Als am 4. November 1944 im Laufe eines Luftangriffes Bomben auf das Renz-Gebäude in der Zirkusgasse fielen und ihm schwere Beschädigungen zufügten, fand das glanzvollste Kapitel der Wiener Circusgeschichte seinen Abschluß. Bedenkt man, dass Wien zeitweise gleichzeitig drei Circusbauten beherbergte, und zwar neben dem Renz-Bau noch den 1892 errichteten Circus Busch im 2. Bezirk in der Ausstellungsstraße und den 1903/4 erbauten Circus Schumann im 15. Bezirk in der Märzstraße, wird die seinerzeit große Bedeutung der circensischen Künste schlagartig sichtbar.

Das Wiener Renz-Gebäude war 1853 von Architekt May und Baumeister Schebek als ständige Spielstätte für Ernst Renz errichtet worden. Ein Name, der geradezu zum Inbegriff des Circus in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. wurde, und auch noch bis in das 20. Jh. hinein Strahlkraft besaß. Renz, als Sohn eines Seiltänzers 1815 in Böckingen in Deutschland geboren, war von der Idee besessen, dem Circus zu hohem künstlerischen und gesellschaftlichen Ansehen zu verhelfen.

Als er 1892 starb, konnte er seinem Sohn neben dem Circusgebäude in Wien, auch solche in Berlin, Breslau und Hamburg übereignen. Der durch mehrere Jahrzehnte anhaltende große Erfolg des Circus Renz ist auch im Lichte der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen der Zeit zu sehen, und hängt damit zusammen, dass Renz nicht nur vordergründig auf Adel und Militär, sondern v. a. auf das erstarkte Bürgertum setzte. In manchem Gesellschaftsroman der Zeit ist von einem Besuch bei Renz die Rede, etwa bei Theodor Fontane.

Prunk des Historismus

Das Renz-Gebäude in Wien lag in einer Gegend, die einst zu den belebtesten der Stadt gehörte und vom Prunk des Historismus gekennzeichnet war. Durch den großstädtischen Charakter der Praterstraße, die bis 1862 Jägerzeile hieß, waren zahlreiche Bauten entstanden. Hier stand auch das Carltheater, zu dessen Direktoren Nestroy gehörte. Ein Vierzeiler glossiert die glückliche Hand des Theaterdirektors und des Circusdirektors:

"Beide sind sie kräftige Renner,

Beide fassen das Glück beim Schopf,

Renz besitzet Pferdekräfte,

Nestroy hat die Kraft im Kopf."

Pferde waren das Kernstück des Renzschen Unternehmens, das in seiner Glanzzeit an die 200 Exemplare verschiedenster Rassen besaß. Pferdedressuren dominierten die Programme. Die Circusreiterinnen zählten gleich den Tänzerinnen zu den erotischen Idolen des 19. Jhs., ihre Bilder wurden gesammelt wie später die Fotos der Filmstars, so mancher Dichter besang ihre Anmut und in ihren Garderoben häuften sich die Blumensträuße der Verehrer.

Am 24. April 1854 hatte die Hochzeit von Kaiser Franz Joseph mit Prinzessin Elisabeth stattgefunden. Fünf Tage später wurde anläßlich der Vermählung ein großes Volksfest im Prater veranstaltet, wobei das Ensemble des Circus Renz auf dem Feuerwerksplatz eine große Galavorstellung gab, die bei Sisi große Begeisterung hervorgerufen haben soll.

Renz brachte eine große Vielfalt des Repertoires. Neben den equestrischen Disziplinen kommt es zur einer Verbreiterung der artistischen Darbietungen und zur Vorführung von exotischen Tieren, wenngleich in viel kleinerem Ausmaß als dies im 20. Jh. der Fall sein sollte. Überaus bekannt werden die bei Renz auftretenden Clowns, wie beispielsweise "Stonette", ein sogenannter Shakespearer, gekleidet in ein grünes Trikot mit einem weißen Pelzkragen, auf dem Kopf ein Barett mit einer Hahnenfeder, der auf einem Tisch stehend Parodien vorträgt. Oder Tom Belling, dem die Entstehung der Dummen-August-Figur mit struppiger Perücke, roter Nase und weiten Hosen zugeschrieben wird.

Zu einem Markstein in der Programmstruktur wurde die Circuspantomime, die meist den zweiten Teil eines Programmes einnahm und in ihrer Stoffwahl weit gespannt war. Umfaßte sie doch Themen der Mythologie, Heldensagen und historische Ereignisse, bezog Stoffe aus der Oper und der Tragödie und griff auch auf zeitgeschichtliche Ereignisse zurück. Als der Circus immer mehr auch zur Unterhaltungsstätte für Kinder wurde, gewann das Sujet der Märchenpantomime zunehmend an Bedeutung, und so spielte man z. B. "Aschenbrödel" oder "Schneewittchen".

1883 wurde das Renzgebäude durch den Architekten Oskar Laske vor allem auch unter dem Eindruck des verheerenden Ringtheaterbrandes 1881 weitgehend umgebaut.

Nach dem Tod von Ernst Renz vermochte sein Sohn Franz, dem das kaufmännische und organisatorische Ingenium des Vaters fehlte, das Unternehmen nur noch kurze Zeit fortzuführen. Nach erheblichen materiellen Verlusten, auch unter Druck einer immer stärkeren Konkurrenz wurde 1897 das Unternehmen liquidiert.

Glanz in der Nazi-Zeit

1943 wurde in Deutschland unter der Regie von Arthur Maria Rabenalt der Film "Zirkus Renz" gedreht. Wie andere filmische Biographien großer Persönlichkeiten (Bismarck, Friedrich Schiller, Robert Koch) sollte auch dieser Film der "geschichtlichen Sendung" Nazi-Deutschlands dienen. "Zirkus Renz" mit der höchst attraktiven Angelika Hauff sowie René Deltgen und Paul Klinger schildert den Aufstieg des kleinen Wandercircus zum weltberühmten Circusimperium, wobei freilich circusgeschichtlich vieles nicht stimmt. Nach der Renz-Ära war das Circusgebäude mehrfach Gastspielstätte verschiedener Unternehmen, stand wiederholt durch einige Zeit leer und wurde in den Dreißiger Jahren als Varieté geführt.