Wie wir bereits am vergangenen Montag berichtet haben, sind in der Abenteuerausstellung "Magische Geschöpfe" am Wiener Messegelände derzeit allerlei Fabelwesen versammelt. Das edelste unter ihnen ist das Einhorn, welches in der Schau in mehreren Erscheinungsbildern vertreten ist.

Während sich unter den "Magischen Geschöpfen" auf der einen Seite einige plastische Figuren des uns vertrauten Einhorn-Typus in Pferdegestalt mit aufgesetztem Horn befinden, kann die Ausstellung auch mit einem ganz besonderen Kuriosum aufwarten: dem "Guericke-Einhorn".

Im Jahre 1663 trug es sich zu, dass man am Seveckenberg bei Quedlinburg beim Gipsabbau in einer Felsspalte ein seltsames Gerippe fand. Nach einer alten Überlieferung befand sich unter den Überresten neben einem wuchtigen Schädel und anderen Knochen auch ein lang gestrecktes Horn. Dieses merkwürdige Tierskelett übergab man nach seiner Bergung, bei welcher es "aus Unverstand" zerbrochen wurde, wie der anonyme Chronist mitteilt, der Fürstäbtissin, die in dieser Gegend ihren Herrschaftssitz hatte.

Wenig später gelangte das Gerippe in den Besitz des Physikers und Bürgermeisters von Magdeburg, Otto von Guericke (1606-1686), welcher der Nachwelt vor allem als Erforscher des Vakuums, aber auch als Erfinder der Luftpumpe in Erinnerung geblieben ist. Große Berühmtheit erlangte Guericke bekanntlich durch sein eindrucksvolles Experiment mit den so genannten "Magdeburger Halbkugeln", welche nicht einmal von den je acht auf beiden Seiten angespannten Pferden getrennt werden konnten.

Als der vielseitig interessierte Gelehrte von dem seltsamen Fund erfuhr, beschloss er sogleich, eine Rekonstruktion zu versuchen. Schließlich entwarf er das Bild eines Einhorns mit dem mächtigen Schädel eines Pflanzenfressers, worauf sich ein langes Horn befand. In Kombination mit zirka 20 Wirbeln, zwei riesigen Schulterblättern und zwei säulenförmigen Vorderbeinen erweckte die Guerickesche Rekonstruktion, bedingt durch das Fehlen der hinteren Gliedmaßen, einen höchst sonderbaren Eindruck.

Zwar ist von der Guericke-Rekonstruktion selbst nichts mehr erhalten, jedoch hatte - basierend darauf - der Gießener Arzt und Gelehrte Michael Bernhard Valentini 1714 eine Zeichnung angefertigt, die heute als älteste bekannte bildliche Veröffentlichung eines vorzeitlichen Großsäugetiers gilt. Besser bekannt ist die Darstellung des "Guericke-Einhorns" in der posthum veröffentlichten "Protogaea" aus dem Jahr 1749 von Gottfried Wilhelm von Leibnitz (1646-1716).

Für die Forschung wirft das "Guericke-Einhorn" freilich jede Menge Fragen auf, die zum Teil wohl nie beantwortet werden können. Nach dem bisherigen Erkenntnisstand ist zumindest gesichert, dass der Knochenfund aus einer Doline bei Quedlinburg mehreren Tieren angehörte, und zwar handelte es sich um Reste des eiszeitlichen Mammuts, des Wollnashorns und eines Wals. Auf welche Weise der seltene und kostbare Stoßzahn des Narwales hinzukam, ist äußerst rätselhaft. Jedenfalls ist später immer wieder behauptet worden, bei dem Quedlinburger Fund handle es sich um die Überreste des allerletzten Einhorns.

Basierend auf der Illustration von Michael Bernhard Valentini aus dem Jahr 1714 hat in den 90er-Jahren des jüngst verflossenen Säkulums der St. Gallener Präparator Urs Oberli eine plastische Rekonstruktion des Einhorns von Quedlinburg bewerkstelligt, die heute im Besitz des Naturkundemuseums Leipzig ist. Als Leihgabe befindet sich selbige derzeit im Wiener Prater.

Wie berichtet, handelt es sich bei den "Magischen Geschöpfen" nicht um eine Schausammlung im herkömmlichen Sinne, sondern um eine Ausstellung, die - mit hochkarätigem Schauspiel und Entertainment kombiniert - Groß und Klein in eine entrückte Traumwelt versinken lässt. Unser Bild zeigt den quirligen Waldgnom "Schnuck" im "Zauberwald" an der Seite des kuriosen "Guericke-Einhorns".

Lesen Sie am nächsten Montag, wie das edle Einhorn nach Europa kam und weshalb dieses Tier, das es niemals gab, durch die Zeiten eine derart faszinierende Wirkung auszuüben imstande war.

Magische Geschöpfe (noch bis 22. 9.)

Fantasytheater & Abenteuerausstellung

Wien II, Messegelände, Südportalstr. 1

Tägl. (außer Mo. u. Mi.) 11.30-17.30

Eintritt: 12 Euro (Kinder: 9 Euro, Kleinkinder bis 6 Jahre: 6,50 Euro, Ermäßigung für Begleitpersonen)

Tel. 01/595-62-00

http://www.magische-geschoepfe.at

j.werfring@wienerzeitung.at