Am 3. Oktober 1901 stürzte Wilhelm Kress (auch: Kreß) mit seinem "Drachenflieger" in den Wienerwaldstausee. Er überlebte, doch von seinem Flugzeug blieb nicht viel übrig.

Der am 29. Juli 1836 als Sohn deutscher Eltern in St. Petersburg Geborene erlernte in Russland das Handwerk des Klaviermachers und -stimmers. 1857 verließ er seine Vaterstadt und reiste sieben Jahre lang in Mitteleuropa umher.

Erste Ideen und Versuche

Als er 1864 nach St. Petersburg zurückkehrte, begann er erstmals, sich mit den Problemen der Luftfahrt zu beschäftigen. Er stellte eine kleine Segelluftschraube her - eine Stricknadel, an der Segelblätter montiert waren. Setzte man den Propeller mit dem Finger in Bewegung, schwebte die Stricknadel bis zur Zimmerdecke. Beim Drachensteigen mit seinem kleinen Neffen kam Kress eine Idee: würde man die Luftschraube am Drachen anbringen und sie mit einer Feder antreiben, so würde dies die Schnur ersetzen und der Drache wäre eine Flugmaschine. Kreß führte den Versuch aus, doch er scheiterte. Der Uhrfedermotor, der die Schraube hätte antreiben sollen, war zu schwer, der Drache konnte nicht abheben. Obwohl Kressdamals noch nicht wußte, dass ihm das Gewicht von Motoren noch mehrmals in seinem Leben zum Verhängnis werden sollte, war er entmutigt und gab die Luftfahrt nach diesem ersten Flugversuch vorerst auf.

In den nächsten Jahren versuche er erfolglos, sich als Klavierbauer in Frankreich zu etablieren. Als er 1873, von der Weltausstellung angelockt, nach Wien kam, ließ er sich dauerhaft nieder und die Stadt wurde zu seiner zweiten Heimat. Bald lernte er den berühmten KlavierbaueLudwig Bösendorfer kennen, der ihn dazu brachte, seinen ursprünglichen Beruf als Klavierstimmer wieder aufzugreifen. Ermutigt davon, einen gesicherten Lebensunterhalt zu haben, nahm Kress 1876 seine flugtechnischen Überlegungen wieder auf. Er konstruierte seinen "Fahnenpropeller", mit dem sich ein Jahr später sein erstes Drachenfliegermodell in die Lüfte erhob. Noch war das Flugzeug klein und sah aus wie ein Spielzeug, doch es war immerhin ein Anfang.

Für lebensechte Flugversuche fehlten Kress die nötigen Geldmittel. Um diese Sorge ein für allemal loszuwerden, erfand er das Cottage-Piano. Trotz der platzsparenden Größe eines Pianinos besaß dieses Klavier die Tonfülle eines Flügels. Eine tolle Erfindung, doch leider verkaufte sie sich nicht gut genug. So eröffnete Kress zwischen 1887 und 1889 zwei Klaviergeschäfte in Wien.

Hilfe von kaiserlicher Seite

Victor Silberer, ein guter Freund von Wilhelm Kress, veranstaltete 1888 eine "Ausstellung der Luftschifffahrt". Kress war auf dieser Schau der einzige, der sein Modell ("Cocon") zum Fliegen brachte, was den anwesenden Kaiser Franz Josef sehr beeindruckte. Der Monarch wurde zu einem seiner größten Förderer. Ebenso Johann von Radinger, Lehrer für Maschinenbau, der Kress ohne Inskription an seinen Vorlesungen an der Technischen Hochschule Wien teilnehmen ließ. Wenig später wurde auch Dr. Ludwig Boltzmann auf ihn aufmerksam und nach einer Privatvorführung der bestehenden Modelle lud er Kress ein, seine Erfindungen dem Internationalen Forum der Wissenschaft vorzustellen.

So kam es schließlich zum großen Durchbruch, der Wilhelm Kress auch im Ausland berühmt machte. Doch trotz gesteigertem Bekanntheitsgrad und einer 5.000-Kronen-Spende des Kaisers fehlte es ihm immer noch an Geld und so kam ihm 1898 die Bildung des "Kress-Komitees" gerade recht. Dem Komitee gelang es, innerhalb kurzer Zeit 43.000 Kronen zu sammeln.

Mit der Unterstützung von Professor Radinger und Ing. Isidor Tobisch, dem Mitbesitzer der Goldeband-Werke, einer Maschinenbau-Firma, konnte Kress nun endlich seinen Lebenstraum zu verwirklichen - zumindest teilweise. Von 1898 bis 1900 baute Kress in einem Schuppen am Ostufer des Wienerwaldstausees sein Wasserflugzeug, den Drachenflieger. Alles lief wie geplant, Probleme machte einzig und allein der Motor. Als er von den Daimler-Werken in Cannstatt nach Tullnerbach geliefert wurde, wog er statt 200 kg bei 40 PS ganze 380 kg und brachte nur knapp 30 Pferdestärken hervor. Kress wußte von Anfang an, dass der Versuch so nicht erfolgreich sein und der Drachenflieger sich nicht aus dem Wasser heben würde. Dennoch machte er insgesamt vier Flugversuche. Er wollte zeigen, dass die Kufen des Wasserflugzeugs an Eintauchtiefe verlieren würden und so beweisen, dass ein tatsächliches Abheben mit einem leichteren Motor möglich wäre.

Was bleibt, ist ein Wrack

Bei den ersten drei Versuchen ließ er das Flugzeug nur über das Wasser gleiten und erhöhte jedesmal die Geschwindigkeit, beim vierten Versuch an besagtem Oktobertag aber wurde Kress unglaublich schnell und der See ihm zu kurz, so dass er bei der Staumauer wenden mußte. In diesem Moment neigte sich das Flugzeug stark zur Seite, eine der Tragflächen tauchte ein und die beiden Kufen, die aus Aluminium gefertigt und zwecks Gewichteinsparung nur mit Wachsleinen gedeckt waren, füllten sich mit Wasser. Der Drachenflieger versank im Stausee.

Kress konnte gerettet werden, doch als man das Flugzeug nach Tagen endlich geborgen hatte, war es nur noch ein Wrack. Kress' Lebenswerk war zerstört. Doch er gab nicht auf und begann einen zweiten Drachenflieger zu bauen. Zu dessen Start auf dem Neusiedlersee kam es allerdings nie, da Kress wieder das Geld ausging.