"His Holyness"

Um sich diese kleine Fläche zu sichern, ist es ratsam, sich schon tags zuvor in den Tempel zu begeben und den gewünschten Sitzplatz mit einem Stück Papier und seinem Namen zu bekleben. Oder Schnüre zwischen den Säulen zu spannen, an denen dann Pappschilder wie "Mongolian Corner" oder "German Teachers" baumeln. Denn wenn der Dalai Lama, heuer 81 Jahre alt, eines seiner öffentlichen Teachings in McLeod Ganj hält, eine Vorlesung zu einem bestimmten Thema aus der sanften Religion ohne Gott, dann herrscht Ausnahmezustand in Little Lhasa, der kleinen indischen Bergstadt am Fuße des Dauladhar, dem ersten Gipfel der Himalayakette.

Einige tausend Tibeter leben hier - Dharamsala ist der Nabel der tibetischen Exilpolitik. Dazu mengen sich Sympathisanten aus aller Welt, darunter nicht wenige in weinrote Kutten gehüllte Nonnen mit Schweizer Akzent, braunen Birkenstock-Sandalen und rasierten Schädeln. Viele Zuhörer sind gut vorbereitet, machen Kopfhörer und mitgebrachte FM-Radios startbereit. Denn auf Frequenz 92,3 werden die Worte von Lhamo Dhondrub, wie der jetzige Dalai Lama hieß, ehe er zu "His Holiness" aufstieg, meist simultan übersetzt, auf Englisch, Russisch und in andere Sprachen.

Obwohl der Mann, der eigentlich Tendzin Gyatsho heißt und sich als "einfacher buddhistischer Mönch" bezeichnet, sehr gut Englisch spricht, lehrt er lieber in seiner Muttersprache Tibetisch. Er ist Träger von über 60 Ehrendoktoraten, sitzt auf einem goldenen Thron und scheint den Kontakt mit seinen Jüngern am Boden sichtlich zu genießen. Nicht alle dürften alles verstehen, worüber der "Ozean der Weisheit" spricht, der in der Hierarchie der Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus als Wiedergeborener ganz oben steht: über die drei Gefängnisse des Geistes etwa, nämlich Gier, Hass und Ignoranz; oder über Vergänglichkeit und Tod, die Eigenverantwortung des Menschen, die Wiedergeburt der Seelen und allerlei Stufen auf dem Weg zur finalen Erleuchtung.

Viele Zuhörer hängen gebannt an den Lippen des Dalai Lama, für so manchen der Superstar der Erleuchtung, die auch wild gestikulierende Simultandolmetscherinnen nicht zu verdunkeln vermögen. Die Kora, der gepflasterte Pilgerweg durch das waldige Gelände, ist ganzjährig in ein Fahnenmeer getaucht und teils sogar mit Flutlichtmasten versehen, um nächtliche Runden zu ermöglichen. Lehmige Abstecher führen hinab zum Sitz der tibetischen Exilregierung auf halber Höhe Richtung Lower Dharamsala, doch die meisten bleiben oben, am rechten spirituellen Weg, den Affenfamilien bisweilen recht erfolgreich blockieren.

Die Hotspots des Städtchens liegen hinter den Zelten mit den baumlangen tibetischen und indischen Securities, die westliche Pilger anstandslos passieren lassen und offenbar auf ostasiatische Gesichter als potentielle Gefahrenherde gedrillt sind. Das Museum über chinesische Gräueltaten am tibetischen Volk ist gut besucht, vor allem von indischen Urlaubern, für die gesichtslose Apartmentblocks in die Hänge gerammt wurden und deretwegen sich die Siedlungsgrenzen in immer fernere Nebentäler verlagern. Rund 25.000 Einwohner und kaum eine ebene Fläche: Dharamsala erstreckt sich über 29 km2 steiles Hügelland, mit magischen Ausblicken auf die Tiefebene des Südens, wenn es nicht gerade regnet.

Hinterstubenkino

Regen gehört hier dazu, nicht nur in der Monsunzeit. "We celebrate Life daily", steht vor dem X-Cite Nachtclub im ersten Stock, wo es Wasserpfeifen und mancherlei Drinks gibt, um die Mühsal des Tages zu vergessen: die Wanderungen zum Bhagsu-Wasserfall etwa, oder den Pilgerweg durch den Fahnenwald um den tibetischen Kultplatz. In der Dämmerung, wenn die Tatas allmählich Fernlicht einschalten sollten, so sie welches hätten, läuft im Hinterstubenkino "Machete kills" an, auf Großbildschirm. Ein paar deutsche Studenten sitzen da, mit Free-Tibet-Shirts, was sonst. Und dem alten Sadhu, einem der paar struppigen heiligen Männer hier heroben, ist der Filmtitel ohnedies egal, solange es drinnen trocken ist.

Gegenüber, vor dem Tibetan Career Center, parkt ein Mahindra der örtlichen Tierrettung, wer immer den finanzieren mag. Wichtiger für die Stadt ist wohl die 1961 vom jetzigen Dalai Lama gegründete medizinische Fakultät Men-Tsee-Khang, benannt nach der 1916 vom 13. Dalai Lama in Lhasa gegründeten Universität. Auch andere, alternativere Behandlungsorte schießen aus dem feuchten Boden wie Pilze: Das "Heart Rock Cafe", ein Kellerschuppen, hat zwar laut Eingangsschild ganzjährig ganztägig offen, aber heute eben nicht. Volunteers und Sympathisanten der tibetischen Sache gibt es offenbar genug.

Bis der Dalai Lama die nächsten Teachings in seiner Wahlheimat hält, kann man sich mit Yoga, Malen und Kochkursen die Zeit vertreiben, sagen die Traveller im Snow Lion Restaurant bei einer Tasse Mokka Madness. Ob der Haufen Schlagobers dazu mit irgendeiner Kuh von vorhin zu tun hat, wissen nur die Götter. Tashi Delek, möge es euch allen wohl ergehen!