Präzisiert werden soll Platters Idee allerdings erst am Mittwoch. Es gehe um den Fortbestand und die Sicherung der Alm- und Freizeitwirtschaft. Bei all dem sei wichtig, dass "die Tiroler Almen für Einheimische und Gäste offenbleiben", so Geisler. Landwirtschaftskammer und Alpenverein kündigten in der "Tiroler Tageszeitung" an, beim Gipfel die rechtliche Lage prüfen und Szenarien ausloten zu wollen.

Dass das Urteil nicht nachvollziehbar sei, so wie Platter sagt, könne derzeit nicht beurteilt werden, sagt die selbständige Rechtsanwältin Susanna Fuchs-Weißkircher (Northcote Recht), die unter anderem auf öffentliches Recht spezialisiert ist. Dies werde eine Frage sein, die die Rechtsmittelinstanz noch klären werde müssen. Laut Fuchs-Weißkircher ist - wie immer - zu prüfen: "Handelt es sich bei diesem Vorfall um einen besonders tragischen Einzelfall, ist das Unglück an einer Stelle passiert, die sensibel war und gesichert hätte werden müssen? Dies könnte bei einem häufig frequentierten Kreuzungsbereich mehrerer Wanderwege sein." Die Fragen, ob Warnschilder ausreichend waren und der Wanderer mit der Gefahr rechnen konnte oder musste, seien für die Prüfung des Sachverhalts ebenfalls relevant.

Grundsätzlich hafte der Halter eines Tieres für Schäden, die das Tier jemandem zufügt, sagt Fuchs-Weißkircher, wenn er nicht beweisen könne, dass er für die erforderliche Beaufsichtigung oder Verwahrung des Tieres gesorgt habe. Gleichzeitig gibt es allerdings auch gesetzliche Rahmenbedingungen für die Wegefreiheit. Was das alpine Ödland, also alles über der Baumgrenze, und Weidegebiete betrifft, existieren in einigen Bundesländern eigene "historische Wegefreiheitsgesetze". In anderen wie in Vorarlberg (Straßengesetz) oder Oberösterreich (Tourismusgesetz) wird die Thematik der "freien Betretbarkeit" wiederum in völlig anderen Gesetzen behandelt.

Weite Teile des Tiroler
Ödlands gehören dem Bund

In anderen Bundesländern, wie in Wien oder dem Burgenland, gibt es wiederum keine explizite Regelung zur Wegefreiheit. Auch in Tirol, wo der Vorfall passierte, ist kein Landesgesetz vorhanden. Der Grund liegt darin, dass in Tirol weite Teile des alpinen Ödlands dem Bund gehören und daher für die Allgemeinheit ein Gewohnheitsrecht zur Benutzung dieser Gebiete angenommen wird.

Generell bestehe keine Verpflichtung, einen Weg, der durch eine Kuhweide führt, durch Zäune von Weidegebiet abzugrenzen. So sei eine Abzäunung von Wanderwegen, die durch Almgebiete führen, weder üblich noch zumutbar, heißt es auf der Homepage der Landwirtschaftskammer Tirol. Durch besondere örtliche Aspekte könne sich aber sehr wohl eine Verpflichtung für erhöhte Sicherungsmaßnahmen ergeben. "So ist zum Beispiel ein 150 Meter langer Weg zwischen einem Parkplatz und einer Seilbahn, der von zahlreichen Touristen genutzt wird, abzuzäunen", heißt es.

Werden also die typischen Almverhältnisse verändert, ist an die Verwahrungs- und Beaufsichtigungspflicht ein höherer Maßstab anzulegen, so die Landwirtschaftskammer Tirol. Das Aufstellen von Warnhinweisen im Almgebiet sei nur eine von mehreren Möglichkeiten, seiner Sorgfaltspflicht als Tierhalter nachzukommen. Dies sei nur dann als ausreichendes Mittel anzusehen, wenn darüber hinausgehende, andere Sicherungsmaßnahmen unzumutbar seien.