Zahlreiche Zusätze respektive Änderungen würden zudem quasi in letzter Minute hineinreklamiert, ergänzt der Linguist Benedikt Lutz. Dieser Entstehungsprozess ist seiner Ansicht nach sogar der Hauptgrund dafür, warum selbst aus der heutigen Zeit stammende Gesetzesnovellen meist schwierig zu lesen sind. "Die Gesetze sind politische Kompromisse. Manchmal sind sich die Beteiligten nicht ganz einig, das macht es uneinheitlich, systematisch nicht durchdacht." Lutz ist Lehrgangsleiter am Department für Wissens- und Kommunikationsmanagement der Donau-Universität Krems. Er hält unter anderem Kurse zur verständlicheren Gestaltung von Gesetzen und Bescheiden und tritt ebenfalls für eine bürgerfreundliche Übersetzung ein.

Fachjargon dient dem Gruppenzusammenhalt

Dass Gesetze, aber auch gerichtliche Bescheide sowie behördliche Entscheidungen und deren Begründungen absichtlich in einem verschachtelten Amtsdeutsch verfasst werden, damit sie nur ein Anwalt verstehen kann, glaubt Lutz nicht. Freilich gebe es einen gewissen sozialen Aspekt, im Fachjargon zu kommunizieren, sagt er. Dieser sei tatsächlich nicht "funktional notwendig", sondern diene dem Gruppenzusammenhalt, der Abgrenzung nach außen -ähnlich der Jugend- oder Jägersprache. Die Formulierung: "Die Klage wird abschlägig beschieden", könnte zum Beispiel schlicht lauten: "Die Klage wird abgewiesen." Wird im Text gegendert, mache das das Lesen freilich auch nicht einfacher.

- © Aus dem Justiz-Comic "Wenzel & Sohn - Kanzlei für heikle Fälle" von Philipp Heinisch und Michael Schmuck.
© Aus dem Justiz-Comic "Wenzel & Sohn - Kanzlei für heikle Fälle" von Philipp Heinisch und Michael Schmuck.

Was bei Rechts- und Behördentexten aber noch dazukomme, seien unumgängliche Fachbegriffe, sagt Lutz. Schraubt man an diesen, verändert man womöglich den Inhalt. Es sei zum Beispiel ein gravierender Unterschied, ergänzt der Jurist Schmuck, ob von einem Einverständnis, einer Einwilligung oder einer Genehmigung die Rede ist. Bei rund der Hälfte aller Rechtsstreitigkeiten gehe es seiner persönlichen Erfahrung nach nicht um rechtliche Aspekte, sondern darum, "dass jemand die Paragrafen nicht richtig lesen konnte". Aus Angst, deren Inhalt dramatisch zu verändern, greife man die sprachliche Ebene daher oft gar nicht erst an.

Rechtslinguistische Grundlagenforschung

Die Österreichische Gesellschaft für Rechtslinguistik würde sich dennoch dafür anbieten - den Personenstab zur Überarbeitung der Rechtsvorschriften gäbe es also schon. Der gemeinnützige Verein, der im Jahr 2017 gegründet wurde, ist keiner Universität zugeordnet, hatte aber bereits Verträge mit der Universität Wien und zählt hauptsächlich Forscher und Praktiker aus den Bereichen der Linguistik und Rechtswissenschaften zu seinen Mitgliedern. "Die Herrschaft des Rechts ist eine Herrschaft der Sprache", sagt Vorsitzender Daniel Leisser. Der Verein arbeite daher daran, die rechtslinguistische Grundlagenforschung in Österreich aufzubauen und voranzutreiben.

Der Fokus liege dabei auf der angewandten Rechtslinguistik, betont Leisser, und nicht auf der Theorie, in der man mit abstrakten Erklärungsversuchen arbeite. Im angewandten Bereich könnte man zum Beispiel während der Genese von Rechtsvorschriften seine Expertise einbringen. Der Verein habe dazu das Justizministerium gemeinsam mit der Parlamentsdirektion zu seiner Konferenz "Contemporary Approaches to Legal Linguistics" eingeladen, die von 8. bis 10. November an der Universität Wien stattfindet (oegrl.com/index.php/de/konferenz-2019).