Bekommt man eine derart voluminöse Schwarte in die Hand, wie es bei dem von René Gabriel als "Bibel" bezeichneten Buch der Fall ist, dann kommt man sehr leicht in Versuchung, die Küchenwaage hervorzuholen und es abzuwiegen. Was ich auch getan habe: Exakt 2825 Gramm bringt es auf die Waage. Es hat etwas mehr als 1000 Seiten und ist reichlich bebildert.

Der religiös inspirierte Titel ist keineswegs messianisch, sondern augenzwinkernd gemeint, wie der Autor im Buch auch selber offenbart. "Erlebnisse, Reisen, Verkostungen und Verlockungen eines Weinpapstes" könnte man sich als Untertitel dazu denken. Der Schwerpunkt des Buches liegt, den hauptsächlichen Interessen Gabriels gemäß, bei den französischen Verhältnissen, insbesondere beim Thema Bordeaux, dem er sich recht ernsthaft und passioniert, wenngleich mit humoristischen Einsprengseln, widmet. Rezipienten durchleben gemeinsam mit dem Autor so manche Weintour und Kost, etwa jene, bei welcher der legendäre Château Pétrus bis zum Jahrgang 1945 zurück probiert wurde. Indem er den Weinbeschreibungen der einzelnen Verkostungen jeweils eine "lockere" Einführung voranstellt und zuweilen einen Blick hinter die weinpäpstlichen Kulissen gewährt, ermöglicht Gabriel den Lesern einen unverkrampften Zugang zu den einzelnen Weinen und Regionen.

Außer Frankreich kommen im Buch auch die anderen wichtigen Weinländer vor. Österreich ist ebenfalls mit eigenen Kapiteln vertreten. Beispielsweise werden die seinerzeit in österreichischen Fachkreisen hitzig und konträr diskutierten Kalamitäten rund um den 2011er Jahrgang des bekannten Wachauer Weinguts F. X. Pichler aus Sicht des Autors besprochen. Gabriel, der die österreichischen Verhältnisse recht gut kennt und immer wieder vor Ort verkostet, bietet in seiner "Weinbibel" auch Porträts einer Auswahl an österreichischen Weinbaubetrieben, wobei neben elitären Spitzenbetrieben auch etliche Mainstream-Weingüter aufscheinen – in etlichen Fällen, so scheint es, ließ er bei den Weinbewertungen päpstliche Milde walten. An dieser Stelle sei angemerkt, dass bei den Bewertungen in Österreich selbst, je nach Verlag, recht unterschiedlich strenge respektive milde Bewertungen zum Tragen kommen. Deutsche und italienische Bewertungen fallen deutlich strenger aus.

Alles in allem hat Gabriel mit seiner "Weinbibel" ein vergnügliches Weinlesebuch vorgelegt, das nicht im Stück gelesen werden muss, sondern auch kapitelweise in zeitlichem Abstand rezipiert werden kann.

Print-Artikel erschienen am 27. November 2015
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 34–35