- © Sigrid Mölck-Del Giudice
© Sigrid Mölck-Del Giudice

Damit hatte Daniele Kihlgren nicht gerechnet, als er vor 15 Jahren auf seiner Honda ziellos durch die Abruzzen kutschierte und am Rande des Nationalparks Gran Sasso auf Santo Stefano di Sessanio stieß. Auf ein 1250 Meter über dem Meeresspiegel gelegenes, mittelalterliches Dorf mit einem markanten Turm und grauen, halb verfallenen Natursteinhäusern, das sein Leben umkrempeln sollte. Nur noch eine Handvoll Menschen lebte hier und es wurden immer weniger, weil die Jungen, wie schon ihre Vorfahren, fortzogen, um in den Städten ihr Glück zu suchen. Kihlgren wanderte durch die engen Kopfsteingassen und es war wunderschön: keine Betonbauten, keine modernen Lagerräume und Luxusvillen. Das Dorf war eine Hymne auf die Stille und Schönheit des einfachen Lebens.

Daniele Kihlgren, heute 48, Millionenerbe eines schwedischen Zementfabrikanten und einer Italienerin, die aus einer bedeutenden Bauunternehmerdynastie stammt, hat das mondäne Leben in Mailand, wo er aufgewachsen ist, nie gemocht. Vielmehr suchte der promovierte Philosoph und Anthropologe auf den Spuren von Lawrence von Arabien, in Afrika oder auf Kuba alle möglichen Abenteuer. Sein eigentliches Interesse aber galt der Kultur Italiens, die er immer mehr bedroht sah. "Weil Wohlstand", sagt er, "heutzutage meist mit moderner Betonarchitektur gleichgesetzt wird". Fast absurd für jemanden, der seinen Reichtum ausgerechnet dem Zement verdankt.

Beinahe enterbt

Daniele Kihlgren hat eine neue Vision von Urlaub. - © Sigrid Mölck-Del Giudice
Daniele Kihlgren hat eine neue Vision von Urlaub. - © Sigrid Mölck-Del Giudice

Sein Entschluss stand schnell fest. Er suchte nach den Haus-
besitzern, die teils in die USA
und nach Australien ausgewandert waren, und kaufte nach und nach deren Wohnungen und Häuser auf. Insgesamt 4000 Quadratmeter Wohnraum, übers ganze Dorf verteilt, aus denen ein
"Albergo Diffuso", ein verstreutes Hotel werden sollte. Das Geld
aus dem Verkauf der Fabrik machte es möglich. Er pumpte so viel davon in das Bergdorf, dass seine Mutter ihm drohte, ihn zu enterben.

Daniele Kihlgren ließ die Häuser nach dem Konzept der "Arte povera", dem ursprünglichen, rustikalen Landstil der Abruzzen - und ausschließlich mit Materialien aus der Region - restaurieren. Schwere Balken und Kassettendecken wurden aufbereitet und dekorative Elemente erneuert. In den Räumen stehen alte Stühle und Tische, an denen Generationen ihre Mahlzeiten eingenommen haben. Für die Holzbetten wurden eigens die traditionellen Schafswollmatratzen neu angefertigt. Alles sollte so authentisch wie möglich sein. In den heute 29 Zimmern gibt es deshalb kein Telefon, keinen Fernseher und keinen Kühlschrank. Das einzige Zugeständnis an die Moderne sind ein Internetanschluss, Designer-Badewannen, die auch schon mal zwischen der Fensterluke und dem Kamin stehen können und eine Heizungsanlage unter den 500 Jahre alten Dielen und Steinböden. Im hauseigenen Restaurant, das einmal ein Stall war, werden auf Wunsch längst vergessene Rezepturen aus einheimischen Zutaten und Bergkräutern serviert, die auch bei Nicht-Hotelgästen beliebt sind. Als Gegenleistung für sein 4,5-Millionen-schweres Engagement stellte Kihlgren den lokalen Behörden nur eine Bedingung: Es darf nichts Neues gebaut werden.