Frühjahr 2013, an einem Montagmorgen, kurz vor drei: Ich sitze in der eleganten Lobby des neu eröffneten Hotel Fairmont Dubai the Palm und bin seit zwanzig Stunden wach.

Am Vortag um sieben Uhr morgens in Abu Dhabi aufgestanden, habe ich gepackt, Mails gecheckt, Fluglisten gesichtet, Gästefragen beantwortet, Rechnungen moniert, den Gepäcktransport beaufsichtigt; schließlich die Personenanzahl kontrolliert, bevor ich Sabir, dem Fahrer, grünes Licht für die Abfahrt gebe.

"Boarding completed", rufe ich, die deutschsprachige Reiseleitung, ihm aus der Mitte des Busses zu. Sabir dreht sich kurz um, grinst, nickt und fährt los. Er ist Pakistaner, wie fast alle seiner Kollegen. Lenkräder - ob von Bussen, Taxen oder Jeeps für die beliebten Wüstensafaris - liegen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, einem Land mit rund 80 Prozent Arbeitsmigranten, fest in pakistanischer Hand.

Für meine Reisegruppe geht die Zeit in den V.A.E. zu Ende. Eine Woche waren die "Gäste" hier, haben Dubai, Abu Dhabi und die Wüstenoase Al Ain kennen gelernt. Von vier deutschen Flughäfen aus sind sie nach Dubai geflogen, von dort fliegen sie nun auch wieder ab. Die deutschsprachige Reiseleitung hingegen bleibt, nimmt abends und nachts die nächste Gruppe entgegen. Und beginnt die Runde von Neuem.

Zwei Stunden Fahrt sind es von Abu Dhabi zum Airport Dubai auf dem gut ausgebauten Motorway am Rande der Wüste. Die deutschsprachige Reiseleitung muss jetzt nicht mehr viel reden, erklären, das hat sie schon auf dem Hinweg gemacht. Sie liest, wie jede Woche an dieser Stelle, den emiratischen Autor Mohamed Al Fahim vor, "Eine Kindheit in Abu Dhabi und Al Ain". Das ist großartig, passt thematisch zu den vergangenen Tagen und setzt, was der deutschsprachigen Reiseleitung ein Anliegen ist, die soeben erlebte Gigantomanie am Golf - marmorne Zebrastreifen, 7-Sterne-Hotels, mit Blattgold verzierte Desserts - noch einmal in den historischen Kontext; vermittelt, wie hart das Leben hier noch vor nur fünfzig Jahren war: Als die Menschen - Beduinen, Fischer und Perlentaucher - der gnadenlosen Hitze völlig ungeschützt ausgesetzt waren. Als kleine Kinder erblindeten, mangelernährte Taucher an Skorbut starben und junge Frauen bei der Geburt. Als es keine Schulen gab. Kein fließendes Wasser. Kein Penicillin. Kein Krankenhaus.

Die Reisegruppe hört gebannt zu, das merkt man, auch wenn man mit dem Rücken zu ihr sitzt. Aber genau an der ergreifendsten Stelle, als der Autor in ruhigen Worten vom Tod der eigenen Mutter im Kindbett erzählt, quatscht jemand dazwischen. Die deutschsprachige Reiseleitung schaut sich unwillig um: Ah, der Mann aus Reihe fünf, ein vierschrötiger Norddeutscher, der sich gleich eingangs der Reise erkundigte, wo man hier die "Bild"-Zeitung kaufen kann (gar nicht, genauso wenig wie jedes andere deutschsprachige Blatt).

Der unmutige Blick der Reiseleitung ist der norddeutschen Ehefrau nicht entgangen; sie ruft - besser: zischelt - ihren Mann zur Ordnung. So kehrt wieder Ruhe ein, und die "Kindheit in Abu Dhabi und Al Ain" kann zu Ende gelesen werden. Das ist dramaturgisch auch wichtig, denn gleich geht es rechts hinaus, Fahrtunterbrechung an einer der größten Tankstellen (Benzin kostet in den V.A.E. übrigens vierzig Eurocent pro Liter) zwischen Abu Dhabi und Dubai für unseren "technischen Stop" bzw. die "Möglichkeit, sich einmal die Hände zu waschen".

Horrende Mieten

Die deutschsprachige Reiseleitung kann gerade noch Nachdenkliches ins Mikrofon sprechen - nämlich die Frage, was es wohl mit der kollektiven Psyche eines Volkes macht, wenn dieses sich binnen fünfzig Jahren von den armseligen Fischerbooten, aus den Beduinenzelten auf Burj Chalifa katapultiert sieht -, schon hält der Bus, und mein eben noch gedankenvolle Stimme sagt so energisch wie manipulativ: "Die Weiterfahrt ist um elf Uhr zehn, wir wollen ja nicht den Abflug gefährden".

Wobei die Gruppen - Genera- tion 60plus - im Regelfall so pünktlich wie autoritätsgläubig sind und seltene Abweichler (zur heimlichen Freude der Reiseleitung) streng sanktionieren.

Um elf Uhr elf fahren wir tatsächlich weiter, nähern uns Dubai Industrial City, fahren zum letzten Mal durch die Stadt - "sehen Sie links noch einmal das Burj al Arab . . ." -, schrammen vorbei an Dubai Festival City, und schon hebt die deutschsprachige Reiseleitung zu ihrer kleinen Abschiedsansprache an. Applaus. Dann geht das Gerenne los, in wenigen Minuten hat sich der Bus geleert.

Sabir und ich bleiben zurück, blinzeln in die Sonne, er grinst, "That’s done". "Yes, that’s done", sage ich lachend, "but after departure is before arrival. Shall we go?" "Yes, let’s go", sagt Sabir.

Auf der rund halbstündigen Fahrt zum Hotel reden wir ein bisschen über die Gruppe, bevor es privater wird. Sabir freut sich auf seinen bevorstehenden Urlaub. Vier Wochen wird er in Pakistan, endlich, bei Frau und Kindern sein, mit denen er elf Monate im Jahr lediglich per Skype kommuniziert. Von einem Fahrergehalt (umgerechnet rund 1000.-Euro) kann eine Familie in Dubai nicht leben. Auch Sabir wohnt nicht in der Stadt mit ihren horrenden Mieten, sondern weicht, wie fast alle seine Kollegen, auf das preiswertere Nachbaremirat Sharjah aus.