Mai Li Bernard stammt aus Vietnam, Lucas Varela aus Argentinien und Matt Madden aus New York. Ihre Wege kreuzen sich in Angoulême, der beschaulichen Hauptstadt des westfranzösischen Departements Charente. Alle drei sind Virtuosen des Comic-Faches – und Stipendiaten der "Maison des Auteurs". Direktorin Pili Muñoz führt die Autorenresidenz in der Altstadt mit Herz und Verve: "Wir stellen den Künstlern Multimedia-Ateliers und Unterkünfte zur Verfügung. Außerdem bieten wir rechtliche Hilfestellung bei der Vermarktung ihrer Projekte."

Die Stadt verschreibt sich ganz der Förderung der "Neunten Kunst". (Literaturwissenschafter Francis Lacassin hat den Begriff geprägt, und den Comic damit in den Rang der bildenden Künste erhoben.) Seit 40 Jahren veranstaltet Angoulême jährlich ein internationales Comic-Festival, zu dem sich das Who is Who der Szene einfindet. Es regnet Preise. Heerscharen von Comic-Fans strömen zu den Ausstellungen, Diskussionen und Verkaufsständen. Sogar die Kathedrale Saint-Pierre wird zum Forum. Ihre spätromanische "Medienfassade" (skulpturale Darstellung des Jüngsten Gerichts) findet ein aktuelles Pendant im "christlichen Comic", der im Kirchenschiff präsentiert wird.

Im Sog der großen Festival-Erfolge entstanden eine Comic-Kunstakademie (École Européenne Supérieure de l’Image, EESI), Fachhochschulen für Animationsfilme – und die sogenannte Cité internationale de la bande dessinée et de l’image. Dieses Konglomerat umfasst Trickfilm- und Videospielproduzenten, eine Comic-"Nationalbibliothek" samt Spartenkino und ein Comic-Museum. Es ist in den subtil restaurierten ehemaligen Weinlagern am Ufer der Charente eingerichtet. Konservatorin Marie-José Lorenzini erläutert das Museumskonzept: "Wir richten den Fokus auf Geschichte, Herstellung und Ästhetik der Comics, und zwar im Vergleich USA-Europa-Asien. Unsere Sammlung umfasst 8000 Originale, die wir im Rotationsprinzip zeigen."

"Bande dessinée" (kurz: BD), also "gezeichneter Streifen", heißen die keineswegs nur komischen Comic strips auf Französisch. Man wolle die Vielfalt der Stile und auch die politische Komponente der Comics herausarbeiten, erklärt Madame Lorenzini am Beispiel von Calvos Album "La Bête est morte" (1944/45), das den Zweiten Weltkrieg – kindergerecht – ins Tierreich überträgt. Politische Comics bekamen in den 1980ern neuen Aufwind. Joe Sacco eröffnete mit "Palästina" den Comic-Journalismus, Art Spiegelmans Album "Maus" thematisiert die Shoa und die Iranerin Marjane Satrapi betrachtet in "Persepolis" ihre Heimat aus der Distanz des Exils.

Wie Seiten eines Albums muten auch die zwanzig bemalten Hausmauern in Angoulêmes Zentrum und Vorstadt an. Die überdimensionalen Comics wirken wie Katapulte in andere Sphären. Etwa das blaue Bild  "Mädchen von der Stadtmauer" von Comic-Star Max Cabanes. Vom Vorplatz der großen Markthalle aus bietet sich eine fabelhafte Perspektive auf das Kunstwerk.

Sämtliche Wandmalereien wurden von preisgekrönten Comic-Künstlern entworfen, und von der Lyonnaiser Firma "CitéCréation" auf die Häuser übertragen. Eine Acrylschicht schützt die Werke vor Sturm und Regen. "Die Bürger haben die Initiative sehr positiv aufgenommen", erklärt Christine Olmer von der Kulturvereinigung "Via Patrimoine". "Viele Hauseigentümer haben Flächen angeboten. Die Bildgeschichten fördern die Identifikation der Bewohner mit ihrem Viertel."

Das älteste Beispiel, "Avec le temps", stammt vom Belgier François Schuiten und zitiert zwei große Kapitel der lokalen Wirtschaft: Zahnräder erinnern an die Hochblüte der Metallgießer, eine Werbung für Zigarettenpapier an die einst florierende Papierindustrie. Dieser hatte schon Honoré de Balzac mit dem Roman "Verlorene Illusionen" ein Denkmal gesetzt. Auch Comic-Klassiker der seichten Unterhaltung kommen zu Ehren, etwa Morris’ "Lucky Luke und die Daltons" oder Jean Robas Junge&Hund-Team "Boule & Bill" (deutsch: Schnieff und Schnuff). Der Pariser Comiczeichner Loustal wiederum lässt auf dem Häuschen einer Kreisverkehr-Insel eine bunte Strandbar-Combo gegen das Motorengetöse anspielen.

Comic-Star François Boucq aus Lille thematisiert den Daseinskampf im Großstadtdschungel. Sein Bild ziert eine Feuermauer im Amts- und Büroviertel. Der Titel "Chassez le naturel" ist einem Sprichwort entlehnt und besagt: Die wahre Natur setzt sich überall durch. Dies illustrieren zwei Elefanten und ein Nashorn, unter deren Ansturm eine Betonwand zerbirst. Mit von der Partie ist Boucqs Held Jérôme Moucherot (deutsch "Horst Katzmeier"), ein Versicherungsvertreter im Leopardenfell.

Große Faszination geht auch von Nicolas de Crécys Bild "New York sur Charente" aus. Es  schmückt ein Hochhaus der Unterstadt. Die Fensterreihe der Turmfront mutiert zu Bow-Windows eines Wolkenkratzers, den ein Fluss von Manhattan trennt. "Mannahatta" hieß die Insel ursprünglich. Als Verrazzano, ein Entdecker in Frankreichs Diensten, 1524 dort vorbeikam, gab er dem Eiland (in Reminiszenz an König "Franz I. von Angoulême") den Namen Nouvelle Angoulême. Es wurde zum Sehnsuchtsort vieler Bewohner des alten Angoulême. De Crécy spielt mit diesem historischen Hintergrund.

Ob ironischer Kontrast zum urbanen Umfeld oder nostalgische Beschwörung des Gestern: Angoulêmes  Wandbilder erweitern das reale Reiseerlebnis hinein in die Zauberwelt des Imaginären.

Print-Artikel erschienen am 27. September 2013 In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 18–20