Mit dem Zug fahren die Verwegenen: Bahnsteig in Budapest. - © Corbis
Mit dem Zug fahren die Verwegenen: Bahnsteig in Budapest. - © Corbis

"Wieso fährst du bitte nicht mit dem Bus?", fragen die Balkan-stämmigen Freunde verständnislos den Kopf schüttelnd, wann immer ich erzähle, dass ich nach Belgrad will und den Zug nehmen werde. Ja, die sind es ja auch gewohnt, zehn Stunden lang in diesen fahrenden Irrenhäusern mit dem Teufel um ihre geistige Gesundheit zu würfeln, während aus den Lautsprechern Turbofolk (osteuropäische musikalische Zumutung, Anm.) dröhnt und die jugoslawische Großmutter auf dem Nebensitz versucht, einen mit ihrem Enkel zu verkuppeln. Mit dem Zug, heißt es, fahren nur deutsche Sauftouristen, Leute, die keine Ahnung haben, und die Verwegenen. Ich persönlich zähle mich seit jeher zu den Letzteren.

Jede meiner Erinnerungen an eine Reise durch Südosteuropa beginnt mit einer Fahrt durch die Nacht mit dem dreckigen Zug, der den Namen des jugoslawischen Literaturnobel-
preisträgers Ivo Andric trägt. Als ich im Geiste leise Wiedersehen mit "meinem" Zug feiere, ist es schon dunkel im Bahnhof Budapest-Keleti. Drinnen brennt noch kein Licht, denn das geht immer erst nach Abfahrt an. Der Schlafwagen ist meistens der hinterste Wagon. Drinnen riecht es nach jahrzehntealtem Rauch billiger Zigaretten, obwohl im Ivo Andric schon lange nicht mehr geraucht werden darf. Doch der Geruch hat sich in die Sitzpolster gefressen und schläft jetzt dort.

"Sit or lie anywhere"

Während mir in Wien eine strenge Mitarbeiterin der ÖBB noch erklärte, dass ab Belgrad Reservierungspflicht herrscht, kratzt das den serbischen Zugbegleiter überhaupt nicht. Er lässt sich mein Ticket zeigen und sagt dann: "Sit or lie anywhere" (Setzen oder legen Sie sich einfach irgendwohin). Er spricht gut Englisch, das ist neu. Ich spreche schlecht Serbisch, das ist weniger neu.

In der Tür des ersten Abteils steht ein schnauzbärtiger Mittfünfziger in Trainingshose und trinkt eine klare Flüssigkeit aus einem dreckigen Glas. Wie selbstverständlich hat er die Rolle des Portiers übernommen. Gerade versucht er einen Streit zwischen einer schlecht gelaunten Nonne und einem sternhagelvollen deutschen Partytouristen zu schlichten. Der Deutsche kann kein Wort Serbisch und kann sich kaum auf den Beinen halten. Die Nonne hat vor Ungeduld eine tiefe Falte zwischen den Augen bekommen, wohl auch, weil der Schnauzbart sich abwechselnd ans Gemächt und danach ihr an die Schulter greift. Sein Dialekt ist stark und ich verstehe kaum etwas, stelle mir jedoch vor, dass die schweren Silben, für die er weit mit der Zunge ausholt, Begriffe erzeugen, die die Nonne beruhigen sollen und ihr einen Platz in seinem Abteil anbieten. Er gestikuliert wild und wirkt wie der Erzähler in einer Posse, die sich gerade der Pointe zuneigt.