Mehrere Armlängen geballter Wertbeständigkeit: Muschelgeld am Markt von Kokopo. - © Rössler
Mehrere Armlängen geballter Wertbeständigkeit: Muschelgeld am Markt von Kokopo. - © Rössler

Ich habe viel Geld getauscht in meinem Leben. Euroschein um Euroschein habe ich in die Wechselstuben fremder Länder getragen, um dann mit indischen Rupien, marokkanischen Dirham, thailändischen Bhat, mexikanischen Pesos, ghanaischen Cedis, amerikanischen, kanadischen oder fidschianischen Dollars wieder hinauszugehen. Doch mit jeder exotischen Währung schiebt man mir immer auch ein spontanes Gefühl des Zweifels mit über den Tresen: Das soll Geld sein? Diese Stücke Papier, mit ihren seltsamen Formen, Farben und Symbolen, sollen Wert besitzen? Mit diesen bunten Scheinen soll sich in dieser Welt etwas ausrichten lassen?

Wie zu Beginn einer Partie Monopoly fühle ich mich jedes Mal, wenn ich mit dem frischen Bündel auf die fremde Straße trete. Doch siehe da, man lässt mich mitspielen in der fremden Ökonomie, und schon nach wenigen Zügen - dem Begleichen der Taxirechnung, dem Kauf einer Flasche Bier - ist der stille Zweifel verflogen. Das Geld ist wertvoll, mein kurzzeitiger monetärer Vertrauensverlust ein weiteres Mal unbegründet.

Maßeinheit: Armlänge

Dieses Mal aber stelle ich mich auf längere Skepsis ein. Denn ich bin an einen Ort gereist, an dem meine Wechselstube aus Bambus, der Umrechnungskurs eine Armlänge und die Währung eine Muschel ist. Auf Neubritannien, einer abgelegenen Außeninsel des pazifischen Staates Papua-Neuguinea, wird noch mit Muschelgeld bezahlt. Ein traditionelles Währungssystem hat die Jahrhunderte überlebt, und ich möchte es drei Tage lang in der Moderne erleben. Kann es sie wirklich geben, die Muschel in Zeiten des Kapitalismus? Und kann sie uns etwas lehren über den Wert des Geldes?

Tag Eins: Links liegt ein Papierschein, rechts liegen eineinhalb Kilo Muscheln. John schiebt den Haufen noch ein Stück weiter in meine Richtung, dann nimmt er den Schein und steckt ihn in seine Hosentasche. 50 Kina ist beides wert, ungefähr 15 Euro, aber ein Wechselkurs ist nirgends angeschlagen an John Kalumik’s Muschelgeldbank. "Es gäbe auch gar keine Wand dafür", sagt er lachend und blickt auf seinen hölzernen Verkaufsstand: Vier Pfosten und ein Dach, viel mehr ist da nicht. Eine Finanzinstitution sieht anders aus.

Nun befinden wir uns aber auch nicht unbedingt im Zentrum des globalen Finanzkapitals, sondern auf einer Landstraße im ländlichen Papua-Neuguinea. Dort, im äußersten Norden von Neubritannien, fünfzehn Minuten von der ehemaligen Kolonialhauptstadt Rabaul entfernt, betreibt John seit vielen Jahren sein Geschäft. Das Geschäft mit Tabu, dem Muschelgeld der Tolai. Am Straßenrand, umgeben von tropischem Dschungel, tauscht er Geld gegen Muscheln und Muscheln gegen Geld. Gegenstand seiner Transaktionen: kleine, weißgraue, zurechtgefeilte Muscheln, aufgefädelt an einem dünnen Faden. Ihre Maßeinheit: die Armlänge.

"Von einer Handspitze zu anderen muss die Kette reichen", sagt John und streckt dabei die Arme, "dann hast du einen Pokono." Fünf Kina ist der Pokono derzeit wert, das ist der aktuelle Wechselkurs. Ich schaue auf den Muschelhaufen vor mir und rechne: "Also besitze ich jetzt zehn Pokonos?"

John lacht: "Fast". Provision gibt es also auch im Busch. Dieser Mann weiß, was seine Leistung wert ist - und was seine Währung. Denn die Muscheln sind schwer zu bekommen und aufwendig zu bearbeiten, das verhindert ihre Entwertung. "Papiergeld kann morgen schon wertlos sein, die Muschel aber niemals", sagt John und ist deshalb überzeugt: "Tabu wird es immer geben."

Tatsächlich hat das Muschelgeld der Tolai eine lange, seit 1880 dokumentierte Geschichte und seine Wertbeständigkeit über Jahrhunderte unter Beweis gestellt. Nicht einmal die deutsche Kolonialmacht, die die Währung - zuerst 1902 für den Tausch gegen europäische Waren, dann 1914 grundsätzlich - verboten hat, konnte ihre Verwendung verhindern. Auf der Gazelle-Halbinsel, unter den einhunderttausend Angehörigen des Stammes der Tolai, wurde ununterbrochen mit Muscheln bezahlt, getauscht, beschenkt, und das traditionelle Zahlungsmittel scheint sich damit in die Moderne, auf den Tisch zwischen mir und John, gerettet zu haben.

Archaische Kette

Unschlüssig greife ich nach meinem neuen Investment, und ungläubig hebe ich es hoch. Das müssen fast zwanzig Meter Schnur sein, dicht besetzt mit geschliffenen Muscheln. So viel Gegenwert hätte ich nicht erwartet für einen einzelnen Papierschein. Und was soll ich jetzt damit tun? Kann man wirklich bezahlen mit dieser archaischen Kette? Hundert Jahre, nachdem in Papua-Neuguinea das Papiergeld eingeführt worden ist?

Tag Zwei: In Nanuk kann man. Ich betrete das kleine Dorf mit neuneinhalb Armlängen geballter Wertbeständigkeit, mit sieben davon verlasse ich es wieder. An jedem Verkaufsstand schneidet man mir ein Stück der Kette ab: Einen halben Pokono für eine Dose Cola hier, einen ganzen Pokono für die Portion Reis im Bananenblatt dort. Die Muschel funktioniert tatsächlich, man kann sie im 21. Jahrhundert auf einen Tresen legen und erhält Waren dafür. Warum überrascht mich das bloß so?