"In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen . . ."

Die Geburt Jesu, die im Lukas-Evangelium folgt, wurde etwa ein halbes Jahrhundert nach Jesu Tod erstmals verschriftlicht. Erzählt wird sie nicht nur im Lukas- und im Matthäus-Evangelium, sondern auch in einigen apokryphen Evangelien, die dabei zum Teil Leerstellen ausfüllen, erklärt Martin Stowasser, Vizedekan der Katholisch Theologischen Fakultät der Universität Wien. "Da gibt es dann auch Erzählungen zur Kindheit und Jugend Jesu, in denen er schon als Kind Wunder wirkt und nicht erst als Erwachsener."

Als die frühchristliche Evangelientradition nach und nach über Jesu Leben und Wirken nachzudenken begann, entstand auch der Gedanke, der in antiken Biografien häufig ist, "dass die Bedeutung einer Person sich nicht erst im Erwachsenenalter zeigt, sondern auch schon in ihrer Kindheit und Jugend beziehungsweise in ihrer Geburt", so Stowasser. Dass dieser Topos im Markus-Evangelium nicht vorkommt, hängt vielleicht damit zusammen, dass es älter ist (um 70 n. Chr.).

Das zweite Motiv dieser Verkündigungsgeschichte neben der jungfräulichen Empfängnis (die im Proto-Evangelium des Jakobus mit der Überprüfung des Hymen noch weiter untermauert wird) ist Betlehem als Geburtsstadt: "In der frühjüdischen Erwartung sollte der Messias nach der Tradition des Micha-Buches aus dieser Stadt Davids kommen." Das Johannes-Evangelium geht in der christologischen Reflexion noch einen Schritt weiter: "Da ist keine Geburtserzählung an den Anfang gestellt, sondern es heißt dort, dass Jesus aus der Ewigkeit Gottes stammt", erläutert der Bibelforscher. "Er ist präexistent."

Lässt sich tatsächlich eine genealogische Linie von König David bis Jesus ziehen? "Ob es eine Glaubensaussage ist oder ob ein historischer Anhaltspunkt dahintersteht, ist schwer zu entscheiden", so Stowasser. "Die beiden Stammbäume im Matthäus- und im Lukas-Evangelium sind grundlegend verschieden, sie sind also offenkundig Konstrukte, die Aussagen bezwecken. Jener bei Lukas reicht bis Adam zurück, um auszudrücken, dass Jesus der Retter der ganzen Menschheit ist, während Matthäus als Judenchrist die Verankerung in Israel und in Davids Haus wichtig ist. Ob Josef von Nazareth tatsächlich von David abstammte, ist schwer festzumachen, unplausibel ist es nicht."

Jesus und seine Brüder

Apropos Verwandte: Auch dafür, dass Johannes der Täufer Jesu Cousin war, gibt es keinen Beleg. "Wir wissen aber, dass Johannes Jesu theologischer Lehrer war." Für die historisch verbriefte Figur wird aber auch eine besondere Lebensentstehung geschildert, mit Elisabet als alter, unfruchtbarer Mutter. Dass dies bei Jesus noch übersteigert wird, ließe sich mit einem späteren Konkurrenzverhältnis zwischen einer Jesus- und einer Johannes-Gruppe in der beginnenden Kirche erklären. "Man wollte damit zeigen, dass Jesus noch höher steht als Johannes."

Vor allem in den apokryphen Evangelien werden Jesu Familienverhältnisse näher ausgeführt. So hatte der Witwer Josef wohl vier Söhne und drei Töchter aus erster Ehe und führte in seinem Heimatdorf eine kleine Landwirtschaft neben seinem Job, den Markus im griechischen Originaltext als "tekton" bezeichnet, was so viel wie Bauhandwerker heißt.

Während Lukas eine große Volkszählung (in Wahrheit bloß ein Lokalzensus im Jahr 6 n. Chr.) als Grund dafür anführt, dass Josef und Maria nach Betlehem ziehen, lebt die Familie bei Matthäus bereits dort und flüchtet vor dem Kindermord des Königs Herodes nach Ägypten. "Da ist die Mose-Typologie sehr stark: Israels künftiger Retter wird als Kind vom Herrscher bedroht und auf wundersame Weise gerettet, ehe er selbst sein Volk rettet." Ein Rückgriff auf das Alte Testament also.

Auch die Weisen aus dem Osten sind ein wichtiges Erzählmotiv bei Matthäus: "Damit versucht er, in seiner Gemeinde den Gedanken zu etablieren, dass auch die Heiden in Gottes Volk gerufen sind und sich zum Messias bekennen. Im Hintergrund steht vermutlich das alttestamentliche Motiv der Völkerwallfahrt: Die Heiden kommen nach Jerusalem und beten den Messias beziehungsweise Jahwe an. Auch ihre symbolischen und wertvollen Geschenke haben gewisse Rückbezüge auf das Alte Testament."

Noch eine Anmerkung Stowassers zu König Herodes: "Laut dem Historiker Flavius Josephus hat er seine Familie praktisch ausgerottet, um seinen Thron langfristig abzusichern. Von einem großen Kindermord berichtet Flavius aber nicht. Wenn man bedenkt, wie negativ und abwertend er Herodes sonst beschreibt, hätte er sich so etwas aber wohl nicht entgehen lassen."