Wien. Im Zusammenhang mit dem voranschreitenden Klimawandel und Maßnahmen dagegen war zuletzt ein Satz omnipräsent: Wir essen zu viel Fleisch. Oder anders gesagt: Wer weniger Fleisch isst, wirkt damit einer ganzen Kette an klimaschädlichen Faktoren entgegen. Laut dem aktuellen Sonderbericht des Weltklimarates IPCC wird nämlich bereits mehr als ein Viertel der globalen Landfläche unseres Planeten als Weideland oder für den Anbau von Tierfutter genutzt. Allein für die Fleischproduktion in Österreich werden laut Bericht pro Jahr mehr als 500.000 Tonnen Soja aus Übersee importiert, für die oft wichtige Wälder abgeholzt werden. Und die Kühe selbst stoßen bei der Verdauung Methan aus: neben CO2 ein weiteres starkes Treibhausgas.

Aktuell zeichnet sich allerdings noch kaum eine Änderung im Ernährungsverhalten der Österreicher ab. Männer konsumieren das Dreifache an Fleisch pro Woche als empfohlen, sagt die Ernährungswissenschafterin Tina Ganser im Interview mit der "Wiener Zeitung". Österreicher essen generell wenig Obst und Gemüse - dafür sehr viel Fett und Zucker.

"Wiener Zeitung": Was essen Österreicher?

Tina Ganser, MSc; ist selbständige Ernährungswissenschafterin und Kochbuchautorin mit den Spezialkompetenzen Kochkurse und Foodstyling. Zudem bietet sie Workshop für Erwachsene und Kinder an. Vor zwei Wochen ist ihr Kochbuch "Gemüseliebe" mit Rezepten und Informationen zu den Gemüsesorten  erschienen. - © privat
Tina Ganser, MSc; ist selbständige Ernährungswissenschafterin und Kochbuchautorin mit den Spezialkompetenzen Kochkurse und Foodstyling. Zudem bietet sie Workshop für Erwachsene und Kinder an. Vor zwei Wochen ist ihr Kochbuch "Gemüseliebe" mit Rezepten und Informationen zu den Gemüsesorten  erschienen. - © privat

Tina Ganser: Sie essen wenig Obst und Gemüse. Laut Empfehlungen sollte man ja zwei Portionen Obst und drei Portionen Gemüse pro Tag essen. Mann und Frau nehmen viel zu wenig zu sich, nämlich jeweils nur eine Portion. Obst und Gemüse liefern uns nicht nur viele Vitamine, sondern auch Ballaststoffe, die für die Verdauung wichtig sind. Die empfohlene Menge für Ballaststoffe ist 30 Gramm pro Tag. Laut dem Ernährungsbericht 2017 haben 14 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen diesen Referenzwert nicht erreicht. Frauen nehmen 20 Gramm Ballaststoffe zu sich, weniger als bei den Männern.

Welche Veränderungen bezüglich der Ernährung gibt es nach dem Ernährungsbericht 2017?

Tendenziell bleiben die Ernährungsgewohnheiten weitgehend gleich. Das sieht man auch, wenn man den Ernährungsbericht 2012 und 2017 miteinander vergleicht.

Wie oft konsumieren Österreicher Fleisch?

Laut den österreichischen Ernährungsempfehlungen sollte man drei bis vier Portionen (300 bis 450 Gramm) Fleisch pro Woche zu sich nehmen. Männer konsumieren das Dreifache, nämlich 900 bis 1320 Gramm Fleisch pro Woche. Frauen kommen ein bisschen näher heran, sie essen jedoch auch noch zu viel, um die 580 Gramm.

Halten sich Österreicher an die Ernährungspyramide oder gibt es da auch Abweichungen?

Sie halten sich nicht daran, wir essen zu viel Fleisch und zu wenig Obst und Gemüse. Beim Trinken treffen sie sie sehr gut. Im Schnitt trinken wir mehr als das, was empfohlen wird, sowohl Männer als auch Frauen. Wasser ist unsere Grundlage, weil wir zu 60 Prozent aus Wasser bestehen. Es ist Hauptbestandteil unseres gesamten Organismus und übernimmt wichtige Funktionen im Körper, wie zum Beispiel die Regulation der Körpertemperatur.

Gleichzeitig nehmen wir zu wenig Milchprodukte zu uns, Frauen erreichen lediglich der Hälfte der empfohlenen Menge (drei Portionen pro Tag). Auch beim Fett sparen wir nicht, 30 Prozent der Gesamtenergie, die man täglich zu sich nimmt, sollten aus Fett bestehen. Österreicher überschreiten das mit fast 36,8 Prozent. Dies geht zu Lasten der Aufnahme von Kohlenhydraten, die mit 45,3 Prozent zu gering ist (anstatt 50 bis 55 Prozent).

Wie oft pro Woche sollte man Sport betreiben? Wird das neben Beruf oder Studium eingehalten?

Die Empfehlungen lauten 150 Minuten pro Woche körperliche Aktivität mit mittlerer Intensität (zum Beispiel schnelles Spaziergehen oder auch Gartenarbeit). Oder 75 Minuten pro Woche mit höherer Intensität (zum Beispiel Radfahren oder Laufen). Zusätzlich zwei Mal pro Woche muskelkräfitgende Übungen. Idealerweise auf mehrere Tage die Woche aufgeteilt. Dies wird von der Mehrheit getroffen. Jeder dritte Österreicher macht regelmäßig Sport.

Wie gesund sind saisonale und regionale Produkte für die Gesundheit?

Regionale und saisonale Produkte sind definitiv zu bevorzugen, insbesondere bei Obst und Gemüse. Abgesehen davon, dass es besser für die Umwelt ist, hat es auch aus ernährungswissenschaftlicher Sicht viele Vorteile. Regionales Obst und Gemüse wird später geerntet, kann also vollständig ausreifen. Sie haben somit den höchsten Vitamingehalt und auch andere wichtige Pflanzennährstoffe.  Saisonale Freiland-Tomaten besitzen auch um ein Drittel mehr Vitamin C als Tomaten aus den Gewächshäusern.

Sollte man lieber das Selbstgekochte essen oder außer Haus? Wie ist das neben Beruf oder Studium zu planen?

Auch, wenn man außer Haus isst, kann man sich gesund ernähren. Das hat natürlich jeder in der Hand, was er isst. Selbst kochen ist immer besser, denn ich weiß, was drinnen ist. Es gibt aber auch gute, schnelle Produkte für Berufstätige oder Studierende. Oder gute, schnelle Rezepte, die man zu Hause kochen kann. Verwenden Sie Tiefkühlgemüse für ein leckeres Pastagericht. Das geht nicht nur schnell, sondern ist gesund und schmeckt.

Was soll am meisten konsumiert werden?

Die Basis bildet nach der Ernährungspyramide das Trinken (mindestens 1,5 Liter pro Tag) sowie Obst und Gemüse (fünf Portionen am Tag). Täglich fünf Portionen Getreide und Erdäpfel. Greifen Sie am besten zu Vollkornprodukten, diese liefern nicht nur viele Vitamine und Mineralstoffe, sondern sättigen auch. Als Eiweißquelle, wovon wir 15 bis 20 Prozent der Gesamtenergie zu uns nehmen sollen, können wir abwechselnd zu Fisch, Fleisch, Eiern oder Hülsenfrüchten greifen.

Sollten wir nach 18 Uhr nichts mehr essen?

Das ist sehr individuell, manche Leute vertragen es nicht, wenn sie spät essen, oder sie schlafen schlecht. Prinzipiell gilt, hören Sie auf Ihren Körper, greifen Sie am Abend zu jenen Lebensmittel, die Sie vertragen. Grundsätzlich ist jedoch zu sagen, dass diese 18-Uhr-Grenze ein Mythos ist. Wir nehmen nicht schneller zu, wenn wir später essen. Kalorien richten sich nicht nach der Uhrzeit. Ist die Kalorienaufnahme höher als unser Kalorienverbrauch, nehmen wir zu, unabhängig davon, zu welcher Tageszeit ich sie esse.

Werden die drei großen Mahlzeiten neben Beruf oder Studium immer eingehalten?

Laut dem Ernährungsbericht wurden diese eingehalten. Auch, wenn man das Frühstück nicht direkt nach dem Aufstehen isst, sondern erst beim Arbeiten, fällt es noch unter Frühstück. Generell ist zu sagen, dass es wichtig ist, regelmäßig zu essen und nicht zu viele Snacks zwischendurch. Machen Sie zwischen den Hauptmahlzeiten auch Esspausen.

Österreicher essen zu viel Zucker. Stimmt das?

Laut einer Studie der WHO sollen maximal zehn Prozent der Gesamtenergiezufuhr rein aus Zucker bestehen. Das entspricht rund fünf Stück Würfelzucker. Wir Frauen überschreiten das. 88,8 Prozent der Frauen und 81,4 Prozent der Männer überschreiten die Empfehlungen. Das heißt, wir Frauen nehmen anstatt zehn Prozent der Gesamtenergie 17,6 Prozent zu uns. Bei den Männern sind 16,5 Prozent.

Welche Tipps haben Sie zur Gewichtsreduktion?

Ernähren Sie sich gesund und ausgewogen. Die Basis soll das Trinken sein (am besten Wasser – Finger weg von Limonaden, diese liefern sehr viel Zucker) und fünf  Portionen Obst und Gemüse am Tag. Greifen Sie bei den Getreideprodukten zu Vollkorn, diese halten Sie länger satt. Vergessen Sie nicht, mit Freude und Genuss zu essen. Nahrung ist viel mehr als nur Nährstofflieferant, sie kann zum Beispiel Kindheitserinnerungen wecken oder uns in Urlaube zurückversetzen. Essen sollte immer ein Gaumengenuss sein. Sie müssen auf nichts verzichten, essen Sie mit Maß und bewusst. Greifen Sie selbst zum Kochlöffel, so wissen Sie, was drinnen steckt.

Um nachhaltig abzunehmen, sollte der Gewichtsverlust nicht zu schnell gehen. Ideal ist, ein bis zwei Kilogramm Gewicht pro Monat zu verlieren. Wenn man in kleinen Schritten die Ernährung umstellt, hat man immer wieder kleine Erfolgserlebnisse.