Die Geschichte des "Dritten Reiches" müsse in weiten Teilen neu geschrieben werden, meinte "stern"-Chefredakteur Peter Koch am 25. April 1983. Reporter Gerd Heidemann habe in dreijähriger Recherche in der Bundesrepublik, der DDR, in Spanien und Südamerika insgesamt 60 Hitler-Tagebücher entdeckt. Dazu noch zwei Sonderbände über den England-Flug von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß und das Attentat vom 20. Juli 1944. Stolz hielten Heidemann und die anderen "stern"-Größen die schwarzen Büchlein in die Kameras. Dass als Abkürzung "FH" statt "AH" am Buchdeckel stand, ging in der Aufregung unter.

Die Bände mit den handschriftlichen Notizen, die den Verlag Gruner&Jahr beinahe 10 Millionen DM gekostet haben, sollten nach den Erzählungen Heidemanns aus einem Flugzeug stammen, das am 21. April 1945 im sächsischen Bönnersdorf abgestürzt war. Mehrere Experten, darunter der renommierte britische Historiker und Hitler-Biograf Hugh Trevor-Roper, hatten die Bücher nach kurzer Durchsicht für echt erklärt.

Am 5. Mai 1983 kam die bittere Wahrheit: Das deutsche Bundeskriminalamt kam zu dem Schluss, dass es sich bei den Tagebüchern um eine "grotesk oberflächliche Fälschung" handle. Verlagsleitung und Chefredaktion des "stern" waren aus Gier nach einer exklusiven Super-Story auf einen kleinen vorbestraften Fälscher, Konrad Kujau, und den naiven Gerd Heidemann hereingefallen. Große Teile des Textes hatte Kujau aus Reden und Proklamationen Hitlers abgeschrieben ergänzt durch irgendwelche Banalitäten. Am Ende blieb ein enormer finanzieller Schaden für den "stern"-Verlag Gruner&Jahr, das Image des Magazins war schwer beschädigt, zwei von drei Chefredakteuren mussten den Hut nehmen. Heidemann und Kujau wurden 1985 zu mehr als vier Jahren unbedingter Haft verurteilt. Danach genoss Kujau internationale Popularität und verkaufte von ihm gefälschte Gemälde zu guten Preisen. Im Jahr 2000 ist er an Krebs gestorben. Ex-Reporter Heidemann lebt heute von der Sozialhilfe.

"Schtonk"

Im Helmut Dietl-Streifen "Schtonk" wurde die Geschichte um die falschen Hitler-Tagebücher verfilmt. Heidemann spielt darin einen Polizisten, der den glücklosen "stern"-Reporter (Götz George) festnimmt - und damit sozusagen sich selbst.

Die 60 Bände gefälschter Tagebücher lagern unterdessen in einem zwei Meter hohen Tresor im Keller des Verlags Gruner&Jahr. Eine Einsichtnahme ist Außenstehenden nicht gestattet.