Wien. Weniger Drogentote, dafür aber noch immer überdurchschnittlich viele Raucher und Alkoholiker: Der "Epidemiologiebericht Sucht 2018" von "Gesundheit Österreich" im Auftrag des Gesundheitsministeriums zeigt, dass die Problematik mit illegalen Suchtmitteln zwar etwas zu sinken scheint - jene mit legalen ist aber noch immer EU-weit auf hohem Niveau. Konkret ist der Anteil der Personen unter 25 Jahren, die Opioide konsumieren, von 40 Prozent 2004 auf neun Prozent 2017 gesunken. Mit 154 direkt drogenbezogenen Todesfällen 2017 gab es um elf weniger als im Jahr davor.

Michael Musalek Der Psychiater und Psychotherapeut entwickelte maßgeblich neue Ansätze in der Suchtbehandlung. Er ist ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts und Vorstand des Instituts für Sozialästhetik und psychische Gesundheit an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien und Berlin. - © Anton Proksch Institut/Medizinische Universität Wien
Michael Musalek Der Psychiater und Psychotherapeut entwickelte maßgeblich neue Ansätze in der Suchtbehandlung. Er ist ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts und Vorstand des Instituts für Sozialästhetik und psychische Gesundheit an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien und Berlin. - © Anton Proksch Institut/Medizinische Universität Wien

Jene psychoaktive Substanz, mit der in Österreich die meisten Personen Erfahrungen machen, sei allerdings Alkohol, heißt es in dem Bericht. Etwa jeder Siebente trinkt demnach in einem gesundheitsgefährdenden Ausmaß. Der Anteil der Raucher ist rückläufig. Seit Anfang der 2000er-Jahre hat sich zum Beispiel die Rate der täglich rauchenden 15-Jährigen in etwa halbiert. Aktuell rauchen je nach internationaler Vergleichsstudie zwischen 10 und 16 Prozent. Im europäischen Vergleich (EHIS 2014) liegt Österreich bei den täglich Rauchenden mit einem Wert von 24 Prozent aber nach wie vor im oberen Viertel, der EU-28-Durchschnitt beträgt 19 Prozent. Warum gerade Österreich hier in den oberen Rängen rangiert, erklärt Suchtexperte Michael Musalek im Interview.

"Wiener Zeitung": Welche Faktoren sind entscheidend, dass Substanzen wie Drogen, Alkohol und Nikotin zum Suchtproblem werden?

Michael Musalek: Ein Faktor ist die Verfügbarkeit: Je mehr verfügbar ist, desto mehr wird genommen. Wichtig ist auch die Frage: Wie leicht komme ich zur Substanz? Wenn es bei der Tankstelle 24 Stunden lang Alkohol zu kaufen gibt, ist der Zugang ein leichter. Ähnlich verhält es sich mit den Zigarettenautomaten. Aber der wirklich entscheidende Faktor ist die gesellschaftliche Akzeptanz. Alkohol etwa ist in Österreich gesellschaftlich hoch anerkannt.

Inwieweit hat sich diese Akzeptanz im Laufe der Jahre verändert?

Bei den Männern ist der Alkoholkonsum minimal rückläufig, bei den Frauen gibt es aber massive Zuwachsraten, weil die Akzeptanz wesentlich besser ist als vor 20, 30 Jahren. Meine Großmutter hätte am Nachmittag nie Alkohol getrunken. Heute sind zwei, drei Glaserl after work bei Frauen nichts Besonderes. Das Verhältnis alkoholkranker Männer zu Frauen lag vor 20 Jahren bei 4:1, heute liegt es bei 3,5:1. Bei den unter 16-Jährigen, die regelmäßig ein Rauscherlebnis haben, beträgt es schon 2:1. Wir gehen davon aus, dass es sich künftig auch bei den Männern und Frauen auf dieses Verhältnis einpendeln wird.

In Österreich darf kein Alkohol an Jugendliche unter 16 Jahren verkauft oder ausgeschenkt werden, beim gebrannten Alkohol liegt die Grenze bei 18 Jahren. Das generelle Rauchverbot wurde dieses Jahr von 16 auf 18 Jahre angehoben. Ist das von politischer Seite zu wenig?

Über das Thema Rauchen brauche ich wohl über den Kurs unserer derzeitigen Regierung kein weiteres Wort verlieren (das bisher geplante Rauchverbot für die Gastronomie wurde nicht in der geplanten Form umgesetzt, Anm.). Und sowohl beim Alkohol, als auch beim Rauchen, muss man solche Grenzen auch exekutieren. Sonst ist die Verordnung letztendlich zahnlos.

Wo es gelungen ist, das Image zu ändern, ist das Thema Alkohol am Steuer. Heute wird unter Jugendlichen beim Fortgehen fast immer jemand auserkoren, der alle nachhause fährt und nicht trinkt (für Probeführerschein-Besitzer gilt eine Grenze von 0,1 Promille, Anm.).

Kann man preislich ebenfalls steuernd eingreifen? Die Zigarettenpreise etwa werden laufend erhöht. Eine Packung kostet mittlerweile durchschnittlich fünf Euro.

Nur dann, wenn es in einer Größenordnung ist, die als schmerzhaft erlebt wird. Wenn etwas hochattraktiv ist, funktioniert aber nicht einmal das. Dann ist man bereit, viel dafür auszugeben.