Wien. So viele Fälle von Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) wie im Vorjahr gab es die vergangenen 20 Jahre nicht mehr: Insgesamt erkrankten 154 Personen daran, fünf von ihnen starben -im Jahr davor waren es 116 und davor nur 89 Erkrankte gewesen.

Ein Expertenforum aus Ärzten, Naturwissenschaftern und Apothekern versuchte am Mittwoch, den Ursachen dafür auf den Grund zu gehen. Die Conclusio: Diese seien vielfältig und reichten vom schönen Wetter, das mehr Menschen ins Freie gelockt und das Risiko somit erhöht habe, über höhere Zeckendichte bis hin zu der Möglichkeit, dass die Auffrischungsimpfung nicht immer zeitgerecht durchgeführt wurde.

Lähmungen als Spätfolge

Die Durchimpfungsrate in Österreich sei zwar in den vergangenen Jahren konstant hoch bei 82 Prozent geblieben, sagte Rudolf Schmitzberger, Leiter des Referats für Impfangelegenheiten in der österreichischen Ärztekammer -diese gebe aber nur an, wann jemand "irgendwann einmal geimpft worden ist". Betrachtet man all jene, die das Grundschema - bestehend aus drei Teilimpfungen und den Auffrischungsimpfungen (alle fünf Jahre, bei Älteren alle drei Jahre) - absolviert haben, so seien das allerdings nur 62 Prozent. 40 Prozent der Kinder haben laut Schmitzberger das korrekte Impfschema durchlaufen. 2011 waren es noch 60 Prozent.

"Gegen FSME hilft nur die Impfung, es gibt keine Therapie", ergänzte Florian Thalhammer von der Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin der MedUni Wien. Zwei Drittel der Erkrankten litten an Langzeitschäden wie Lähmungen sowie Schluck- und Sprachstörungen. Die Gefahr, zu viel zu impfen, bestehe bei der FSME-Impfung indes nicht: Es gebe so gut wie keine Nebenwirkungen, zudem werde ein Totimpfstoff geimpft. Das bedeutet, dass er kein vermehrungsfähiges Material enthält und die Impfung somit keine Erkrankung auslösen kann. Die FSME-Impfaktion läuft noch bis Ende August.

Wird man von einem Tier gestochen, das den Erreger in sich trägt, "wird FSME sofort übertragen", so Thalhammer. "Ein Stich, ein Treffer." Die Viren befinden sich in der Speicheldrüse der Zecke. Nach der Inkubationszeit von drei bis 14 Tagen treten im ersten Stadium grippeähnliche Symptome auf. Diese bessern sich zwar kurz danach für wenige Tage, im zweiten Stadium kann das Virus jedoch in das Zentrale Nervensystem gelangen und hier zu Hirnhaut-, Gehirn- und Rückenmarksentzündungen führen.

Bei der Borreliose, die ebenfalls über einen Zeckenstich übertragen werden kann, ist das anders. Die Übertragung dauert laut Thalhammer rund 36 Stunden. Entfernt man die Zecke in dieser Zeit (am besten mit einer Pinzette ohne Drehung herausziehen), kann eine Infektion vermieden werden. Symptome einer Borreliose sind ein roter Ring um den Einstich und grippeähnliche Beschwerden. Sie verläuft in drei Stadien und wird mit Antibiotika behandelt - eine Impfung dagegen gibt es nicht.

Die Borreliose ist die häufigste durch Zecken übertragene Erkrankung in Europa und kommt genauso wie FSME in ganz Österreich vor. Die Anzahl der Fälle sei schwierig zu zählen, sagte Apothekerin Christiane Körner auf Nachfrage der "Wiener Zeitung", weil Borreliose keine meldepflichtige Erkrankung ist. Es kursieren jedoch Schätzungen von rund 50.000 Neuerkrankungen pro Jahr.

Zeckenfleckfieber möglich

Aber auch neue Erreger, übertragen durch eine neue Zeckenart, dürften dazukommen: Im Vorjahr wurde im Bezirk Melk laut dem Parasitologen Georg Duscher von der Veterinärmedizinischen Universität Wien das erste Mal eine tropische Riesenzecke (Hyalomma sp.) entdeckt. Davor hatte es schon Meldungen aus Deutschland und Großbritannien gegeben, für gewöhnlich kommt sie in tropischen und subtropischen Regionen vor.

"Sie ist groß und hat geringelte Beine. Einige der bei uns gefundenen Exemplare trugen Erreger des Zeckenfleckfiebers in sich", so Duscher. Die Riesenzecke könne aber auch das Krim-Kongo-hämorrhagische Fieber übertragen. Während Letzteres tödlich enden kann, kann Ersteres bei rechtzeitiger Behandlung folgenlos abheilen. Impfungen gibt es dagegen nicht.

Der Grund, warum die tropische Riesenzecke nun auch bei uns vorkommt, ist die Klimaerwärmung. "Die Nymphen werden wahrscheinlich im Frühjahr mit den Zugvögeln aus dem Süden zu uns gebracht. Sie fallen zu Boden und konnten sich 2018 aufgrund der warmen Witterungsverhältnisse weiterentwickeln", sagte Duscher. Um untersuchen zu können, wie sich die Anzahl dieser Zecken in Österreich entwickelt und welche Erreger sie in sich tragen, bittet er, jede Sichtung zu melden, das Tier zu fotografieren und aufzuheben (georg.duscher@vetmeduni.ac.at).

Für heuer erwarten Forscher der VetMed im Unterschied zu 2018 kein Zecken-Rekordjahr. Die Anzahl soll im langjährigen Mittel liegen, heißt es.