Augenblicke später kommt sie mit einer jungen Frau zurück. "Das ist Daria (Name geändert, Anm.), sie wird heute an ihrer Zeichnung weiterarbeiten." Daria K. nickt und greift nach Stift und Zeichnung. Sie ist eine von 9490 Personen, die in Österreich mit
1. April 2019 inhaftiert sind - so viele wie nie zuvor.

Österreichs Gefängnisse sind überfüllt. Es gibt zu wenige Beamte, die sind deshalb überfordert; Häftlinge bekommen weniger Freiheiten und weniger Beschäftigungsmöglichkeiten. Auch die Volksanwaltschaft, die den Gefängnissen Überraschungsbesuche abstattet, kritisiert immer wieder Mängel in der gesundheitlichen Versorgung und die lückenhafte Betreuung. Dabei soll gerade die Ausbildung im Justizvollzug zur Resozialisierung beitragen. Deshalb gibt es in Österreichs Justizanstalten eigene Betriebe und Werkstätten, vereinzelt auch Berufsschulen.

In der Justizanstalt werden bereits in der Untersuchungshaft sogenannte "Schnupperlehren" angeboten. Zur Wahl stehen: Metall- und Holzbearbeitung, Kfz-Techniker, Keramiker, Maler, Maurer, Tapezierer, Textilreiniger, Gastgewerbe, Elektriker und Buchbinder. Und für die Mädchen und junge Frauen: Köchin, Nageldesign und eben Friseurin.

Obritzhauser, eine Frau mit ausgeprägten Lachfalten und von ruhiger Gelassenheit, arbeitete einst in einem Friseursalon, dann in einer Berufsschule. Bis ein Bekannter ihr von einem Job im Gefängnis erzählte: "Es hat mich immer schon interessiert, wie es im Gefängnis zugeht. Da hab’ ich mir gedacht: Warum nicht?" Seither kümmert sich Obritzhauser um Schnupperlehrlinge, jährlich werden es mehr. 2018 haben 35 junge Frauen bei ihr gelernt. Haare dürfen sie nur an Kunsthaarskalps schneiden.

"Da bin ich hartnäckig"

Die Mädchen seien oft nur für drei bis fünf Wochen da, sagt Obritzhauser. Wer würde sich da schon die Haare schneiden lassen: "Die schneiden zweimal rein und man ist verschnitten." Außerdem hätten die Beamten keine Zeit, um potenzielle Frisurmodelle aus ihren Zellen zu holen. "Aber bei uns sind immer wieder auch Friseure eingesperrt. Da gehen die Häftlinge dann hin."

Die Lehrlinge nutzen die Vormittage bei Frau Obritzhauser, um ihre Haare zu machen. Dabei müssen sie aneinander üben. "Auch wenn es ihnen oft nicht passt, wie die andere die Haare glättet. Da bin ich dann hartnäckig", sagt sie.

Hinter den Gefängnismauern vermittelt sie den Unterrichtsstoff der ersten Klasse Berufsschule. Fachzeichnen, Charaktermasken, Eindrehübungen an Köpfen und als Vorübung für das Schneiden später werden Scheitel gezogen und Strähnen abgeteilt.

"In erster Linie ist es eine Beschäftigungstherapie für die Mädchen. Man schaut, dass man ihnen einen Gusto macht. Ich verdonnere sie nicht zu etwas, ich lass sie auch mitbestimmen, damit der Alltag ein bisschen angenehmer ist."