Unter dem weiten Himmel reicht Dall’Agnol nun seine cremig-spritzigen Bruts mit Aussicht, seine Gäste picknicken auf dem Rasen und lassen Gott einen guten Mann sein. Rundum eine von Flüssen durchzogene Landschaft, die mit ihren Höfen, den die Hügel sich hinaufschwingenden Weinbergen und kurvigen Sträßchen fast an den Rheingau erinnert. "Aber wir haben etwas Einzigartiges", sagt Dall’Agnol. "Unsere Trauben gedeihen inmitten von atlantischem Regenwald, das gibt es nirgends sonst auf der Welt." Tatsächlich sind rauschende Palmen zwischen Weinbergen ein eher ungewohntes Bild. Auch den Tukan, der jetzt vorüberfliegt, würde man in Eltville eher nicht erwarten. Gut kann man von hier oben auch die kleinbäuerliche Struktur der Region erkennen, die in Brasilien mit seinen riesigen Latifundien leider eine Ausnahme ist.

Die Bruts von Estrelas do Brasil sind "nach traditioneller Methode" flaschengereift, einige sind bereits zwölf Jahre alt. Auch sie gehören zum Besten, was Brasiliens Winzer zu bieten haben, und werden regelmäßig prämiert. Kenner beschreiben sie als ungewöhnliche Experimente, die einen mit unerwarteten Aromen und Farben aus der Komfortzone des erwarteten Geschmacks holten. Dennoch will Dall’Agnol sie nicht groß vermarkten, sie sind einzig über das Internet erhältlich.

Dall’Agnol, der in Aussehen und Enthusiasmus an den jungen Gérard Depardieu erinnert, führt uns einen Pfad entlang, der von hellblauen Hortensien gesäumt ist. Hier liege die Zukunft, sagt er. Man werde in den Hang Ferienhäuschen integrieren und einen Öno-Tourismus etablieren. Auf einen in der Sonne brütenden Weinberg mit Pinot Noir ist Dall’Agnol besonders stolz: "Wir haben hier acht Jahre lang weder Dünger noch Pestizide verwendet. Mir zeigt das, wie intakt das natürliche Gleichgewicht bei uns ist."

Ökopionier

Ein Mann, der auch großen Wert darauf legt, dass das Ökologische im Gleichgewicht ist, sitzt eine halbe Stunde Fahrt entfernt unter einer Weinrebe und kitzelt seine Tochter. Er nennt sie "Sekretärin", sie quietscht. Jorge Mariani ist wie die Pizzatos und Irineo Dall’Agnol ein Neuerer und Wager im Tal der Weine. Der füllige 58-Jährige ist hier der Ökopionier. Im Jahr 2002, als in Brasilien niemand wusste, wie man "orgânico" überhaupt schreibt, begann Mariani seine Produktion auf Bio umzustellen. "Ich habe ja gesehen, was die Pestizide anrichteten. Die meisten Kollegen hatten keine Ahnung, wie man sie dosiert und wie man sich schützt."

Jorge Mariani lebt und arbeitet auf dem Stück Land, das seine Familie 1884 von der brasilianischen Regierung zugewiesen bekam. Im Gegenzug musste sie bei der Erschließung der Region helfen, etwa beim Straßenbau. Der knorrige Weinstock unter dem er sitzt, erzählt Mariani, sei von seinem Urgroßvater gepflanzt worden.

Mariani wurde hier 1961 "in die Armut einer vielköpfigen italo-brasilianischen Bauernfamilie hineingeboren", wie er sagt. Er studierte Önologie, sah darin aber keine Zukunft, weil er miterlebte, wie die Kooperativen der Region niedergingen. Jahrelang arbeitete er in der Metallindustrie, ehe er 1998 einen Kurs über ländlichen Tourismus und Biolandwirtschaft belegte. "O maluco", den Verrückten, nannten ihn die anderen Bauern als er begann, das Erlernte umzusetzen. "Unsere Gegend war damals touristisches Niemandsland", erinnert er sich. Aber die Marianis empfingen die ersten Gäste. "Viele wissen ja nicht mehr, wie das Leben auf dem Land ist." Und kaum ein Brasilianer hätte eine Ahnung vom ökologischen Landbau.

Jorge Mariani ist Präsident der 60-köpfigen Biobauerngemeinschaft der Kleinstadt Garibaldi im Zentrum des Vale dos Vinhedos. Sie wurde nach dem italienischen Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi benannt, der hier in den 1830ern an der Farrupen-Revolution für die Unabhängigkeit Südbrasiliens vom Kaiserreich teilnahm. Den meisten Brasilianern fällt zu Garibaldi dennoch als erstes "Hauptstadt des Schaumweins" ein, offizieller Beiname der Stadt und feuchtes Versprechen.