Wien. "Stellt euch nur einmal vor, das Wetter wäre gut gewesen. Dann wäre das Bier am Samstag schon ausgegangen", haben sich die Organisatoren des ersten "Craft Bier Fest Wien" sagen lassen. Dass Mitte Mai 2014 an drei Tagen mehr als 4.000 Menschen trotz Wind und Wetters an den Donaukanal pilgerten, um Handgebrautes zu verkosten, hatten die Bierenthusiasten Micky Klemsch vom Biorama, Max Wurzer von mybier.at und der Bierblogger Martin Voigt von probier.at fast nicht zu hoffen gewagt.

Mittlerweile sind handwerklich hergestellte Biere allerorts zu finden. Und das ist auch gut so. Dass das "Craft Bier Fest Wien" einen Anteil daran hat, ist unbestreitbar und freut die Organisatoren.

"Es war uns schon damals klar", so Klemsch, "dass es bald eine Fortsetzung geben würde". Mit ihren 2.000 Quadratmetern bietet die Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik als Veranstaltungsort wohl genügend Platz für all das wunderbare Bier. Mehr als 50 heimische und internationale Brauereien zeigen dort am 21. und 22. November mit etwa 200 verschiedenen Bieren ihr Können. Bei dem großen Interesse lohnt es sich, schon früh an Ort und Stelle zu sein.

- © Foto: Simon Rainsborough
© Foto: Simon Rainsborough

Seit Mai hat sich auch in der Szene viel getan. Es nehmen jetzt Brauereien teil, die es zum ersten "Craft Bier Fest Wien" noch gar nicht gab. Eine davon ist die "Gablitzer Privatbrauerei" des mehrfachen Kleinbrauer-Staatsmeisters Markus Führer, der aus dem Privatvergnügen des Heimbrauens jetzt einen Beruf macht. Er ist auch der lebende Beweis dafür, dass es bei Craft Bier nicht nur um ausgefallene Biertypen geht, sondern Pils und Märzen oder ein "Wiener Lager" ebenso dazu gehören.

Auch sind seither viele neue Lokale entstanden, wie das Fassldippler, das im September im vierten Wiener Gemeindebezirk aufgesperrt hat. Klemsch findet das Lokal in der Johann-Strauss-Gasse ein schönes Beispiel dafür, dass sich verschiedene Biere einen Raum teilen. Hier vertragen sich Schöpfungen der CulturBrauer und Kreationen vieler kleiner Brauereien wunderbar miteinander und spiegeln den Trend zur regionalen Biervielfalt wieder. Denn im Fassldippler werden nur österreichische Biere ausgeschenkt. Es gibt nicht mehr nur "a Bier", sondern eben spezielles Bier. Das "Craft Bier Fest Wien" hat aktiv zu diesem Erfolg beigetragen und darauf sind Klemsch und Voigt stolz.

"Für gutes Bier muss man heute nicht mehr weit wandern. Ein Wit Bier aus Österreich? Früher war das unvorstellbar", meint Klemsch. Heute gibt es zum Glück auch das. Zum Beispiel aus Wiens kleinster Brauerei, dem "Xaver". Doch Craft Bier bedeutet nicht automatisch Bier von kleinen Brauereien. "Es wird nicht in Hektolitern gemessen, sondern am Geschmack, der sich am Ende im Glas findet", sagt Voigt, "denn ein Bier kann da nicht einfach herausrutschen, nur weil es kommerziell erfolgreich ist. Es liegt an der Geisteshaltung." So ist dann auch mit "Pilsner Urquell" eine große tschechische Brauerei unter den Ausstellern vertreten, die ihr Pils seit 1842 nach dem gleichen Rezept brauen. Auch die traditionelle Wiener Brauerei Ottakringer hat mit dem im Sommer eröffneten Spezialitätenableger "Brauwerk" eine Antwort auf die Sortenvielfalt und den Weg zum "Craft Bier Fest Wien" gefunden.

Denn "inzwischen haben auch die großen Brauereien gemerkt, dass die Craft-Bier-Bewegung ernst zu nehmen ist und diese auch eine durchaus gesunde Konkurrenz bedeutet", bemerkt Voigt. Handwerklich brauen, nur beste Zutaten verwenden, das sind Argumente, denen man nichts entgegen halten kann. Man setzt wieder auf Qualität, statt nur auf Quantität. Doch man solle "das Bier auch nicht zur Wissenschaft machen", meint Voigt. Klemsch fügt hinzu, dass "der proletoide Durstlöscher nun auch nicht innerhalb von zwei Jahren ins Gegenteil gedreht wird". Es hat sich mit den Craft Bieren ein Paralleluniversum aufgetan, in dem ein Bier auch anders schmecken und qualitativ hochwertig sein kann.

"Es ist schön zu sehen, dass Menschen sich Zeit nehmen, um neue Biersorten zu probieren und sich damit auseinandersetzen", findet Klemsch und schreibt Wien eine spezielle Vernetzungsfunktion innerhalb der Szene zu. Der Buchstabe B scheint dabei diesmal eine besondere Rolle zu spielen. Nicht nur, weil das wunderbare und vielfältige Getränk, das hier im Mittelpunkt steht, mit einem B anfängt. Nein. Auch, weil diesmal Brauereien aus Brunn am Gebirge, Bratislava (Pressburg), Brünn, Budapest und Berlin nebeneinander stehen. Dass in so mancher Sprache auch Wien mit einem B beginnt (zum Beispiel auf Ungarisch: Bécs), ist in diesem Zusammenhang nur eine Wortspielerei.

Erschienen im Wiener Journal am 7. 11. 2014.