Es ist aus österreichischer Sicht reizvoll, die kommerzielle Bedeutung des Grünen Veltliners im internationalen Weingeschehen der vergangenen Jahrzehnte zu hinterfragen. Noch immer gibt es hierzulande so manchen "Weinkenner", der den Grünen Veltliner mit dem volkstümlichen Begriff "Brünnerstraßler" identifiziert. Damit wurde ehedem ein säurebetonter, rescher Wein bezeichnet, der auf Menge produziert und beim Heurigen vor allem als Spritzwein konsumiert wurde. Der "Grüne Ventilator" – eine weitere, auch heute noch gebräuchliche Bezeichnung – wurde vor allem wegen seines günstigen Preises, der ständigen Verfügbarkeit und der Eignung als simples Erfrischungsgetränk geschätzt.

Nachdem sich der österreichische Weinbau als zeitgemäßer Wirtschaftszweig positioniert hatte und zugleich immer mehr Winzer von Quantität auf Qualität zu setzen begannen, wurde damit auch der Aufstieg des Grünen Veltliners vom "Aschenputtel der Weinkultur" zu einem "Grand Seigneur" der internationalen Weinszene eingeleitet. Ich datiere diese Zäsur mit dem Beginn der 1990er Jahre.

Dem Grünen Veltliner wurde von nun an der gleiche, wenn nicht sogar größere Respekt gezollt wie dem Riesling und dem Chardonnay (Letzterer war damals schon international als Edelrebsorte etabliert). Es waren zunächst die heutigen Winzerikonen aus der Wachau wie F. X. Pichler, Emmerich Knoll, Franz Hirtzberger, Josef Jamek sowie die Familie Bründlmayer aus dem Kamptal – um nur einige zu nennen –, die kompromisslos auf Qualität im Weingarten und im Keller setzten und das Potential der Sorte nicht nur erkennen ließen, sondern sich mit ihren hervorragenden Rebensäften auch in der Fachpresse, in der Gastronomie und bei Weinliebhabern durchsetzen konnten.

Die internationale Anerkennung ließ dann nicht lange auf sich warten. Schon nach einer kurzen Zeitspanne – in den späten 1990er Jahren – wurde dem Grünen Veltliner international hohe Anerkennung gezollt. Besonders nachhaltig – geradezu mythenbildend, möchte man meinen – wurde das Potential der Rebsorte im Jahr 2002 im Zuge der "Korso"-Verkostung des deutschen Weinhändlers Jan Erik Paulsen in London demonstriert. Dort konnten sich österreichische Grüne Veltliner eindrucksvoll gegen Spitzen-Chardonnays aus aller Welt in Szene setzen und die Verkostung schließlich gewinnen.

Heute wird der Grüne Veltliner international auch als der "Signature"-Wein Österreichs bezeichnet. Dies völlig zurecht, sind doch 33 Prozent der österreichischen Rebflächen mit dieser Sorte bestockt; im Paradeweißweingebiet Niederösterreich sind es gar 46 Prozent, und selbst in dem heutzutage landläufig als Rotweinregion bekannten Burgenland sind immerhin 15 Prozent der gesamten Rebfläche mit Grünem Veltliner bepflanzt.

Bei Betrachtung der momentanen internationalen Marktverhältnisse entsteht der Eindruck, dass Österreich mit seiner Paraderebsorte über ein "Alleinstellungsmerkmal" verfügt, das auf den internationalen Märkten ausreichend bekannt und geschützt ist. Derzeit ist dies sicher zutreffend. Zudem stellen der Weinbau im Allgemeinen und der Grüne Veltliner im Speziellen einen Teil der österreichischen Identität dar und sind von eminenter kultureller wie auch wirtschaftlicher Bedeutung.