Am 4. Juni 1919 wusste die "Wiener Zeitung" Folgendes zu berichten: "Bisher sind aus Amerika Lebensmittel für die Ausspeisung von 50.000 Kindern durch 100 Tage eingelangt." Durch die US-Hilfe würden "in ganz Deutschösterreich 123.000 Kinder täglich (...) ausgiebiges Essen erhalten."

Wie war diese Hilfe durch die "Feinde" möglich, befand sich doch Österreich zum Zeitpunkt erster großer Hilfslieferungen der Amerikaner im Frühjahr 1919 mit diesen sogar noch offiziell im Kriegszustand? Wie war es möglich, dass die US-Regierung die im eigenen Land zunächst nicht wirklich populäre Maßnahme wagte, den "Feinden" um viel Steuergeld Unterstützung zu leisten? Und wie war es möglich, dass Aktionen, die nach einer Expertenschätzung letztlich insgesamt rund zwei Millionen Menschen in Österreich direkt zugutekamen, im Gegensatz zur US-Hilfe nach dem Zweiten Weltkrieg, heute fast vergessen werden konnten?

Weite Umwege
in die Vergangenheit

Der Sohn eines Quäkers, Herbert Hoover, war der Motor aller US-Hilfen in Österreich und Europa.
Der Sohn eines Quäkers, Herbert Hoover, war der Motor aller US-Hilfen in Österreich und Europa.

Diesen Themen wird sich Donnerstag und Freitag kommender Woche erstmals ein hochkarätiges Symposium an der Akademie der Wissenschaften widmen. Es ist für Interessierte frei zugänglich. Abenteuerlich wie das Zustandekommen der Hilfslieferungen sind auch Umwege, die zu diesem Symposium geführt haben. Denn an der Wiege dieser internationalen Begegnung von Experten und höchstrangigen Diplomaten steht ein einfacher Privatmann: der Auslandsösterreicher Gregor Medinger (75) aus New York. Er war in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ausgewandert und hat in den USA als Jurist Karriere gemacht. Einmal in Pension wollte er "nicht Golf spielen." Denn dazu hatte er als Vorstandsmitglied der American-Austrian-Foundation zu viele Interessen. Bei einer Surftour im Internet stieß er zufällig eines Abends auf ein ihm bis dahin unbekanntes Porträtbild seiner Mutter und seiner Tante aus den 20er Jahren in einem Auktionskatalog. Seine Recherchen ergaben bald eine völlig neue Sicht auf unbekannte Facetten der eigenen Familiengeschichte. "Fee und Dolly" waren Teilnehmerinnen einer der Kinderverschickungen der Hungerzeit gewesen, mit denen nach 1919 Wiener Kinder vor allem in den Niederlanden, der Schweiz, Schweden und Dänemark "aufgepäppelt" worden waren.

Eine abenteuerliche Spurensuche mit Ölbild

Zum Dank hatte Medingers Urgroßvater das Porträtbild seiner Töchter der Pflegefamilie Nach Harlem in den Niederlanden geschickt.

Vom Hungertod bedrohte Säuglinge im Jahr 1919.
Vom Hungertod bedrohte Säuglinge im Jahr 1919.

Medinger erfasste nun in einem Kontakt mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften den Umfang der damaligen internationalen Hilfsaktionen für die notleidenden Wiener Kinder. Dort traf er auf Franz Adlgasser vom Institut für Neuzeit und Zeitgeschichtsforschung. Dessen Dissertation hatte Medinger in der "Library of Congress" in Washington schon einmal ausgegraben gehabt.