vecchia ab.

Die kleine Straße ist ruhig, ein Antiquitätenhändler betreibt sein geruhsames Geschäft. Durch einen steinernen Bogen ist am Ende der Via di Capella Vecchia ein großer Innenhof erreicht, der verfallenen Charme spüren lässt. Eine riesige symmetrische Doppeltreppe ist ein architektonisches Schmuckstück, flache Stufen führen auf höchst stilvolle Weise in die Belle Etage des Palazzo Sessa. In dem weitläufigen Hof konnten Kutschen nicht nur vorfahren, sie konnten sogar rund um die zentrale Doppeltreppe herumfahren.

Im Palazzo Sessa ist seit dem 19. Jahrhundert die jüdische Gemeinde Neapels untergebracht. Hier befindet sich die einzige Synagoge Süditaliens und auch das Goethe-Institut, eine Einrichtung zur Pflege der deutschsprachigen Kultur. Carmen Maria Morese kommt aus Pompeji, hat in Berlin studiert und leitet heute das Goethe-Institut: "Der Palazzo Sessa war im 18. Jahrhundert die Residenz des britischen Botschafters William Hamilton, der bei weitem nicht so berühmt ist wie seine legendäre Frau Emma, laut dem Maler Tischbein die schönste Frau, die er je gesehen hatte." Emma Hamilton inszenierte sich in sogenannten Attitüden und nahm die Rolle von berühmten antiken Frauen ein. Auch Goethe besuchte Emma und William Hamilton im Palazzo Sessa. Das vorrangige Ziel der Reise des Dichters bestand jedoch darin, durch den Besuch der archäologischen Ausgrabungen in die antike römische Vergangenheit einzutauchen. Goethes erster Spaziergang in Neapel führte ihn gemeinsam mit Tischbein zum Posillipo an das legendäre Grab des Dichters Vergil.

Heute pilgern die genussbewussten Neapolitaner in den Stadtteil Vomero, um im schicken Restaurant "La Notizia" des auf der ganzen Welt umtriebigen Pizza-Konsulenten Enzo Coccia der hauchdünnen Teigflade mit feinstem Belag zu huldigen. Oder es zieht die Genießer wie Goethe etwas weiter gen Norden zum Posillipo ins Restaurant Rosiello. Mit melancholisch-romantischem Blick über das Meer hin zu den Inseln Procida und Ischia wird hier feinster Fisch getafelt. Die Freuden der Frutti-di-Mare-Antipasti, der Primi und der Crostate, feine Torten mit Frucht-Füllung, sind bei Rosiello schon seit bald hundert Jahren legendär.

Artikel erschienen am 14. Juni 2013 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal"