"Hajastan ist das schönste Land der Erde", besingt Lewon, der reiche Heimkehrer aus Russland, sein viel geplagtes Vaterland. Schwerer Rotwein ist seine Kehle hinunter geronnen, jetzt gibt er Armenien, diesem trockenen Stück Land im Kaukasus, ein paar Tränen zurück. Während er in den Sternenhimmel von Areni, dem Weinort an der Grenze zum Iran, blickt, erleidet der bärenstarke Kerl einen Gefühlsausbruch, wie man ihn bei Männern seines Alters nur selten sieht. "Kein Land ist dem Himmel so nah", schluchzt Lewon mit erstickter Stimme. Er zeigt seiner "Signorina", wie er die junge Russin an seiner Seite liebevoll nennt, das Land seiner Kindheit. Der verdrießliche Chauffeur Arkap, selbst nüchtern geblieben, jammert noch ein wenig über verlorene Kriege gegen die Muslime, die Armenien klein und unbedeutend werden ließen, packt in Einwegplastikflaschen gefüllten Rotwein in den Kofferraum und kutschiert seine sentimental gewordene Fracht zurück nach Jerewan.

Armenien ist das erste Land auf der Welt, in dem das Christentum im Jahr 301 (oder 313/314) unserer Zeitrechnung, jedenfalls aber in der Regentschaft des zunächst heidnischen Königs Trdat III. (um 280–330),  zur Staatsreligion geworden ist. Dem Märtyrer Gregor, dem "Erleuchter", gelang es den König zu bekehren, nachdem ihn dieser der Legende nach 13 Jahre lang in einem Erdloch gefangen hielt und marterte. Armenien scheint auch heute nicht vom Glauben an Gott verlassen, dem man in frühchristlicher Zeit prächtige Klöster und würdige Kirchen errichtete, sondern vor allem von den Menschen, die Hajastan, wie die Armenier ihre Heimat nennen, den Rücken kehrten. Freilich blieben sie immer erfüllt von der Sehnsucht, irgendwann nach Hause zurück zu kommen. Lewon ist einer von vielen, die nach Jahren im Ausland heimkehren, um zu sehen, was aus ihrer Heimat geworden ist. Nur etwa ein Drittel der zehn Millionen ethnischen Armenier lebt im eigenen Land.

Der Rest dieses kleinen indogermanischen Volkes mit eigener Sprache, Schrift und Kirche ist über alle Gegenden des Erdballs verstreut und bildet seit Jahrhunderten Diaspora-Gemeinden, in denen seine Kultur und Geschichte voller Kämpfe und Leiden fortlebt. Im Laufe der Zeit waren die Armenier, deren Reiche die heutigen Grenzen weit übertrafen, jedoch immer wieder in den Machtbereich fremder Herrscher gerieten – darunter Römer, Byzantiner, Seldschuken, Mameluken, Perser und Osmanen – häufig Vertreibungen ausgesetzt und mussten in verschiedene Gebiete des Nahen Ostens, aber auch nach Europa und Amerika auswandern. Wo auch immer sie hinkamen, erbauten sie, wenn man sie denn ließ, Kirchen und Klöster, sie übernahmen aber auch wichtige Funktionen in den jeweiligen Gesellschaften. So wickelten die Armenier, die in mehreren Wellen in die verschiedenen Regionen der Donaumonarchie einwanderten  einen großen Teil des wechselseitigen Handels zwischen den habsburgischen und den osmanischen Ländern ab. Bereits im 14. Jahrhundert kamen sie aus der Krim ins nachmalige habsburgische Kronland Galizien. Sie waren unter anderem Finanziers, Goldschmiede, Ärzte oder Kaffeesieder. In Wien selbst erlebte das Armeniertum, das zahlenmäßig in Siebenbürgen und Ungarn am stärksten repräsentiert war, insbesondere durch die seit 1811 im ehemaligen Kapuzinerkloster ansässigen und mit Rom unierten Mechitaristen, einen kulturellen Aufschwung. Im Jahre 1830 zählte man in den habsburgischen Ländern insgesamt 13.500 Armenier.