Von wegen "stille Zeit" - der Advent gehört für viele nicht zur ruhigsten Zeit des Jahres, sondern kann sich zur affektiven Belastung entwickeln. Weihnachten sei erfahrungsgemäß "die Nacht der Emotionen", sagte Franz Lang, Direktor des Bundeskriminalamtes (BK). Trennungsabsichten, Arbeitslosigkeit oder Suchtmittelmissbrauch können zu blutigen Beziehungstaten führen, meist sind Frauen die Opfer.

Im vergangenen Jahr war es zu auffallend vielen Frauenmorden in Österreich gekommen. Von Jänner bis Oktober 2018 verzeichneten die Behörden 57 Mordopfer (33 Frauen und 24 Männer), im Vergleichszeitraum 2019 waren es 51 Opfer (32 Frauen und 19 Männer). Noch nicht ins Jahr 2019 miteingerechnet ist etwa der Fall eines 53-Jährigen, der am Tag nach dem zweiten Advent im Bezirk Mistelbach seine Lebensgefährtin erstochen haben soll. Wahrscheinlich nicht der letzte Fall. Im vergangenen Jahr hat etwa ein Mann in Wien-Donaustadt seine Ehefrau kurz vor Weihnachten nach einem Eifersuchtsstreit in der Badewanne ertränkt.

Deshalb wurde vom damaligen Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) zu Jahresbeginn im BK eine Screening-Gruppe eingesetzt, die alle geklärten Mordfälle aufrollen sollte. Auch wenn das Screening aller untersuchten Mordfälle im Jänner 2019 zu dem Schluss kam, dass 66 Prozent der Opfer weiblich waren, gab es laut Lang in der Vergangenheit immer wieder mal eine Zunahme weiblicher Opfer. Damals waren aber zum Beispiel Serienmörder wie Jack Unterweger daran schuld. Unterweger zeichnete laut Gericht für insgesamt zehn Morde verantwortlich.

Beamte bei Wegweisungen sensibilisiert

Erst vor acht Jahren wurde zuletzt ein Anstieg weiblicher Opfer gegenüber männlicher verzeichnet, sagte Lang. In letzter Zeit handelt es sich jedoch um Einzeltaten, wie am Montag die Bluttat in Niederösterreich. Beamte seien deshalb bei Wegweisungen bereits sensibilisiert. Bereits in der Grundausbildung werde trainiert, was besonders emotionstreibende Faktoren seien, sagte Lang. Dazu gebe es eine Checkliste, um die Höhe des Gefährdungsgrades einzuschätzen.

Besonders das Messer als Tatwaffe rückte in den letzten Fällen in den Fokus. In 59 Prozent der versuchten und vollendeten Tötungsdelikte, die von der beim BK etablierte Expertengruppe untersucht wurde, war eine Stichwaffe das Tatmittel. Die ständige Verfügbarkeit einer Stichwaffe im öffentlichen Raum muss laut BK-Direktor untersucht werden. Dazu schauen sich Kriminalexperten die Rechtslage in Europa an - etwa wie Länder wie Großbritannien, die Niederlande und Deutschland diese Herausforderungen in den Griff bekommen hat. Dort gebe es etwa Tragebestimmungen für gewisse Arten von Messern, etwa jenem wo die Klinge aus dem Griff herausgeschoben werden kann. "Wir sehen uns an, wie sich das in den anderen Ländern nun entwickelt hat", sagte Lang.

Doch nicht nur Beziehungstaten, auch sogenannte Lebensbilanzmorde sind laut Lang gerade zur Weihnachtszeit ein trauriges Phänomen. Dabei handle es sich um alte Ehepaare, die aufgrund von Krankheit und Pflege keine Zukunft mehr sehen. Um auch auf ältere Menschen besser eingehen zu können, wurden etwa in den vergangenen zwei Jahren Beamte zu demenzfreundlichen Polizisten ausgebildet. In freiwilligen Schulungen haben sie den Umgang mit Demenzkranken absolviert. (apa)