Bei der Veränderung des Frauenbildes unter Jugendlichen spielten vor allem die wirtschaftlichen Gründe eine nicht unwesentliche Rolle, sagt Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung. Denn selbst in streng konservativen Milieus, wo das klassische Bild der Hausfrau und Mutter noch eher präsent sei, könne man diese Rollenverteilung nicht immer leben, weil es sich schlicht und einfach finanziell nicht ausgehe, sagt Ikrath. Das traditionelle Frauenbild existiere hier also oft nur noch als Idealvorstellung. Das gelte auch für migrantische Milieus, in denen der Anteil an Konservativen höher als in autochthonen Milieus sei.

Neue Form des Feminismus

Wie die Rolle der Frau gesehen wird, sei grundsätzlich stark milieuspezifisch. In progressiveren, aufgeklärten Milieus ist deren Veränderung laut Ikrath kaum noch Thema - weil bereits selbstverständlich. Junge, feministisch eingestellte Frauen lebten eine neue Form des Feminismus, der weniger auf einer abstrakt-politischen, sondern einer lebensweltlichen Ebene angesiedelt sei. Und selbst eine Untersuchung unter Lehrlingen aus Milieus mittlerer Bildung habe gezeigt, dass diese beim Thema Frauen und Arbeiten deutlich weniger konservativ eingestellt seien als angenommen.

Generell gebe es zwar die Tendenz unter Jugendlichen, sich wieder vermehrt nach Geborgenheit in der Familie zu sehnen - allerdings unter den Vorzeichen eines modernen Frauenbildes. "Sie geben sich nicht der Illusion hin, dass alte Rollenbilder noch funktionieren", sagt Ikrath. "Die jungen Frauen fordern ein, dass sich die Männer am Haushalt und an der Kindererziehung beteiligen." Und diese behaupteten zumindest, dass sie dazu bereit seien, das zu tun.

Die aktuelle Shell Jugendstudie unter Jugendlichen zwischen 12 bis 25 Jahren, die regelmäßig in Deutschland durchgeführt wird, kommt zudem zu dem Schluss, dass die Hälfte der Befragten die Work-Life-Balance für schwierig erreichbar hält. Drei Viertel wollen in Teilzeit arbeiten können, sobald sie Kinder haben. Die Karriereorientierung tritt somit hinter die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben zurück, so die Conclusio der repräsentativen Studie - und zwar sowohl bei den männlichen als auch den weiblichen Jugendlichen.

Eine Gleichstellung zu forcieren, ging und geht laut Ikrath freilich meist von den Frauen selbst aus. Dass junge, selbstbewusste Frauen damit lautstark im Internet auftreten, habe in verunsicherten Milieus auch einen antifeministischen Backlash ausgelöst. Das habe gezeigt, dass eine kleine "Inselkultur" aggressiver Männer noch immer einen gewissen Hass gegen dieses neue Bild der arbeitenden, karrierebewussten Frau kultiviere. Die logische Ursache: "Je stärker jemand auftritt, desto stärker sind die Reaktionen." Das erinnert dann doch wieder ein wenig an das Handbuch aus 1955, wonach "Frauen kein Recht hatten, den Mann in Frage zu stellen".